
Faust in Worms: Goethe zwischen Autoradio und Leinwand
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Theater im Auto. Goethe über das Autoradio. Und eine Bühne, die zugleich Hörspielstudio, Konzertfläche und Schauspielraum war. Am 3. Juni 2020 feierte das Nationaltheater Mannheim mit „Faust“ von Kreutzberg Irle Premiere in der CARantena Arena Worms. Beginn war um 20.30 Uhr. Zwei Tage später wurde die Produktion beim CARStival in Mannheim gezeigt.
Für Faust in Worms hätte es zu diesem Zeitpunkt kaum einen passenderen Spielort geben können. Die Theater waren aufgrund der Corona-Pandemie geschlossen, reguläre Vorstellungen vor voll besetzten Rängen nicht möglich. Also saß das Publikum nicht im Zuschauerraum, sondern im eigenen Fahrzeug. Gesehen wurde die Inszenierung über Bühne und Leinwand, gehört über das Autoradio.
Schon dadurch bekam Goethes Stoff eine völlig andere Nähe. Kein roter Samt, kein Gong, kein gemeinsamer Atem im dunklen Saal. Stattdessen Windschutzscheibe, Frequenzsuche am Radio und eine Theaterproduktion, die sich auf diese ungewöhnlichen Bedingungen einließ.
Kreutzberg Irle machen aus „Faust“ ein Live-Hörspiel-Konzert
Die Idee stammte von Eddie Irle und Naomi Kreutzberg. Irle führte Regie, Kreutzberg verantwortete das Sounddesign. Zum vierköpfigen Ensemble gehörten Annemarie Brüntjen, Vassilissa Reznikoff, Eddie Irle und Patrick Schnicke.
Entstanden war keine verkleinerte Bühnenfassung, die aus der Not heraus ins Autokino verlegt wurde. Das Live-Hörspiel war als eigenständiges Format gedacht. Eddie Irle hatte die Grundidee nach eigener Aussage bereits Jahre zuvor im Kopf und entwickelte während der Corona-Zwangspause gemeinsam mit Naomi Kreutzberg eine eigene „Faust“-Version daraus.
Das passte erstaunlich gut in diese Zeit.
Denn plötzlich war Theater ohnehin gezwungen, über andere Formen nachzudenken. In Worms wurde daraus eine Mischung aus gesprochenem Text, Schauspiel, Live-Musik und Sound. Die Stimmen kamen direkt ins Auto, während das Geschehen gleichzeitig auf der Bühne und über die große Leinwand verfolgt werden konnte.
Goethes „Urfaust“ bekommt ordentlich Tempo
Inhaltlich orientierte sich die Produktion besonders an der frühen Fassung des „Urfaust“. Fausts Suche nach Erkenntnis, Leben und Erfüllung wurde dabei bewusst schnell und direkt erzählt. Die Produktion setzte weniger auf ehrfürchtige Klassikerpflege als auf Bewegung und musikalische Energie.
Das tat dem Stoff gut.
Goethes Sprache blieb als Fundament erhalten, wirkte in dieser Umgebung aber plötzlich anders. Wenn ein Text, den man aus Schule, Theater oder Literaturgeschichte kennt, über das Autoradio kommt, verliert er automatisch etwas von seiner musealen Distanz.
Dazu kam eine ungewöhnliche Rollenverteilung. Die Inszenierung hielt sich nicht streng an klassische Besetzungsmuster. Vassilissa Reznikoff übernahm beispielsweise Mephisto und spielte zugleich Bass; auch andere Rollen wurden innerhalb des Ensembles bewusst gegen gewohnte Erwartungen verteilt.
So bekam der Abend etwas Spielerisches, teilweise Rohes. Genau das passte zum Live-Hörspiel-Charakter.
Sounddesign wird zum eigentlichen Bühnenraum
Bei einem Hörspiel entscheidet der Klang darüber, wie groß eine Welt im Kopf werden kann. In der CARantena Arena kam noch eine besondere Situation hinzu: Der Ton landete unmittelbar im Fahrzeug.
Naomi Kreutzbergs Sounddesign bekam dadurch ein Gewicht, das bei einer normalen Theateraufführung anders verteilt wäre. Musik, Stimmen und Geräusche mussten nicht gegen einen großen Saal arbeiten. Sie kamen nah an die Zuschauer heran, obwohl zwischen Ensemble und Publikum mehrere Meter Abstand, Autoscheiben und Blech lagen. Dass Kreutzberg für das Sounddesign verantwortlich war, gehörte ausdrücklich zum Konzept der Produktion.
Das erzeugte einen reizvollen Widerspruch. Körperlich war das Publikum weiter von den Schauspielern entfernt als bei fast jeder normalen Aufführung. Akustisch saßen die Stimmen dagegen direkt im eigenen Auto.
Für ein Stück, in dem sich Wahrnehmung, Verführung und Wirklichkeit ständig verschieben, war das keine schlechte Voraussetzung.
Faust, Mephisto und ein Theater ohne Zuschauerraum
Natürlich ersetzt ein Autokino kein Theater.
Es fehlt das unmittelbare Zusammenspiel zwischen Bühne und Saal. Kein Rascheln, kein gemeinsames Lachen aus hunderten Sitzen, keine Stille, die plötzlich im ganzen Raum spürbar wird. Aber genau deshalb war dieser Abend interessant.
Das Nationaltheater Mannheim versuchte nicht, die alte Situation irgendwie nachzubauen. Stattdessen wurde aus den Einschränkungen ein anderes Format entwickelt.
Kreutzberg Irles „Faust“ funktionierte als Schauspiel, Konzert und Hörspiel gleichzeitig. Das Publikum musste dafür nicht vergessen, dass es im Auto saß. Dieser Umstand gehörte zum Erlebnis.
Gerade im Juni 2020 hatte das zusätzliche Bedeutung. Wochenlang waren Bühnen leer geblieben. Nun standen wieder Schauspieler vor Menschen. Noch auf Abstand, noch durch Windschutzscheiben getrennt, aber live.
Und ausgerechnet Goethe machte dabei den Anfang.
Eine ungewöhnliche Premiere in Worms
Die Wormser Aufführung am 3. Juni war die Premiere der Produktion. Am 5. Juni folgte das Gastspiel beim CARStival auf dem Mannheimer Maimarktgelände. Beide Termine gehörten zu den neuen Wegen, mit denen das Nationaltheater während der coronabedingten Schließung wieder Kontakt zum Publikum suchte.
Dieser „Faust“ brauchte dafür weder einen klassischen Bühnenraum noch schwere Kulissen.
Ein paar Schauspieler, Musik, Mikrofone, eine Leinwand und viele Autoradios reichten, um aus einem Wormser Parkplatz für einen Abend Theater zu machen.
So hatte Goethe vermutlich selbst seinen „Faust“ noch nicht gehört.
Text & Foto © Boris Korpak | bokopictures













