Sido live in der Jahrhunderthalle Frankfurt

Sido in Frankfurt: Tausend Tattoos und ein voller Block

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Am 19. November 2019 machte Sido mit seiner „Tausend Tattoos Tour“ Station in der ausverkauften Jahrhunderthalle Frankfurt. Der Berliner Rapper brachte dabei weit mehr als ein neues Songrepertoire mit: Zwei Bühnen, DJ Desue, mehrere Wegbegleiter und ein Programm zwischen frühen Aggro-Berlin-Stücken, nachdenklichen Songs und großen Radiohits machten Sido in Frankfurt zu einer knapp zweistündigen Reise durch seine Karriere. Die Jahrhunderthalle war bis in die Sitzempore gefüllt.

Runde Bässe, trockene Beats, Scratches. Viel mehr brauchte es zunächst nicht. Bevor Sido selbst die Hauptbühne übernahm, rückte eine kleinere Stage am FOH in den Mittelpunkt. Dort brachten YONII, Bozza und Estikaygemeinsam mit DJ Desue das Publikum auf Temperatur; im weiteren Verlauf gehörten auch Beka, Adesse und Karen Firlej zu Sidos musikalischer Mannschaft. Das Konzept war clever: Die Nachwuchsrapper verschwanden nach dem Warm-up nicht einfach hinter der Bühne, sondern blieben Teil der Show.

YONII, Bozza, Estikay und Beka übernehmen die zweite Bühne

Normalerweise ist der Support vorbei, sobald der Headliner beginnt. An diesem Abend funktionierte das anders.

Die kleine Bühne mitten in der Halle blieb ein wichtiger Bestandteil der Produktion. DJ Desue, seit Jahren eng mit Sido verbunden, steuerte von dort Beats, Scratches und Zweitstimme bei. Später wechselte auch Sido zwischen Haupt- und B-Stage. Dadurch rückte das Geschehen immer wieder mitten ins Publikum, statt ausschließlich weit vorne auf der großen Bühne stattzufinden.

Gerade dieser Aufbau gab dem Abend etwas Unmittelbares. YONII, Bozza, Estikay und Beka bekamen ihre eigenen Momente, gleichzeitig funktionierten sie als Teil eines größeren Ensembles. Beim aktuellen Material ergaben sich daraus immer wieder Wechsel zwischen Stimmen und Bühnenpositionen. Kein klassisches Vorprogramm also. Eher eine Crew, die den ganzen Abend mitträgt.

„Mein Block“ bringt die Jahrhunderthalle sofort zurück zu Sidos Anfängen

Als Sido selbst übernahm, war Zurückhaltung ohnehin erledigt. Nach Material aus dem damals aktuellen Album „Ich & keine Maske“ dauerte es nicht lange, bis „Mein Block“ durch die Jahrhunderthalle dröhnte. Dazu kamen frühe Stücke wie „Straßenjunge“, „Halt dein Maul“ und „Fuffies im Club“. Sido machte daraus zugleich einen kleinen Generationentest und wollte wissen, wer ihn schon länger begleitet.

Das Publikum bestand längst nicht nur aus Fans der ersten Aggro-Berlin-Jahre. Kinder standen neben Erwachsenen, die Sidos Karriere seit den frühen 2000ern verfolgen. Gerade diese Mischung erklärte, warum ein Set mit harten alten Rapnummern genauso funktionierte wie die deutlich ruhigeren Stücke.

Sido nutzte das. Immer wieder ließ er Innenraum und Sitzempore gegeneinander antreten, provozierte Lautstärke-Duelle und kommentierte trocken, wenn ihm eine Seite zu wenig zurückgab. Das war kein durchchoreografierter Popabend, bei dem jedes Wort exakt an derselben Stelle sitzen musste. Die Show lebte von seinem direkten Kontakt mit der Halle.

Zwischen „Augen auf“, „Bilder im Kopf“ und „Tausend Tattoos“

Nach dem ersten Schlagabtausch wurde der Ton persönlicher. „Augen auf“, „Mein Testament“, „Der Himmel soll warten“, „Bilder im Kopf“ und „Leben vor dem Tod“ zeigten die andere Seite eines Rappers, der schon lange nicht mehr ausschließlich über Provokation funktioniert.

Dann verlagerte sich der Fokus wieder auf die B-Stage. In einem Medley verband Sido ältere und neuere Titel wie „High“, „Normale Leute“, „Royal Bunker“, „Meine Jordans“, „Schlechtes Vorbild“, „4 Uhr nachts“ und „Junge von der Straße“. Anschließend nahm er für den Rückweg zur Hauptbühne nicht den bequemsten Weg hinter den Kulissen. Er ging mitten durch das Publikum. Nähe statt Absperrung.

Einen besonderen Familienmoment gab es ebenfalls: Sidos damals 19-jähriger Sohn spielte im letzten Drittel der Show live Schlagzeug. Damit stand plötzlich tatsächlich ein akustisches Instrument zwischen all den Beats und Samples. Zu hören war er unter anderem bei „Papa ist da“ und „Das Buch“.

Sido in Frankfurt endet mit „Tausend Tattoos“, „Astronaut“ und einem Klassiker

Je näher das Konzert seinem Ende kam, desto größer wurden die bekannten Titel. „Jedes Geheimnis“, der Tour-Namensgeber „Tausend Tattoos“ und „Astronaut“ führten in den letzten Abschnitt. Gerade hier zeigte sich, wie breit Sidos Repertoire inzwischen geworden war. Straßenrap und Pop-Hook, Provokation und persönliche Texte standen im selben Set, ohne dass er daraus zwei verschiedene Shows machen musste.

Natürlich gab es eine Zugabe. „30-11-80“, benannt nach Sidos Geburtsdatum, und „Carmen“ gehörten zum letzten Block. Dann durfte Frankfurt über den finalen Song diskutieren. Nach einigen Neckereien fiel die Wahl schließlich auf einen Titel aus der ganz frühen Phase seiner Karriere: den „Arschficksong“.

Ein ziemlich konsequentes Ende. Denn zwischen der alten Aggro-Berlin-Attitüde, dem aktuellen Album „Ich & keine Maske“, „Tausend Tattoos“ und den großen Popsongs hatte Sido an diesem Abend praktisch seine gesamte musikalische Biografie auf die Bühne gestellt. Die Jahrhunderthalle war für knapp zwei Stunden tatsächlich sein Block.

Text & Foto © Boris Korpak | bokopictures
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