
Deep Purple in Mannheim: Hardrock ohne Rost
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Die ersten Orchesterklänge kommen noch vom Band, doch in der SAP Arena geht sofort ein hörbares Raunen durch die Reihen. Am 22. Oktober 2024 stehen Deep Purple in Mannheim auf der Bühne ihrer „=1 More Time Tour“, mit Jefferson Starship als Special Guest. Als Gustav Holsts „Mars, the Bringer of War“ langsam anschwillt und die Musiker ihre Positionen einnehmen, ist die Erwartung greifbar. Dann dieses Gitarrenriff. „Highway Star“. Keine zwei Minuten später ist klar: Altersverwaltung sieht anders aus.
Ian Gillan steht vorne, Roger Glover ein paar Meter hinter ihm am Bass, Ian Paice sitzt wie festgewachsen hinter seinem Schlagzeug. Don Airey hat seine Keyboardburg bezogen. Und Simon McBride? Der macht schnell deutlich, dass er nicht auf dieser Bühne steht, um die Fußspuren seiner Vorgänger möglichst vorsichtig nachzuzeichnen.
Jefferson Starship holen fünf Jahrzehnte Rockgeschichte nach Mannheim
Bevor Deep Purple übernehmen, gibt es erst einmal eine Reise zurück durch mehrere Generationen amerikanischer Rockmusik. Jefferson Starship eröffnen den Abend mit „Find Your Way Back“ und „Stranger“. Spätestens bei „Sara“, „Nothing’s Gonna Stop Us Now“ und „Miracles“ sieht man in den Reihen immer häufiger Menschen mitsingen.
Dann „White Rabbit“.
Der Jefferson-Airplane-Klassiker erzeugt noch einmal eine andere Stimmung. Viele kennen jede Zeile. „We Built This City“, „Jane“ und „Somebody to Love“ folgen, neun Songs insgesamt. Ein kompaktes Set, aber kein belangloses Vorprogramm. Besonders bemerkenswert: Mit David Freiberg steht ein Musiker auf der Bühne, der damals bereits 86 Jahre alt war. Man hört ihm das kaum an.
Trotzdem merkt man irgendwann, worauf der Großteil der Halle wartet.
Umbau. Licht aus.
Deep Purple.
„Highway Star“ braucht in der SAP Arena keine Anlaufzeit
Mit „Highway Star“ schlägt die Band direkt zu. Ian Gillan muss die hohen Töne heute anders angehen als 1972, natürlich. Aber er kennt seine Stimme. Er zwingt sie nicht in die Vergangenheit, sondern arbeitet mit dem, was sie heute kann. Und das ist immer noch erstaunlich viel.
Direkt danach kommt „A Bit on the Side“ vom damals aktuellen Album „=1“. „Into the Fire“ schleudert die Arena anschließend wieder zurück ins Jahr 1970. Alte Songs, neue Songs, kein Museumsbetrieb. Sechs Stücke des neuen Albums schaffen es an diesem Abend ins Programm.
Simon McBride setzt früh ein Ausrufezeichen. Sein Gitarrensolo ist technisch präzise, aber wichtiger ist etwas anderes: Er spielt nicht wie ein Ersatzmann. Er setzt eigene Akzente, spielt bissiger, teilweise härter und bekommt dafür deutlich hörbaren Szenenapplaus.
Bei „Uncommon Man“, Deep Purples Hommage an den 2012 verstorbenen Jon Lord, rückt Don Airey stärker ins Zentrum. Auf den großen Videowänden kann man seine Hände über die Tasten jagen sehen. Gerade von weiter hinten ist das Gold wert.
Don Airey liefert einen der stärksten Momente des Abends
„Lazy Sod“ und „Now You’re Talkin’“ halten den Druck hoch. Dann bekommt Don Airey die Bühne praktisch für sich.
Sein Keyboard-Solo entwickelt sich vom virtuosen Fingerlauf zum kleinen eigenen Konzert im Konzert. Klassische Motive, Rock, Improvisation. Zwischendurch gönnt er sich sogar einen Schluck Wein. Die SAP Arena reagiert mit Gelächter und anschließend mit kräftigem Applaus.
Danach dieses vertraute Orgelsignal von „Lazy“.
Jetzt sitzt alles. Airey und McBride werfen sich musikalisch die Bälle zu, Paice treibt von hinten, Glover hält den Groove trocken zusammen. Die Band klingt nicht wie fünf Musiker, die einen Klassiker möglichst originalgetreu reproduzieren wollen. Sie spielen damit.
„When a Blind Man Cries“ verändert anschließend den Raum. Weniger Druck. Gillans Stimme wirkt rauer, verletzlicher, McBride lässt die Gitarre lange Töne ziehen. Einer dieser Momente, in denen die Gespräche auf den Rängen plötzlich verstummen.
Neue Songs müssen sich neben „Smoke on the Water“ nicht verstecken
Mit „Portable Door“, „Anya“ und „Bleeding Obvious“ zieht die Band das Tempo wieder an. Gillan kündigt „Portable Door“ mit trockenem Humor an, erzählt von seinen angeblichen Erfindungen und bringt damit die Halle zum Lachen.
Das Entscheidende: Die neuen Songs werden nicht bloß geduldig ertragen, bis endlich der nächste Klassiker kommt. Gerade „Bleeding Obvious“ bekommt live erheblich mehr Biss als auf Platte. Simon McBride und Don Airey treiben sich gegenseitig an, während Ian Paice hinten mit einer Ruhe spielt, die fast unfair wirkt.
Dann „Space Truckin’“.
Und danach braucht niemand auf die Leinwand zu schauen, um zu wissen, was kommt.
Vier Töne.
„Smoke on the Water“.
Das vielleicht bekannteste Gitarrenriff der Rockgeschichte rollt durch die SAP Arena und sofort gehen die Arme nach oben. Jetzt singt auch der Oberrang. McBride spielt das Riff ohne falsche Ehrfurcht, Gillan lässt das Publikum große Teile übernehmen. Ein Klassiker, tausendfach gehört, und live funktioniert er immer noch.
„Hush“ und „Black Night“ setzen den letzten Punkt
Für die Zugabe greifen Deep Purple noch einmal ins aktuelle Album. „Old-Fangled Thing“ macht den Anfang, dann folgt „Hush“. Gerade hier entsteht zwischen Gitarre und Keyboard noch einmal ein herrlicher Schlagabtausch. McBride gegen Airey, ohne Gewinner. Muss auch nicht sein.
„Black Night“ bleibt für den Schluss.
Ian Gillan lächelt, Roger Glover sowieso. Paice sitzt noch immer hinter seinem Kit und sieht aus, als könnte er problemlos weiterspielen. Vor ihnen stehen Menschen, die diese Band teilweise seit den Siebzigern begleiten, daneben deutlich jüngere Fans.
Deep Purple müssen 2024 niemandem mehr beweisen, dass sie Rockgeschichte geschrieben haben. Interessanter ist etwas anderes: Sie klingen noch immer wie eine Band, die lieber spielt, als über ihre Vergangenheit zu reden.
Und als die Lichter in der SAP Arena wieder angehen, hängt dieses eine Riff sowieso noch zwischen den Rängen.
Text & Foto © Boris Korpak | bokopictures














