
The Music of John Williams in Mannheim: Kino für die Ohren
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Noch ist kein Raumschiff zu sehen, kein Dinosaurier stampft durch die Halle und Indiana Jones hat seine Peitsche ebenfalls zu Hause gelassen. Trotzdem reichen gestern Abend in der SAP Arena wenige Takte, und im Kopf entstehen sofort Bilder. Am 20. Januar 2017 machte „The Music of John Williams“ in Mannheim Station und führte mit einem mehr als 70 Musiker starken Sinfonieorchester unter der Leitung von Claudio Vandelli durch einige der bekanntesten Filmmusiken der vergangenen Jahrzehnte.
Das Besondere daran merkt man ziemlich schnell: Viele dieser Melodien kennt man längst, obwohl man sie vielleicht nie bewusst ohne den dazugehörigen Film gehört hat.
Star Wars eröffnet eine Reise durch die Filmgeschichte
Als die mächtigen Klänge aus „Star Wars“ durch die SAP Arena gehen, verändert sich die Stimmung im Saal sofort. Bläser setzen ein, Streicher bauen den Klang darunter auf, das Schlagwerk gibt Druck. Keine zwei Minuten später sitzt man gedanklich irgendwo weit außerhalb Mannheims.
John Williams hat Melodien geschrieben, die sich fest mit ihren Filmbildern verbunden haben. Bei „Star Wars“ funktioniert das besonders deutlich. Man muss keine Szene auf einer Leinwand erklärt bekommen. Schon das musikalische Thema reicht.
Das Orchester lässt sich unter Claudio Vandelli Zeit, diese Musik groß werden zu lassen. Gerade die Blechbläser haben dabei reichlich Arbeit. In einer Arena ist ein Sinfonieorchester zunächst ein ungewöhnlicher Anblick, doch sobald alle Instrumentengruppen gemeinsam einsetzen, füllt der Klang den weiten Raum erstaunlich gut.
Die Tour wird vom National Academic Bolshoi Opera and Ballet Theatre Orchestra aus Minsk gespielt und von Vandelli dirigiert.
Von Harry Potter bis Jurassic Park
Danach geht die Reise quer durchs Kino.
Mit Musik aus „Harry Potter“ wird es geheimnisvoller. Die ersten vertrauten Klänge genügen und schon entstehen Hogwarts, dunkle Gänge und diese eigentümliche Mischung aus Magie und Gefahr im Kopf. Licht und Projektionen unterstützen die Musik, ohne dem Orchester permanent die Aufmerksamkeit zu nehmen. Die Produktion verbindet die Konzertstücke bewusst mit visuellen Elementen.
Ganz anders wirkt „Jurassic Park“.
Das Thema beginnt weit und ruhig, baut sich langsam auf und wird schließlich so groß, wie man es von den Bildern der Dinosaurierinsel kennt. Hier zeigt sich besonders gut, warum Williams’ Musik auch ohne Film funktioniert. Das Stück erzählt praktisch selbst.
Und dann Indiana Jones.
Sobald die bekannte Melodie einsetzt, geht ein hörbares Erkennen durch die Halle. Manche Besucher lächeln, andere bewegen bereits nach wenigen Takten den Kopf im Rhythmus. Die Musik trägt Abenteuer in sich, selbst wenn Harrison Ford an diesem Abend natürlich nicht durch die SAP Arena rennt.
Auch „E.T.“ gehört zum Programm und bringt eine andere Farbe hinein. Weniger martialisch, dafür warm und emotional.
Bei Schindlers Liste wird es still in der SAP Arena
Die größten Momente des Abends sind allerdings nicht zwangsläufig die lautesten.
Bei der Musik aus „Schindlers Liste“ kippt die Atmosphäre. Wo eben noch monumentale Bläser und große Abenteuermelodien den Raum gefüllt haben, wird es plötzlich zurückhaltend.
Man hört genauer hin.
Die Streicher tragen die Melodie, der Klang wirkt verletzlich und beinahe zerbrechlich. Gespräche im Publikum verstummen. Für einige Minuten braucht es keine große Lichtshow.
Dieser Gegensatz tut dem Konzert gut. Williams kann eben nicht nur Fanfaren, Weltraumschlachten und Abenteuer. Seine Musik für Steven Spielbergs Holocaust-Drama gehört zu den stillsten und emotionalsten Werken des Abends. Für „Schindlers Liste“ erhielt Williams 1994 seinen fünften Oscar.
Große Melodien statt gewöhnlichem Klassikabend
„The Music of John Williams“ funktioniert deshalb auch für Besucher, die normalerweise selten ein Sinfoniekonzert besuchen.
Hier muss niemand wissen, wie ein Orchester aufgebaut ist oder welche musikalische Struktur gerade gespielt wird. Die Verbindung entsteht über Erinnerungen.
Ein paar Takte, und plötzlich ist da ein Film.
Bei „Star Wars“ sieht man Lichtschwerter. Bei „Jurassic Park“ taucht die Insel auf. „Harry Potter“ führt nach Hogwarts, „Indiana Jones“ direkt ins nächste Abenteuer.
Zwischen den Stücken werden Hintergründe zu Williams, seinen Filmen und den jeweiligen Kompositionen erzählt. Das lockert den Abend auf und gibt dem Orchester Zeit für die Übergänge.
Gerade in der zweiten Hälfte merkt man, wie unterschiedlich diese Musik eigentlich ist. Mal wuchtig. Dann verspielt. Wenige Minuten später fast still.
Und immer wieder dieses Erkennen im Publikum.
John Williams braucht keine Leinwand, um Bilder entstehen zu lassen
Am Ende bleibt vor allem der Klang.
Mehr als 70 Musiker, ein Dirigent und Melodien, die viele Menschen seit ihrer Kindheit begleiten. Keine Schauspieler, keine Dialoge, keine zweistündige Filmhandlung.
Trotzdem läuft im Kopf permanent Kino.
Als die letzten großen Orchesterakkorde durch die SAP Arena ziehen und der Applaus einsetzt, stehen für einen Moment alle Bilder nebeneinander: Hogwarts, ein Fahrrad vor dem Mond, Dinosaurier, Indiana Jones und irgendwo weit entfernt eine Galaxie.
John Williams selbst ist nicht in Mannheim. Seine Musik dafür umso mehr.
Text & Foto © Boris Korpak | bokopictures














