Saltatio Mortis in Gießen mit Pyro beim Kultursommer auf dem Schiffenberg

Saltatio Mortis auf dem Schiffenberg: Feuer, Dudelsäcke und eine Finsterwacht

Beitrag teilen

Noch bevor es richtig dunkel wurde, war klar, dass dieser Abend auf dem Schiffenberg etwas heftiger ausfallen würde. Am 27. August 2024 machten Saltatio Mortis in Gießen mit ihrer „Finsterwacht“-Burgentour beim Gießener Kultursommer Halt. Rund 3.200 Besucher standen vor der Bühne zwischen den historischen Klostermauern. Mit Mr. Irish Bastard und Hämatom hatte dieser Zusatztermin eine Besonderheit: Es war der einzige Auftritt der Burgentour, bei dem Saltatio Mortis gleich zwei Gastbands dabeihatten.

Schon am Einlass wurde vor ungewöhnlich viel Pyrotechnik gewarnt. Crowdsurfing sollte deshalb möglichst unterbleiben. Das klang zunächst wie eine der üblichen Sicherheitsansagen. Ein paar Stunden später wusste jeder auf dem Gelände, warum diese Warnung ziemlich ernst gemeint war.

Mr. Irish Bastard bringt Irish Folk und Pfeffi ins Kloster

Den Abend eröffneten Mr. Irish Bastard. Dudelsackromantik war hier allerdings nicht angesagt. Die Münsteraner mischten Irish Folk mit Punk, Bierlaune und einer Portion Selbstironie. „All My Friends Are Idiots“ und „We Are The Drunk“ funktionierten auch bei den Besuchern, die die Band vorher offenbar noch nie gehört hatten. Die Refrains waren simpel genug, um spätestens beim zweiten Durchgang mitzugehen.

Auf der Bühne wurde dazu Pfefferminzlikör gereicht, die Sprüche wurden mit fortschreitender Spielzeit lockerer. Beim abschließenden Gruppenfoto sollte das Publikum möglichst traurig schauen, schließlich würde niemand den Anwesenden diese 45 Minuten ihres Lebens zurückgeben. Hat nicht funktioniert. Die Gesichter davor waren eher breit grinsend.

Hämatom drehen mit Feuer und Riesenballons auf

Dann kam ein Dinosaurier.

Ein T-Rex als Einheizer ist selbst im Metal nicht unbedingt Standard. Bei Hämatom passte er bestens zu einer Show, die sich wenig um Zurückhaltung scherte. Als der Vorhang fiel, standen Nord, Ost, Süd und Rose auf der Bühne. Die ersten Flammen schossen hoch, ein Knalleffekt setzte den Punkt dahinter. Jetzt war der Schiffenberg endgültig wach.

Einen spürbaren Bruch in der sonst wilden Show brachte „Gott muss ein Arschloch sein“, mit dem die Band an ihren verstorbenen Bassisten West erinnerte. Wenige Songs später war davon optisch kaum noch etwas zu merken. Rose spielte mitten im Circle Pit Gitarre, Nord ließ Funken von seinen Händen sprühen und bei „Es regnet Bier“ flogen riesige schwarze Ballons über die Köpfe.

Hämatom hatten nach einer Stunde einen ziemlich hohen Pegel vorgelegt. Das Publikum sang erstaunlich textsicher mit. Und damit war die Frage plötzlich berechtigt, wie Saltatio Mortis das noch steigern wollten.

„Finsterwacht“ startet mit einer Wand aus Feuer

Die Antwort kam mit Einbruch der Dunkelheit.

Für Pressefotografen galt bei Saltatio Mortis eine ungewöhnliche Regel: Der Bühnengraben wurde erst zur Zugabe freigegeben. Vorher passiere schlicht zu viel. Beim Opener „Finsterwacht“ wurde klar, was damit gemeint war. Flammen schossen hoch, Licht zuckte über die Bühne, dahinter ragten die alten Mauern des Klosters in die Nacht. Selbst weiter hinten war die Hitze der Pyroeffekte noch zu spüren.

Nach „Schwarzer Sand“ folgten „Odins Raben“, „Der Himmel muss warten“ und „Eulenspiegel“. Dudelsäcke trafen auf harte Gitarren, große Rockrefrains auf mittelalterliche Melodien. Saltatio Mortis hatten diese Burgentour nicht wie eine normale Open-Air-Show aufgebaut. Die Klosterkulisse gehörte sichtbar zum Konzept.

Dann knisterte plötzlich das Mikrofon. Ein Knall. Dunkelheit.

Saltatio Mortis ziehen plötzlich mitten durchs Publikum

Alea griff zum Megafon und erklärte, es gebe technische Probleme. Also zurück zu den Wurzeln. Die Musiker schulterten Dudelsäcke und Trommeln und zogen beim „Palästinalied“ mitten durch die Zuschauer zu einer kleinen zweiten Bühne am anderen Ende des Geländes.

Dort änderte sich die Show komplett. Eben noch große Produktion mit Feuer und Licht, jetzt „Was wollen wir trinken“, „Drunken Sailor“ und „My Mother Told Me“ in deutlich reduzierter Form. Fast wie früher auf dem Mittelaltermarkt. Dass die vermeintliche technische Panne clever in die Inszenierung eingebaut war, wurde spätestens bei der Rückkehr zur Hauptbühne offensichtlich. Funktioniert hat der Trick trotzdem.

Alea nahm dabei nicht den direkten Weg zurück. Er bewegte sich durch die Menge, während sich die Zuschauer um ihn herum drehten und Smartphones nach oben gingen. Für einige Minuten lag der Mittelpunkt des Konzerts nicht mehr vorne auf der großen Bühne, sondern irgendwo zwischen Bierbechern, Kutten und hochgereckten Händen.

Bei „Loki“ steht der Schiffenberg gefühlt in Flammen

Zurück auf der Hauptbühne wurde aus Mittelaltermarkt wieder Großproduktion. Und zwar gründlich.

Bei „Loki“ zündeten Saltatio Mortis neben der Bühnenpyrotechnik zusätzliche Feuersäulen an den Seiten des Geländes. Die Temperatur vor der Bühne schien schlagartig nach oben zu springen. Auch „Prometheus“ machte seinem Namen alle Ehre. Stelzenläufer des Feuervogel-Theaters ergänzten die Szenerie und ließen die alte Klosteranlage zeitweise wie eine Filmkulisse wirken.

Musikalisch blieb genügend Platz für „Heimdall“, „Aurelia“, „Mittelalter“ und „Vogelfrei“. Besonders bei „Aurelia“ brauchte Alea Unterstützung. Nach einer kurzen Übungsrunde übernahm das Publikum seinen Teil lautstark. Später ging der Song sogar in Versengolds „Thekenmädchen“ über.

Nach mehr als zwei Stunden führte die Zugabe über „Wo sind die Clowns“ und „Genug getrunken“ schließlich zum „Spielmannsschwur“.

Die letzten Flammen waren da längst erloschen. Der Geruch der Pyrotechnik hing aber noch über dem Gelände, schwarze Shirts zogen langsam Richtung Ausgang und hinter der Bühne standen wieder die alten Mauern, als wäre nichts gewesen.

Ein paar Stunden lang hatte das Kloster allerdings gebrannt. Zumindest fühlte es sich so an.

Text & Foto © Jan Heesch

Beitrag teilen