
Michael Mittermeier in Mannheim: Wild, schnell und treffsicher
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Ein Mikrofon, eine große Bühne und ein Mann, der kaum länger als ein paar Sekunden stillstehen kann. Mehr braucht Michael Mittermeier in Mannheim am 22. Januar 2016 nicht. Hinter ihm prangt „WILD“ in großen Buchstaben, davor springt, gestikuliert, grimassiert und imitiert der Comedian durch einen Abend, bei dem die nächste Pointe oft schon unterwegs ist, bevor die vorherige vollständig verklungen ist. Gerade einmal wenige Tage zuvor war die neue Tour gestartet. Im Rosengarten zeigt sich schnell: Nach „Blackout“ ist Mittermeier wieder voll auf Betriebstemperatur.
„Wild“ ist sein mittlerweile siebtes großes Liveprogramm und nimmt den Titel ziemlich wörtlich. Die Welt ist komplizierter geworden, Politiker liefern ständig neues Material und irgendwo zwischen sozialen Netzwerken, internationalen Krisen, Familienalltag und alltäglichem Wahnsinn versucht Mittermeier, Ordnung ins Chaos zu bringen. Das funktioniert natürlich nicht. Für einen Comedyabend ist genau das die bessere Nachricht.
Ein Mann, ein Mikrofon und ständig neue Figuren
Mittermeiers Stärke liegt seit jeher darin, eine Szene mit wenigen Bewegungen komplett zu verändern. Ein anderer Blick, eine veränderte Körperhaltung, eine Stimme, und plötzlich steht gefühlt eine zweite Person auf der Bühne. In Mannheim jagt er durch Charaktere, Akzente und Situationen, ohne dafür Requisiten oder aufwendige Bühnenbilder zu benötigen.
Mal schleichen Serienkiller durch seine Geschichten, dann geraten Modelleisenbahnbesitzer ins Visier. Wenig später tauchen politische Figuren auf. Barack Obama, Wladimir Putin und George W. Bush finden ebenso ihren Weg ins Programm wie ein nordkoreanischer Diktator. Mittermeier mischt reale Politik mit Popkultur und lässt zwischendurch auch Winnetou oder Meister Yoda durch seine Gedankenwelt laufen.
Das klingt auf dem Papier nach einem ziemlich wilden Themenhaufen. Auf der Bühne hält ihn vor allem Mittermeiers Tempo zusammen. Er erzählt eine Geschichte, biegt scheinbar ab, verliert sich kurz in einer Nebenfigur und landet Minuten später genau bei der Pointe, die längst vergessen schien.
Politik bekommt ihr Fett weg
„Wild“ entstand in einer Zeit, in der Nachrichtenstoff wahrlich nicht knapp war. Flüchtlingsdebatte, internationale Konflikte und politische Selbstdarstellung liefen täglich über die Bildschirme. Mittermeier greift diese Stimmung auf, aber nicht als klassisches politisches Kabarett. Seine Figuren bleiben überzeichnet, die Pointen schnell und der Blick bewusst aus der Perspektive eines Stand-up-Comedians.
Da werden aus mächtigen Staatschefs plötzlich ziemlich kleine Menschen mit sehr großen Egos. Autoritäten verlieren ihren Glanz, sobald Mittermeier ihnen eine Stimme gibt oder ihre Gesten auseinanderbaut. Selbst düstere Themen bekommen einen absurden Dreh. Nicht jede Pointe ist bequem. Einige sind bewusst kantig, manche schießen weit über die gepflegte Sonntagabendunterhaltung hinaus.
Genau dort fühlt sich Mittermeier sichtbar wohl.
Meister Yoda, MacGyver und die Popkultur im Kopf
Wer Mittermeier seit „Zapped“ kennt, weiß, dass Fernsehen und Kino bei ihm selten lange draußen bleiben. Auch in „Wild“ tauchen immer wieder Figuren auf, die mit der Realität zunächst wenig zu tun haben und wenige Sekunden später erstaunlich gut hineinpassen.
Meister Yoda gehört ebenso dazu wie Erinnerungen an die Popkultur früherer Jahrzehnte. Selbst MacGyver, seit Jahren ein wiederkehrender Bewohner des Mittermeier-Universums, bekommt erneut seinen Platz. Der Mann, der aus Büroklammer und Kaugummi die Welt retten konnte, passt ohnehin hervorragend in ein Programm über eine Zivilisation, die scheinbar ständig kurz vor dem nächsten Problem steht.
Gerade diese Sprünge machen den Abend leicht. Eine politische Passage wird nie zu lange ausgewalzt, bevor irgendeine absurde Filmfigur um die Ecke kommt. Dann folgt eine Beobachtung aus dem Alltag. Wieder eine Stimme. Eine Grimasse. Kurze Pause.
Lachen.
Weiter.
Mittermeier braucht keine große Showmaschine
Während Comedyproduktionen immer häufiger mit aufwendigen Videowänden, Einspielern und großen Bühnenbildern arbeiten, bleibt Mittermeiers eigentliches Werkzeug erstaunlich traditionell. Stand-up in seiner direkten Form: ein Comedian, ein Mikrofon und ein Publikum. Bereits mit „Zapped“ hatte er Mitte der Neunziger entscheidend dazu beigetragen, diese Form der Comedy einem breiten deutschen Fernsehpublikum bekanntzumachen.
Zwanzig Jahre später funktioniert das Prinzip noch immer. Mittermeier ist dabei körperlicher als viele Kollegen. Er läuft nicht einfach von links nach rechts. Er springt in seine Geschichten hinein, spielt Figuren aus, verändert Stimme und Haltung und zieht die Pointe gelegentlich allein durch einen Gesichtsausdruck noch ein paar Sekunden weiter.
Der Rosengarten reagiert entsprechend. Immer wieder werden Pointen von lautem Lachen unterbrochen, und Mittermeier lässt genügend Raum, bevor er den nächsten Satz hinterherschickt. Der Rhythmus wirkt spontan, ist aber präzise gesetzt.
„Wild“ ist genau der richtige Titel
Mehr als zwei Jahrzehnte nach seinem großen Durchbruch hat Michael Mittermeier an diesem Abend wenig Interesse daran, kontrollierter zu wirken. Im Gegenteil. „Wild“ lebt von Geschwindigkeit, Übertreibung und einer Welt, die offenbar täglich neues Material produziert.
Politiker werden zerlegt, Popkultur wird durcheinandergeworfen, absurde Alltagsbeobachtungen landen neben internationalen Krisen. Und irgendwo dazwischen steht Mittermeier, verzieht das Gesicht, wechselt die Stimme und macht aus dem nächsten ernsten Thema schon wieder eine Szene.
Kein großes Finale mit Konfetti. Kein Feuerwerk nötig. Ein Mann. Ein Mikrofon.
Und genügend Wahnsinn für einen ganzen Abend.
Text & Foto © Boris Korpak | bokopictures













