
Kärbholz in Homberg: Mit Vollgas ins apoCARlypse-Finale
Beitrag teilen
Am 1. August 2020 ging auf dem Open-Air-Gelände in Homberg (Efze) ein außergewöhnlicher Konzertsommer zu Ende. Kärbholz in Homberg bildeten gemeinsam mit Neurotox den Abschluss des apoCARlypse Autokino-Festivals. Noch einmal standen die Fahrzeuge dicht über das Gelände verteilt, daneben feierten zahlreiche Besucher einen warmen Sommerabend mit Live-Musik. Mehrere hundert Fans kamen zum Finale der Veranstaltungsreihe.
Für viele war allein die Möglichkeit, wieder vor einer echten Bühne zu stehen, bereits etwas Besonderes. Von einem normalen Festival konnte weiterhin keine Rede sein. Abstand, Autoradios und Fahrzeuge gehörten zum Konzept. Musikalisch wurde trotzdem nicht auf Sparflamme gefahren.
Neurotox müssen zunächst gegen die Technik kämpfen
Den Anfang machten Neurotox. Die Deutschrocker waren mit Material ihres damals aktuellen Albums „Plan D“ nach Homberg gekommen, doch ausgerechnet beim Auftakt spielte die Technik nicht mit. Während die Band bereits auf der Bühne loslegte, kam bei einem Teil des Publikums über die vorgesehene Tonübertragung nichts an. Nach drei Songs wurde der Fehler bemerkt und behoben. Neurotox reagierten pragmatisch und starteten ihr Programm noch einmal von vorne.
Das hätte einem solchen Abend schnell die Stimmung nehmen können. Tat es aber nicht. Die Fans blieben dran und nach der technischen Korrektur funktionierte auch die Verbindung zwischen Bühne und Fahrzeugreihen.
Gerade im Autokino war der Ton entscheidend. Anders als bei einem normalen Open Air kam ein wesentlicher Teil des Sounds über die Autoradios. Wie ungewöhnlich das sein konnte, zeigte sich später auch bei Kärbholz: Durch das In-Ear-Monitoring war direkt vor der Bühne zeitweise vor allem das akustische Schlagzeug zu hören, während die eigentliche Mischung über die Radios in den Fahrzeugen lief.
Kärbholz nehmen sich für 23 Songs Zeit
Nach dem Umbau gehörte die Bühne Kärbholz. Und die machten aus dem letzten apoCARlypse-Abend kein verkürztes Corona-Programm.
23 Songs standen auf der Setlist. Darunter befanden sich Stücke wie „Überdosis Leben“, „Keiner befiehlt“, „Fallen & Fliegen“, „Herztier“, „Mutmacher“, „Kind aus Hinterwald“, „Tabula Rasa“ und „Tiefflieger“. Damit deckte die Band einen großen Teil ihres damaligen Repertoires ab und setzte weniger auf Überraschungen als auf Titel, mit denen das Publikum unmittelbar etwas anfangen konnte.
Genau das funktionierte nach Monaten mit kaum vorhandener Livemusik hervorragend.
Die Freude, wieder auf einer Bühne zu stehen, war den Musikern anzumerken. Sänger Torben Höffgen, Gitarrist Adrian Kühn, Bassist Stefan Wirths und Schlagzeuger Henning Münch ließen sich vom ungewohnten Abstand zu den Fans nicht ausbremsen. Die Bühne blieb Mittelpunkt des Abends, auch wenn die Reaktionen diesmal aus deutlich größerer Entfernung kamen. Die damalige Besetzung ist auch in der lokalen Berichterstattung zum Konzert dokumentiert.
Ein altes Auto wird kurzerhand Teil der Bühne
Ganz ohne zusätzliche Beschäftigung blieb Adrian Kühn allerdings nicht.
Vor der Bühne stand ein bereits mitgenommenes Fahrzeug, das im Laufe des Konzerts immer stärker in die Show eingebunden wurde. Kühn nutzte das Autowrack während seines Solos kurzerhand als zusätzliche Spielfläche. Später saßen er und Torben Höffgen darauf, während „Mutmacher“ für einen der ruhigeren Momente des Abends sorgte.
Es war eines dieser Bilder, die ziemlich gut zu den Autokonzerten des Jahres 2020 passten. Bei einem normalen Festival wäre ein demoliertes Auto vor der Bühne wahrscheinlich kaum aufgefallen. In Homberg gehörte es plötzlich zur Inszenierung.
Die Fans beantworteten die Songs mit Gesang, Gesten und den inzwischen vertrauten Reaktionen aus den Fahrzeugreihen. Besonders bei den bekannten Refrains war zu merken, wie sehr viele diese Form von Gemeinschaft vermisst hatten.
Zwischen Deutschrock und den ruhigeren Momenten
Kärbholz leben musikalisch nicht ausschließlich von Tempo. Zwischen geradlinigem Rock, eingängigen Refrains und härteren Passagen blieb auch in Homberg Platz für ruhigere Stücke.
Bei „Mutmacher“ rückte die Stimme von Torben Höffgen stärker nach vorne. Auch „Mein Weg“ gehörte zum Programm des Abends. Die lokale HNA hob gerade diese beiden Stücke als Momente hervor, in denen Höffgens markanter Bariton besonders zur Geltung kam.
Das passte zu einem Set, das nicht permanent auf maximale Lautstärke setzte. Nach mehreren Monaten ohne normalen Tourbetrieb musste der Abend auch gar nicht größer gemacht werden, als er war. Die Band spielte lange, das Publikum sang mit und unter sommerlichem Himmel stellte sich zumindest stellenweise wieder dieses vertraute Festivalgefühl ein.
Das letzte Kapitel des apoCARlypse-Sommers
Mit Kärbholz endete am 1. August die apoCARlypse-Reihe in der Homberger Open-Air-Arena. Das Festival war als Reaktion auf die Einschränkungen des Jahres entstanden und brachte über mehrere Termine Rock- und Metalbands unter Autokino-Bedingungen auf die Bühne. Beim letzten Abend war das Gelände deutlich voller als bei einigen vorherigen Veranstaltungen.
Wer nach dem Konzert nicht mehr fahren wollte, musste sein Auto übrigens nicht sofort vom Gelände bewegen. Die Fahrzeuge konnten bis zum folgenden Tag stehen bleiben. Einige Besucher nutzten die Gelegenheit, den Abend noch länger ausklingen zu lassen.
Damit ging ein Konzert zu Ende, das vor allem von einem Gefühl lebte, das 2020 selten geworden war: zwei Stunden Musik hören, gemeinsam mitsingen und für einen Abend nicht darüber nachdenken müssen, wie lange es bis zur nächsten regulären Tour noch dauern würde.
Text & Foto © Jan Heesch














