Haftbefehl live am 10. Juli 2020 beim CARStival auf dem Maimarktgelände Mannheim

Haftbefehl in Mannheim: Straßenrap hinter Windschutzscheiben

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Am 10. Juli 2020 wurde es auf dem Mannheimer Maimarktgelände deutlich rauer. Nach Pop, Reggae und Comedy stand beim CARStival diesmal Haftbefehl auf der Bühne. Rund 250 Autos verteilten sich nach einem zeitgenössischen Bericht auf dem Gelände, aus geöffneten Verdecken und Fenstern reckten Fans ihre Arme nach oben. Ein ausverkaufter Abend war es damit entgegen früheren Angaben nicht. Aber einer, bei dem schnell klar wurde, dass Deutschrap auch unter Autokino-Bedingungen funktioniert. 

Haftbefehl in Mannheim war ohnehin eine interessante Kombination. Aykut Anhan stammt aus Offenbach, also nicht gerade aus einer Welt, die geografisch weit weg liegt. Seine Musik klang trotzdem wie ein harter Gegenentwurf zu vielem, was in den Wochen zuvor auf der CARStival-Bühne stattgefunden hatte. Keine sommerliche Leichtigkeit, keine großen Popsongs. Stattdessen schwere Beats, eine raue Stimme und Texte, die ihre Wirkung gerade aus ihrer Direktheit ziehen.

Soufian macht den Anfang

Bevor Haftbefehl übernahm, stand mit Soufian ein weiterer Offenbacher Rapper auf der Bühne. Viel Zeit bekam er nicht. Rund zehn Minuten dauerte sein Auftritt an diesem Abend, genug für einen kurzen Vorgeschmack, bevor der Hauptact übernahm. 

Das passte trotzdem. Soufian war schon Jahre zuvor im Umfeld von Haftbefehl aufgetaucht und hatte 2015 einen Part auf dessen Album „Unzensiert“ übernommen. 

Dann wechselte die Bühne.

Und mit Haftbefehl kam ein Sound auf das Maimarktgelände, bei dem die Lautstärke im eigenen Autoradio ruhig ein Stück weiter nach oben durfte.

„Das weisse Album“ ist gerade einmal fünf Wochen alt

Der Mannheimer Termin fiel in eine wichtige Phase seiner Karriere. „Das weisse Album“ war erst am 5. Juni 2020 erschienen, also gerade einmal gut einen Monat vor dem CARStival. In den deutschen Albumcharts stieg es auf Platz vier ein. 

Mit „Bolon“, „RADW“, „1999 Pt. 5 (Mainpark Baby)“ und „Conan x Xenia“ mit Shirin David waren bereits mehrere Stücke daraus vorab veröffentlicht worden. Alle vier erreichten die deutschen Singlecharts, „Conan x Xenia“ und „1999 Pt. 5“ sogar die Top Ten. 

Damit stand in Mannheim kein Künstler, der ausschließlich seine alten Erfolge verwalten musste. Haftbefehl hatte gerade neues Material veröffentlicht, das musikalisch und textlich wieder sehr nah an jener düsteren Welt lag, für die er seit Jahren bekannt war.

Das passte zum Abend.

Zwischen neuen Tracks und „Russisch Roulette“

Trotz des aktuellen Albums blieb genügend Platz für ältere Stücke. Zeitgenössische Eindrücke vom Mannheimer Konzert dokumentieren einen Querschnitt, der von Material aus der „Russisch Roulette“-Phase bis zu den damals aktuellen Songs reichte. Auch „Ich rolle mit meim Besten“ sorgte für deutlich hörbare Reaktionen zwischen den Autoreihen.

Und genau hier zeigte sich, wie eigenartig ein Rapkonzert im Autokino wirken konnte.

Normalerweise stehen die Leute bei solchen Tracks dicht vor der Bühne. Sie rappen jede Zeile mit, bewegen sich im Beat, bilden eine gemeinsame Masse. Auf dem Maimarktgelände saßen sie verteilt in Fahrzeugen.

Manche lehnten sich aus dem Fenster. Andere standen bei geöffnetem Verdeck auf den Sitzen. Nach den Songs kamen Hupen und Lichtsignale zurück.

Nicht wirklich vergleichbar mit einem Club.

Aber definitiv besser als zuhause auf dem Sofa.

Haftbefehls Stimme braucht keine große Inszenierung

Bei Haftbefehl hängt viel an dieser sofort erkennbaren Stimme. Rau, gepresst und manchmal fast mehr herausgestoßen als gerappt. Dazu seine eigene Sprachwelt, in der Straßenslang, türkische, kurdische, arabische und andere sprachliche Einflüsse ineinanderlaufen.

Das ist längst zu einem festen Bestandteil seiner Musik geworden und hat weit über seine eigene Diskografie hinaus Spuren im deutschen Rap hinterlassen.

Auf der CARStival-Bühne brauchte es deshalb keine riesige Choreografie. Haftbefehl lief mit Mikrofon über die Bühne, der Beat erledigte den Rest. Auf der großen LED-Wand war er auch für die hinteren Fahrzeugreihen gut zu sehen.

Der Sound kam zusätzlich per UKW direkt ins Autoradio. Das CARStival war genau darauf ausgelegt: Bühne und Kamerabilder vorne, Übertragung auf die große LED-Fläche und der Ton im eigenen Fahrzeug. 

Bei basslastigem Rap hatte diese Konstruktion sogar etwas für sich.

Das Auto wurde für ein paar Stunden zur eigenen kleinen Bassbox.

Mannheim bekommt einen ziemlich direkten Haftbefehl-Abend

Was an diesem Konzert hängen blieb, war weniger eine perfekte Showdramaturgie als die Direktheit.

Haftbefehl musste das Autokino nicht schönreden. Die Fans ebenfalls nicht. Es war immer sichtbar, dass dies kein normales Konzert war. Rund 250 Fahrzeuge vor einer großen Bühne sind etwas anderes als eine volle Halle. 

Trotzdem entstanden bei den bekannten Tracks echte Reaktionen. Bei „Ich rolle mit meim Besten“ wurden Sprechchöre über das Gelände beschrieben, während das Programm verschiedene Phasen seiner Diskografie miteinander verband.

Und dann war da noch dieser Sonnenuntergang über dem Maimarktgelände. Vorne Haftbefehl mit Sonnenbrille und Mikrofon, dahinter Fans auf und in ihren Autos.

Text & Foto © Boris Korpak | bokopictures
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