
Roger Stein findet das Schöne im Schiefen. „Ist es nicht schön hier“ blickt hinter die Kulissen des Alltags
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Manchmal braucht es keine große Bühne, um große Fragen zu stellen. Ein Supermarkt reicht. Zwischen Neonlicht, Tiefkühlpizza und alltäglichen Begegnungen findet Roger Stein auf seinem dritten Soloalbum „Ist es nicht schön hier“ das Material für ein Gegenwartspanorama, das sich dem Banalen nähert, ohne es kleinzumachen. Am 4. September 2026 erscheint das Album bei Sturm & Klang, dem Label von Konstantin Wecker. Zwölf Lieder auf 39 Minuten sind angekündigt. Inhaltlich bewegt sich Stein dort, wo Chanson, Liedermacherkunst, Kabarett und gesellschaftliche Beobachtung ineinandergreifen. Das Label bestätigt den 4. September als Veröffentlichungsdatum.
Das Konzept wirkt zunächst beinahe beiläufig. In der Reihe „Kultur im Supermarkt“ nimmt Stein einen Ort ins Visier, der für die meisten Menschen kaum mehr als notwendige Alltagsroutine bedeutet. Gerade darin steckt der Reiz. Der Supermarkt wird zur Projektionsfläche gesellschaftlicher Verhältnisse. Menschen begegnen einander, Bedürfnisse treffen auf Konsum, Arbeit auf Zeitdruck und individuelle Geschichten auf gesellschaftliche Strukturen.
Stein interessiert sich für die Brüche hinter dem Gewöhnlichen. Seine Figuren sollen keine sauber gezeichneten Helden oder eindeutig identifizierbaren Bösewichte sein. Das offizielle Albumkonzept beschreibt vielmehr Menschen voller Widersprüche und Sehnsüchte. Freundschaft und Fachkräftemangel gehören ebenso zu diesem Panorama wie Überlebenskünstler und Menschen, die sich in einer zunehmend individualisierten Welt selbst zu behaupten versuchen.
Besonders deutlich wird der Ansatz beim angekündigten „Lobbyisten-Tango“. Bereits das Motiv lässt erkennen, wie Stein politische und gesellschaftliche Beobachtung mit einer spielerischen Form verbindet. Macht und Moral geraten aneinander. Entscheidend ist dabei die Perspektive. Nach den offiziellen Informationen arbeitet Stein nicht mit einer simplen moralischen Abrechnung. Humor soll Distanz schaffen, ohne die Figuren ihrer Menschlichkeit zu berauben.
Das passt zu einer künstlerischen Linie, die sich bereits durch seine früheren Soloarbeiten zieht. Auf „Lieder ohne mich“ verband Stein Geschichten von Verletzlichkeit und Melancholie mit Humor. „Alles vor dem Aber“ setzte diese Reibung zwischen Romantik, Nüchternheit und Spott fort. Das neue Album scheint diesen Ansatz stärker auf ein gesellschaftliches Ensemble auszuweiten. Nicht allein die einzelne Geschichte steht im Mittelpunkt. Unterschiedliche Figuren und Perspektiven sollen gemeinsam ein Bild der Gegenwart ergeben.
Auch musikalisch kündigt sich eine Erweiterung an. Stein arbeitet für das neue Album mit Ferdinand Roscher am Basssowie Simon Froschauer an Schlagzeug und Percussion zusammen. Das Trio formierte sich 2025 und nahm anschließend das neue Material auf. Stein selbst beschreibt das Album als zusammenhängenden Zyklus, in dem die einzelnen Lieder miteinander kommunizieren, sich ergänzen und auch widersprechen sollen.
Das ist für die Einordnung wichtiger als spektakuläre Genrebegriffe. Sturm & Klang beschreibt die musikalische Spannweite mit Referenzen von Schubert über Hannes Wader bis zum modernen Pop. Solche Vergleiche stammen allerdings aus der offiziellen Albumkommunikation und sollten nicht mit einer unabhängigen klanglichen Bewertung verwechselt werden. Belegen lässt sich auf Grundlage der verfügbaren Informationen vor allem das Konzept. Balladen und schnellere, komödiantisch angelegte Stücke sollen bewusst gegeneinandergesetzt werden. Dadurch entsteht zumindest auf konzeptioneller Ebene ein Wechsel zwischen Nachdenklichkeit, sprachlicher Verdichtung und humoristischer Entlastung.
Steins Ausbildung erklärt dabei einen Teil seines besonderen Zugangs zur Sprache. Der 1975 in der Schweiz geborene Künstler studierte klassischen Gesang sowie Germanistik, Theater und Musikwissenschaft in Wien und promovierte 2004. Schon früh vertonte er Texte von Tucholsky und Erich Kästner. Gemeinsam mit Sandra Kreisler gründete er später WORTFRONT. Dessen Debüt „Lieder eines postmodernen Arschlochs“ erhielt den Preis der deutschen Schallplattenkritik. Seit 2013 veröffentlicht Stein seine Soloarbeiten bei Sturm & Klang.
Diese Verbindung aus musikalischer Ausbildung und genauer Beschäftigung mit Sprache ist für „Ist es nicht schön hier“ relevant. Denn das Album scheint weniger von großen Antworten als von Fragen, Perspektivwechseln und sprachlicher Beobachtung zu leben. Was betrachten wir überhaupt als schön. Wie sehr konstruieren wir unsere Wirklichkeit selbst. Und was passiert, wenn wir den Blick auf Menschen richten, die im gesellschaftlichen Alltag leicht zu Figuren oder Funktionen reduziert werden.
Gerade hier besitzt der Titel seine Doppelbödigkeit. „Ist es nicht schön hier“ kann Feststellung, Frage und leiser Zweifel zugleich sein. Die offiziellen Informationen formulieren daraus eine Einladung, Schönheit nicht als perfekten Zustand zu verstehen, sondern sie gerade in widersprüchlichen Situationen wahrzunehmen. Das kann schnell sentimental werden. Steins bisherige Arbeit und die angekündigte Verbindung von Humor, Gesellschaftsbeobachtung und Melancholie sprechen jedoch dafür, dass das Album diesen einfachen Ausweg gerade vermeiden will.
Interessant ist auch, dass Stein an der Albumform festhält. In einer Veröffentlichungslandschaft, die stark von einzelnen Songs geprägt wird, versteht er die zwölf Stücke ausdrücklich als zusammengehörigen Zusammenhang. Damit erhält „Ist es nicht schön hier“ einen konzeptionellen Anspruch. Die Lieder sollen nicht lediglich nebeneinanderstehen. Sie sollen verschiedene Blickwinkel auf dieselbe widersprüchliche Gegenwart eröffnen.
Eine abschließende Bewertung von Produktion, Gesangsperformance, instrumentaler Dynamik und einzelnen Arrangements wäre ohne eine redaktionell auswertbare Hörgrundlage unseriös. Nach den derzeit verifizierbaren Informationen lässt sich jedoch bereits die künstlerische Richtung klar erkennen. Roger Stein setzt seine Arbeit zwischen literarischem Chanson, Liedermacherkunst und gesellschaftlichem Kabarett fort und erweitert sie um ein Trio sowie ein stärker gebündeltes Albumkonzept.
„Ist es nicht schön hier“ verspricht deshalb weniger eine Flucht aus der Gegenwart als einen genaueren Blick hinein. Stein sucht nicht nach makellosen Orten und Menschen. Er interessiert sich für Widersprüche, Absurditäten und jene Momente, in denen hinter einer zunächst gewöhnlichen Situation plötzlich etwas Menschliches sichtbar wird. Genau dort könnte die Stärke dieses Albums liegen. Nicht im großen Urteil über die Welt, sondern in der Fähigkeit, sie genauer anzusehen.
Die Veröffentlichung ist nach aktuellem Stand für den 4. September 2026 über Sturm & Klang angekündigt. Die Tour zum neuen Programm beginnt ebenfalls im September.
Text: CK

Roger Stein
Ist es nicht schön hier
Label: Sturm & Klang
VÖ: 04.09.2026
Genre: Chanson, Liedermacher
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Offizielle Albumseite bei Sturm & Klang
Roger Stein, offizielle Website
Bild: Roger Stein © Simona Bednarek














