Lindsey Stirling bei ihrer Brave Enough Tour am 14. März 2017 in der Jahrhunderthalle Frankfurt

Lindsey Stirling in Frankfurt: Wenn die Geige tanzt

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Stillstehen scheint für Lindsey Stirling keine Option zu sein. Gerade noch zieht sie den Bogen konzentriert über die Saiten, im nächsten Moment dreht sie sich über die Bühne, springt in die nächste Choreografie und spielt einfach weiter. Gestern Abend, am 14. März 2017, gastierte die US-amerikanische Violinistin mit ihrer „Brave Enough Tour“ in der Jahrhunderthalle Frankfurt und zeigte, wie selbstverständlich sich Violine, Electro-Beats und Tanz miteinander verbinden lassen.

Die Bühne ist dabei ständig in Bewegung. Lichtkegel schneiden durch den Saal, Tänzerinnen wechseln ihre Positionen, Projektionen verändern die Atmosphäre. Und mittendrin Stirling, die kaum einmal länger als ein paar Sekunden am selben Platz bleibt.

The Retrosettes eröffnen den Abend in Frankfurt

Bevor die Violine übernimmt, gehören die ersten Minuten The Retrosettes. Die britische Band geht musikalisch in eine völlig andere Richtung und bringt Retro-Pop, Soul und einen kräftigen Schuss Sixties-Flair in die Jahrhunderthalle.

Das Publikum reagiert zunächst noch etwas zurückhaltend. Viele suchen ihre Plätze, andere stehen bereits erwartungsvoll vor der Bühne. Doch mit jedem Song wird es lockerer.

Der Kontrast zum Hauptact könnte kaum größer sein.

Hier klassischer Band-Sound mit deutlichem Blick zurück, wenig später elektronische Beats und eine Geige, die teilweise wie eine Rockgitarre behandelt wird. Gerade deshalb funktioniert der Einstieg.

Dann wird es dunkel.

Lindsey Stirling hält keine Sekunde still

Als Lindsey Stirling schließlich auf die Bühne kommt, ist die Aufmerksamkeit sofort da.

Sie spielt Violine und tanzt gleichzeitig. Nicht ein bisschen Bewegung zum Rhythmus, sondern komplette Choreografien mit Drehungen, Sprüngen und schnellen Positionswechseln. Von meinem Platz aus wirkt das teilweise so selbstverständlich, dass man sich erst nach einigen Minuten wieder daran erinnert, wie schwierig allein das Violinspiel schon sein dürfte.

Hinter Stirling sorgen Schlagzeug, Keyboards, Gitarren und elektronische Samples für Druck. Die klassische Vorstellung eines Violinenkonzerts ist damit endgültig erledigt.

Bei „The Phoenix“, „Prism“ oder „Lost Girls“ geht es kraftvoll nach vorne. Die Geige liegt klar über den elektronischen Flächen, während die Tänzerinnen das Geschehen auf der Bühne zusätzlich antreiben.

Stirling braucht keinen Sänger, der das Zentrum der Show bildet.

Sie selbst ist das Zentrum.

Crystallize bringt die Jahrhunderthalle in Bewegung

Spätestens bei „Crystallize“ erkennt ein großer Teil des Publikums schon nach wenigen Tönen, was kommt.

Der Song steht wie kaum ein anderer für Lindsey Stirlings ungewöhnliche Mischung aus Violine und Dubstep. Der Beat setzt ein, die Melodie liegt darüber und vor der Bühne kommt Bewegung in die Reihen.

Hier zeigt sich besonders gut, weshalb ihr Konzept funktioniert. Die Violine wird nicht als exotischer Zusatz in einen Popsong gestellt. Sie übernimmt die Hauptrolle.

Auch „Shatter Me“ entwickelt live deutlich mehr Druck. Licht und Choreografie werden aggressiver, Stirling zieht das Tempo an und jagt mit dem Bogen durch die schnellen Passagen.

Dann wieder ein Wechsel.

Die Musik wird ruhiger. Die Bewegungen ebenfalls.

Solche Brüche braucht der Abend, denn permanentes Tempo würde auf Dauer seine Wirkung verlieren.

Brave Enough zeigt eine persönlichere Seite

Das aktuelle Album „Brave Enough“ steht im Mittelpunkt der Tour. Viele Stücke wirken persönlicher als die frühen Songs, mit denen Stirling über YouTube einem Millionenpublikum bekannt wurde.

Zwischen den Nummern spricht sie mit den Fans. Sie erzählt von schwierigen Zeiten, Verlust und davon, wie wichtig es ist, trotz Rückschlägen weiterzumachen.

Besonders ruhig wird es bei „Gavi’s Song“.

Das Stück erinnert an ihren Freund und Keyboarder Jason „Gavi“ Gaviati, der 2015 an Krebs gestorben ist. Eben noch wirbeln Tänzerinnen über die Bühne, jetzt verändert sich die Atmosphäre komplett. Stirling steht im Licht, spielt, und im Saal wird aufmerksam zugehört.

Kein großer Effekt.

Braucht es auch nicht.

Gerade dieser Moment zeigt eine andere Seite der Show. „Brave Enough“ bedeutet an diesem Abend eben nicht nur große Beats und farbige Bilder.

The Arena macht die Bühne zum Tanzplatz

Lange hält die Ruhe allerdings nicht.

Mit Stücken wie „The Arena“ nimmt die Show wieder Fahrt auf. Stirling und ihre Tänzerinnen nutzen die komplette Bühne, Licht und Projektionen wechseln im Sekundentakt. Mal wirkt alles verspielt, wenige Augenblicke später deutlich dunkler.

Dabei verliert Stirling die Musik nie an die Choreografie.

Das ist entscheidend. Eine derart aufwendig inszenierte Show könnte schnell dazu führen, dass das eigentliche Instrument zur Nebensache wird. In Frankfurt passiert das nicht. Die Violine bleibt immer hörbar und sichtbar der Mittelpunkt.

Bei „Elements“ wird das besonders deutlich. Der Song gehört längst zu den bekannten Stücken ihres Repertoires und verbindet schnelle Geigenpassagen mit wuchtigen elektronischen Rhythmen.

Das Publikum geht mit.

Nicht nur vorne. Auch weiter hinten sieht man immer wieder Menschen, die im Takt mitwippen oder aufstehen.

Lindsey Stirling lässt Frankfurt noch einmal tanzen

Richtung Ende bündelt die Show noch einmal alles, was diesen Abend ausmacht.

Violine. Beats. Licht. Tanz.

Mit „Roundtable Rival“ wird es noch einmal deutlich rockiger. Stirling attackiert die Saiten fast wie ein Gitarrist, während Schlagzeug und elektronische Elemente darunter Druck machen.

Nach gut anderthalb Stunden ist Schluss.

Das Publikum fordert mehr, bekommt noch einmal Musik und verabschiedet Lindsey Stirling schließlich mit langem Applaus.

Was von diesem Abend hängen bleibt, ist weniger die Frage, in welches Genre das alles eigentlich gehört.

Klassik ist es nicht. Reiner Pop ebenso wenig. Electro allein passt auch nicht.

Lindsey Stirling macht daraus lieber etwas Eigenes.

Und tanzt einfach weiter.

Text & Foto © Boris Korpak | bokopictures

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