James Blunt in Gießen beim Kultursommer 2024 auf dem Schiffenberg

James Blunt auf dem Schiffenberg: Zwischen Gänsehaut und Stagedive

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Fast 5.000 Menschen drängen sich an diesem Mittwochabend vor der Freilichtbühne, als James Blunt in Gießen am 28. August 2024 beim Gießener Kultursommer Station macht. Der britische Sänger bringt seine „Who We Used To Be“-Open-Air-Tour auf den Schiffenberg und spielt hier das einzige Konzert dieser Tour in Mitteldeutschland. Ein internationaler Popstar zwischen alten Klostermauern. Das klingt zunächst nach Balladenabend. Es sollte deutlich bewegter werden.

Schon vor Blunts Auftritt übernimmt MYLE den Support. Der junge Musiker steht allein schon deshalb vor einer dankbaren Aufgabe, weil das Gelände früh gut gefüllt ist und viele Besucher längst ihren Platz vor der Bühne gefunden haben. Der Veranstalter hatte MYLE ausdrücklich als Support für diesen Abend angekündigt. Danach wird umgebaut. Die Sonne verschwindet langsam hinter dem Schiffenberg, die Gespräche werden kürzer.

Dann kommt James Blunt.

James Blunt zeigt auf dem Schiffenberg seine Rockstar-Seite

„Eigentlich wollte ich Rockstar werden.“ Ein Satz, der bei James Blunt erst einmal nach einem seiner typischen selbstironischen Sprüche klingt. Nur bleibt es diesmal nicht beim Witz. Fast zwei Stunden lang springt er zwischen Gitarre und Klavier, steht auf dem Flügel, animiert die Menge zum Mitsingen und macht aus seinem Image als melancholischer Balladensänger immer wieder selbst eine Pointe.

Musikalisch beginnt der Abend mit neueren Songs der „Who We Used To Be“-Phase. „Beside You“ und „Saving a Life“ stehen ebenso im Programm wie die frühen Klassiker „Wisemen“ und „Carry You Home“. Die Tour verbindet Material des 2023 erschienenen siebten Studioalbums mit Songs aus zwei Jahrzehnten Karriere.

Und diese älteren Stücke brauchen auf dem Schiffenberg kaum Anlauf. Sobald die bekannten Melodien einsetzen, kommen Stimmen von weit hinten zurück zur Bühne.

„Goodbye My Lover“ bringt plötzlich Ruhe ins Gelände

Bei „Goodbye My Lover“ verändert sich die Atmosphäre. Eben noch Hände über den Köpfen, jetzt wird es auffallend stiller. Blunt sitzt am Klavier, vor ihm ein Meer aus Gesichtern und vereinzelten Handydisplays. Hier braucht es keine große Show.

Dann wieder dieser Wechsel, den er an diesem Abend mehrfach hinbekommt. Ein trockener Spruch, ein Lachen im Publikum und wenige Minuten später geht es weiter mit „High“, „Postcards“ oder „Love Under Pressure“.

Gerade Blunts Humor verhindert, dass die vielen emotionalen Songs irgendwann zu schwer werden. Er macht sich über seine hohen Stimmlagen lustig, erklärt den Frauen im Publikum kurzerhand, sie dürften mitsingen, während die Männer besser eine La-Ola-Welle veranstalten sollen.

Die Männer machen mit.

„Dark Thought“ erinnert an Carrie Fisher

Einer der persönlichsten Momente kommt mit „Dark Thought“. James Blunt erzählt von seiner Freundschaft mit Carrie Fisher, die 2016 starb. Während des Songs laufen Bilder der beiden über die Leinwand. Vor der Bühne wird es still. Einige Zuschauer wischen sich sichtbar über die Augen.

Das ist die andere Seite dieses Konzerts. Hinter der Selbstironie stehen Songs, die ziemlich tief schneiden können. Auch „The Girl That Never Was“ gehört dazu. Blunt verarbeitet darin den Verlust eines ungeborenen Kindes. Der Titel stammt vom Album „Who We Used To Be“, dessen Texte immer wieder zwischen Leichtigkeit und sehr persönlichen Erfahrungen wechseln.

Wenig später ist der Schiffenberg wieder laut.

Bei „You’re Beautiful“ singt Gießen fast geschlossen mit

Natürlich wartet praktisch jeder auf diesen Song.

Bei den ersten Takten von „You’re Beautiful“ gehen die Smartphones nach oben. Menschen, die vorher vielleicht nur einzelne Stücke kannten, können plötzlich jede Zeile. Der Song von „Back To Bedlam“, der James Blunt 2005 weltweit bekannt machte, gehört weiterhin fest in sein Liveprogramm.

Danach zieht die Show weiter an. „Same Mistake“, „Stay the Night“ und „OK“, seine Zusammenarbeit mit Robin Schulz, bringen wieder deutlich mehr Bewegung vor die Bühne.

Und Blunt hält es jetzt endgültig nicht mehr nur auf der Bühne.

James Blunt springt mitten in seine Fans

Er steigt zunächst auf den Flügel. Hände klatschen im Takt. Dann geht es an den Bühnenrand und plötzlich hinein ins Publikum.

Stagedive.

Für einen Sänger, den noch immer viele zuerst mit traurigen Klavierballaden verbinden, ist das ein ziemlich passendes Gegenbild. James Blunt liegt auf den Händen seiner Fans und lässt sich durch den Innenhof tragen. Rundherum schnellen Smartphones nach oben, Menschen drehen sich um, irgendwo zwischen Bühne und hinteren Reihen bewegt sich der Sänger über den Köpfen.

Genau dort bekommt dieser Konzertabend seinen stärksten Vor-Ort-Moment. Keine Leinwand kann diese Nähe ersetzen. Für einige Sekunden steht nicht mehr fest, wo Bühne aufhört und Publikum beginnt.

„Monsters“, „Bonfire Heart“ und „1973“ für die letzten Meter

Zum Ende wird es noch einmal emotional. „Monsters“ gehört zum letzten Teil des Sets, danach folgen „Bonfire Heart“ und schließlich „1973“. Diese drei Songs bildeten auch bei den unmittelbar vorausgehenden Konzerten der Tour den abschließenden Block.

Vor allem bei den letzten Nummern leuchten unzählige Handylichter zwischen den Klostermauern. Blunt steht noch einmal am Klavier, dann wieder vorne bei seiner Band. Fast zwei Stunden nach Beginn wirkt die Menge erstaunlich wenig müde.

Als die letzten Töne verklingen, bleiben die Lichter noch einen Moment oben. Menschen liegen sich in den Armen, weiter hinten werden schon die ersten Becher eingesammelt.

James Blunt wollte Rockstar werden.

Auf dem Schiffenberg durfte er es sein.

Text & Foto © Jan Heesch

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