
Night of the Proms in Mannheim: Wenn plötzlich niemand mehr sitzt
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Am 29. November 2019 startete die Deutschlandtour der Night of the Proms in der SAP Arena Mannheim. Rund 7.500 Besucher erlebten Alan Parsons, Al McKay’s Earth, Wind & Fire Experience, Eric Bazilian und Rob Hyman von The Hooters, Leslie Clio, John Miles und Sopranistin Natalie Choquette. Begleitet wurden sie vom Antwerp Philharmonic Orchestra, dem Chor Fine Fleur und der NOTP-Backbone-Band unter der Leitung von Alexandra Arrieche. Für Mannheim war es bereits das 15. Gastspiel der Konzertreihe in der SAP Arena.
Night of the Proms in Mannheim bedeutete auch 2019 wieder: Man wusste ungefähr, was kommt, und wurde trotzdem ständig überrascht. Gerade noch Brahms, Händel oder Bach. Ein paar Minuten später Funk, Rock und Pop. Und dann diese riesige Arena, in der plötzlich Menschen tanzten, die kurz zuvor noch sehr ordentlich auf ihren Plätzen gesessen hatten.
Natalie Choquette eröffnet den Abend mit Oper und ziemlich viel Humor
Den ersten Überraschungsmoment lieferte Natalie Choquette. Die kanadische Sopranistin war bereits 1999 bei der Night of the Proms dabei gewesen und kehrte 20 Jahre später zurück. Klassisch steif war daran wenig.
Choquette brachte große Stimme und ausgeprägten Sinn für Komik zusammen. Selbst ein kurz vor der Tour gebrochener Fuß hielt sie nicht davon ab, das komplette Programm zu absolvieren. Die Arien bekamen dadurch etwas angenehm Unberechenbares. Man wusste nie so genau, ob im nächsten Augenblick die große Operngeste kam oder wieder irgendein Unsinn.
Das tat der Show gut. Sehr sogar.
Denn das Konzept der Proms funktioniert am besten, wenn Klassik nicht wie ein Museumsstück behandelt wird. Das Antwerp Philharmonic Orchestra und Fine Fleur konnten einen Moment lang große klassische Bögen aufziehen und sich direkt danach in eine Rock- oder Funknummer werfen. Genau dieser Bruch ist der eigentliche Spaß.
Al McKay macht aus der SAP Arena eine Tanzfläche
Dann war Schluss mit vornehmer Zurückhaltung.
Al McKay’s Earth, Wind & Fire Experience brauchte nur wenige Takte. „Let’s Groove“, „September“ und „Boogie Wonderland“ gehören zu diesen Songs, bei denen der Körper schneller reagiert als der Kopf. Und plötzlich standen die Leute.
Nicht ein paar in den ersten Reihen. Überall.
Al McKay gehörte von 1973 bis 1981 zu Earth, Wind & Fire und prägte als Gitarrist und Songwriter entscheidende Jahre der Band. Bei der Night of the Proms 2019 bildeten gerade die drei großen Funk-Klassiker einen der kompromisslosesten Partyblöcke des Abends.
Das Orchester machte die Stücke nicht zahmer. Im Gegenteil. Streicher, Bläser, Rhythmusgruppe und McKays Band schoben gemeinsam, während auf den Rängen getanzt wurde. Spätestens bei „September“ war aus dem Konzertsaal endgültig eine ziemlich große Party geworden.
The Hooters sorgen mit „One of Us“ für einen stilleren Moment
Bei Eric Bazilian und Rob Hyman von The Hooters änderte sich die Farbe wieder. „All You Zombies“, „500 Miles“ und „Johnny B“ funktionieren schon ohne großes Orchester hervorragend. Mit Chor und sinfonischen Arrangements bekamen die vertrauten Songs plötzlich mehr Tiefe. Die Stücke gehörten auch zum Mannheimer Proms-Programm.
Besonders „One of Us“ blieb hängen. Bazilian hatte den Song ursprünglich für Joan Osborne geschrieben, hier stand er selbst damit auf der Bühne. Viele Handylampen gingen an. Keine gigantische Inszenierung nötig. Ein Lied, Tausende kleine Lichtpunkte, fertig.
So simpel kann ein starker Konzertmoment sein.
Leslie Clio bringt Soul-Pop zwischen die großen Legenden
Leslie Clio hatte zwischen all den Namen mit jahrzehntelanger Karriere zunächst die undankbarste Position. Sie machte daraus kein Problem.
Ihre lockere Art gab dem Abend einen moderneren Ton. Soul-Pop statt Rocklegende, weniger Pathos, dafür Bewegung und Leichtigkeit. Das Publikum ging schnell mit. Gerade dieser Wechsel zeigte, warum die Night of the Proms mehr ist als ein Oldie-Abend mit Streichern.
Dann wurde es wieder monumental.
Alan Parsons trifft auf großes Orchester
Alan Parsons war für viele der große Name des Abends. Zehn Jahre nach seinem vorherigen Gastspiel bei der deutschen Night of the Proms kehrte er zurück und hatte Songs dabei, die selbst Menschen kennen, die mit dem Namen Alan Parsons zunächst wenig anfangen können.
„Sirius“ und „Eye in the Sky“ gehören zusammen fast schon zum musikalischen Inventar der Rockgeschichte. „Don’t Answer Me“ und „Games People Play“ folgten, ergänzt durch „One Note Symphony“. Dieses Programm spielte Parsons auch auf der 2019er Proms-Tour.
Hier konnte das Orchester seine Größe ausspielen. Die Songs von Parsons waren ohnehin nie für musikalische Bescheidenheit bekannt. Mit Chor und Sinfonieorchester dahinter wurden die Arrangements noch breiter, ohne ihre Konturen zu verlieren.
Und dann war da noch John Miles.
„Music“ gehört einfach zur Night of the Proms
Man kann über Traditionen diskutieren. Bei John Miles und „Music“ sollte man es besser lassen.
Der Brite gehörte über Jahrzehnte fest zur Night of the Proms, und sein 1976 veröffentlichter Song hatte sich längst zur inoffiziellen Hymne der Konzertreihe entwickelt. In Mannheim sang Miles daneben unter anderem „Human“, „Don’t Give Up“ gemeinsam mit Natalie Choquette und „Bohemian Rhapsody“.
Aber bei „Music“ passierte das, worauf viele gewartet hatten.
Dieser Wechsel zwischen leisen Passagen, Rockband und vollem Orchester ist praktisch für dieses Format gebaut. Oder vielleicht ist es inzwischen umgekehrt: Die Night of the Proms scheint um diesen Song herum gebaut zu sein.
Dazu kamen Licht, Großprojektionen und eine Lasershow, die an diesem Abend tatsächlich mehr war als bloße Dekoration. Säulen aus Licht standen über dem Orchester, Laser schnitten durch die Arena, die Bühne wechselte innerhalb weniger Minuten von klassischem Konzertbild zu Rockshow.
Drei Stunden lang sprang Mannheim zwischen Oper, Funk, Soul und Rock hin und her. Manchmal mit geschlossenen Augen. Meistens aber irgendwann im Stehen.
Text & Foto © Boris Korpak | bokopictures














