
Gentleman in Mannheim: Reggae-Sommer beim CARStival
Beitrag teilen
Ein warmer Sommerabend, die Sonne stand noch über dem Maimarktgelände und aus den Lautsprechern kamen die ersten Reggae-Rhythmen. Für ein paar Stunden fühlte sich der 9. Juli 2020 in Mannheim erstaunlich weit entfernt von Kontaktbeschränkungen, abgesagten Festivals und leeren Clubs an. Gentleman beim CARStival Mannheim brachte genau die Musik auf die Bühne, die zu diesem Abend passte: entspannt, rhythmisch und mit genügend Energie, um selbst zwischen geparkten Autos Bewegung auszulösen. Der Auftritt ist im offiziellen Veranstaltungsarchiv des Maimarktgeländes für den 9. Juli dokumentiert.
Ganz normales Konzert war es natürlich noch lange nicht. Ein Teil des Publikums saß in den Fahrzeugen, andere Besucher hatten Plätze in den Open-Air-Lounges vor der ersten Autoreihe bekommen. Gerade dort kam erstmals wieder etwas von dem Gefühl zurück, direkt vor einer Bühne zu stehen und Musik nicht ausschließlich über das Autoradio zu hören.
Treesha eröffnet den Reggae-Abend
Bevor Gentleman übernahm, gehörte die Bühne zunächst Treesha. Die Sängerin, die Gentleman bereits länger als Backgroundstimme begleitete, eröffnete unter anderem mit „Balance Me Out“ und brachte den Platz langsam auf Temperatur.
Viel Anlauf brauchte es an diesem Abend ohnehin nicht.
Als Gentleman schließlich mit seiner Band auf die Bühne kam, passten Musik und Wetter fast ein wenig zu gut zusammen. Die Sonne ging langsam hinter dem Maimarktgelände unter, die Temperaturen waren sommerlich und vor den Autos entstanden immer mehr kleine Gruppen, die zumindest innerhalb der damals möglichen Regeln wieder gemeinsam Musik genießen konnten.
Bei „Uprising“ wurde früh klar, dass Gentleman nicht gekommen war, um eine vorsichtige Corona-Version seiner Liveshow abzuliefern.
Reggae funktioniert auch zwischen Motorhauben
Das Publikum musste sich trotzdem erst an die neue Situation gewöhnen. Wochenlang hatte Live-Musik praktisch nicht stattgefunden. Nun standen wieder Musiker auf einer Bühne, gleichzeitig blieb überall sichtbar, warum dieses Konzert überhaupt in dieser Form stattfinden musste.
Nach einigen Songs verschwand diese Zurückhaltung zunehmend.
Bei „Fire Ago Bun Dem“ wurde vor den Fahrzeugen getanzt, „Jah Ina Yuh Life“ brachte Gentleman gemeinsam mit Treesha auf die Bühne und spätestens im weiteren Verlauf entwickelte sich auf dem Maimarktgelände deutlich mehr Bewegung.
Natürlich konnte ein Parkplatz keinen Festivalfloor ersetzen. Aber an diesem Donnerstagabend musste er das auch gar nicht.
Die Fans hatten sich längst ihre eigene Sprache angewöhnt. Hupen und Lichthupe ersetzten den Applaus, Fenster gingen herunter und aus vielen Autos wurde mitgesungen. Wer einen Platz in den Lounges hatte, konnte sich auf den Liegestühlen zurücklehnen oder aufstehen und tanzen.
Gentleman zeigt erstmals seine deutsche Seite
Musikalisch war der Abend auch deshalb interessant, weil Gentleman bereits Songs aus einem neuen Kapitel seiner Karriere präsentierte.
Sein Album „Blaue Stunde“ war zu diesem Zeitpunkt noch nicht erschienen. Es sollte sein erstes vollständig deutschsprachiges Studioalbum werden und kam schließlich am 20. November 2020 heraus.
In Mannheim gab es davon bereits einen Vorgeschmack. „Ich glaub an mehr“ gehörte ebenso dazu wie ein neuer Song über seinen Garten, der während der Lockdown-Monate für Gentleman zu einem persönlichen Rückzugsort geworden war.
Dass Reggae bei ihm plötzlich auf Deutsch funktionierte, war zunächst ungewohnt. Seine Stimme war über Jahrzehnte eng mit englischen Texten und jamaikanischem Patois verbunden gewesen. Live zeigte sich aber schnell, dass der Wechsel der Sprache den typischen Groove nicht verschwinden ließ.
Im Gegenteil. Die neuen Titel wirkten persönlicher und direkter.
Bei „Intoxication“ hält kaum noch jemand still
Mit zunehmender Dunkelheit zog auch die Stimmung an.
„Intoxication“ gehörte zu jenen Songs, bei denen die besondere Konzertordnung endgültig in den Hintergrund rückte. In den Lounges wurde getanzt, neben den Autos ebenso. „To the Top“, „Motivation“ und „Ovaload“ hielten das Tempo hoch. Bei „To the Top“ baute Gentleman zudem eine Reggae-Passage von „Sweet Dreams“ ein.
Jetzt sah das Maimarktgelände zumindest stellenweise wieder wie ein Konzert aus.
Kein gewöhnliches, klar.
Aber die Musik kam direkt von der Bühne, die Band spielte vor echten Menschen und die Reaktionen waren endlich wieder unmittelbar sichtbar.
Nach Monaten voller Streams vom Wohnzimmer aus war das ein ziemlich großer Unterschied.
Gentleman verlässt die Bühne und geht zu den Fans
Gegen Ende wollte Gentleman die Distanz zwischen Bühne und Publikum offenbar nicht einfach akzeptieren.
Bei der Zugabe ging er hinunter und machte sich auf den Weg zwischen die Fahrzeuge. Selfies, kurze Begegnungen und ein paar Worte mit den Fans gehörten plötzlich zum Konzert. Der dokumentierte Ablauf nennt diesen Gang durchs Publikum während der letzten Songs ausdrücklich als einen der besonderen Momente des Abends.
Gerade bei „Superior“ wurde noch einmal deutlich, wie viel Live-Musik den Menschen in den Wochen davor gefehlt hatte.
Den Schluss setzte Gentleman schließlich ruhiger. Mit Bob Marleys „Redemption Song“ endete der Abend, begleitet von Saxophon und deutlich weniger Tempo als zuvor.
Die letzten Sonnenstrahlen waren da längst verschwunden. Vor der Bühne standen noch immer Autos, überall galten Regeln und an Normalität war im Juli 2020 eigentlich nicht zu denken.
Für ein paar Stunden hatte sich das in Mannheim trotzdem ziemlich weit weg angefühlt.
Text & Foto © Boris Korpak | bokopictures













