
Lewis Capaldi in Frankfurt: Stimme, Witz und Gänsehaut
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Am 7. Februar 2020 war die Jahrhunderthalle Frankfurt ausverkauft. Holly Humberstone und die schottische Indie-Rock-Band Fatherson eröffneten den Abend, danach brauchte Lewis Capaldi in Frankfurt exakt einen Song, um klarzumachen, warum seine Konzerte innerhalb kürzester Zeit von kleinen Clubs in große Hallen gewachsen waren. „Grace“ kam mit ordentlich Druck aus den Boxen, das Publikum sang sofort mit. So viel zur vorsichtigen Singer-Songwriter-Andacht.
Capaldi war damals 23 Jahre alt, hatte sein Debütalbum „Divinely Uninspired to a Hellish Extent“ erst wenige Monate zuvor veröffentlicht und spielte bereits seine bis dahin größte Europatour. Frankfurt war eine von vier Deutschlandstationen zwischen Köln, München und Berlin.
Holly Humberstone und Fatherson eröffnen den Abend
Bevor der Schotte selbst auf die Bühne kam, bekamen gleich zwei Acts Gelegenheit, die Jahrhunderthalle auf Temperatur zu bringen. Holly Humberstone stand damals noch ganz am Anfang ihrer Karriere. Ihre Debütsingle „Deep End“ war erst im Januar 2020 erschienen. Wenige Jahre später sollte sie selbst deutlich größere Bühnen spielen. An diesem Abend war sie noch die junge Sängerin im Vorprogramm von Lewis Capaldi.
Danach übernahmen Fatherson. Die ebenfalls aus Schottland stammende Band brachte mehr Indie-Rock und Gitarrendruck hinein und setzte damit einen guten Kontrast zu den Balladen, auf die viele im Publikum warteten.
Dann wurde umgebaut.
Und irgendwann stand da Lewis Capaldi.
Keine spektakuläre Kulisse nötig.
Zwischen „Grace“ und „Forever“ zeigt Capaldi seine andere Seite
Wer Lewis Capaldi bis dahin hauptsächlich aus dem Radio kannte, dürfte von „Grace“ zunächst überrascht gewesen sein. Live kam der Song härter und rockiger als seine großen Balladen. Die Halle war sofort dabei, der Jubel am Ende entsprechend laut.
Bei „Forever“ wechselte die Stimmung. Capaldi nahm die Akustikgitarre, und plötzlich musste nichts mehr groß sein. Seine Stimme erledigte den Rest. Rau, an manchen Stellen fast brüchig und dann wieder mit erstaunlicher Kraft.
Genau dieser Gegensatz zog sich durch den Abend.
Da steht einer, der Songs über Trennung, Sehnsucht und Herzschmerz schreibt, als hätte das Leben ausschließlich aus verregneten Sonntagnachmittagen bestanden. Zwischen zwei Liedern verwandelt sich derselbe Mann plötzlich in einen Stand-up-Comedian.
Er rannte über die Bühne, quatschte drauflos und setzte irgendwann eine Sonnenbrille auf. Als die Halle lachte, kam trocken: „I am a serious musician.“
Natürlich.
Lewis Capaldi macht aus Herzschmerz ziemlich gute Unterhaltung
Gerade diese Selbstironie verhinderte, dass der Abend irgendwann unter seiner eigenen Melancholie zusammenbrach.
„Don’t Get Me Wrong“ und „Maybe“ zeigten, dass Capaldis Repertoire musikalisch mehr hergab als Piano plus trauriges Gesicht. Bei „Maybe“ trieben Rhythmus und Gitarrensolo den Song nach vorne, anschließend wurde es mit „One“ und „Hold Me While You Wait“ wieder deutlich emotionaler.
Das Publikum reagierte auf diese Wechsel bemerkenswert schnell. Eben wurde noch über irgendeine Capaldi-Bemerkung gelacht, ein paar Sekunden später war es fast still.
Bei „Headspace“ und „Bruises“ rückte die Stimme wieder komplett in den Mittelpunkt. „Bruises“ war 2017 der Song gewesen, mit dem Capaldis Karriere richtig begonnen hatte. Drei Jahre später sang eine ausverkaufte Jahrhunderthalle die Zeilen mit. Sein Debütalbum war zuvor direkt auf Platz eins der britischen Charts und in Deutschland auf Platz sieben eingestiegen.
Das ging ziemlich schnell.
„Before You Go“ bringt die Jahrhunderthalle zum Schweigen
Nach „Hollywood“ und „Fade“ kam „Before You Go“.
Hier brauchte niemand mehr Animation. Capaldi besitzt diese seltene Stimme, bei der gerade die kleinen Unsauberkeiten interessant werden. Wenn sie aufbricht, wenn ein Ton etwas rauer kommt, wird der Song eher stärker als schwächer.
Und Frankfurt hörte zu.
Das war vielleicht der auffälligste Unterschied zwischen den Songs und den Ansagen. Dazwischen alberte Capaldi herum, machte sich über sich selbst lustig und wirkte eher wie der Typ, mit dem man nach dem Konzert noch im Pub sitzen könnte. Sobald der nächste Song begann, war diese Figur verschwunden.
Dann stand da plötzlich nur noch der Sänger.
„Someone You Loved“ wird zum großen Schlusschor
Natürlich wusste jeder, was noch fehlte.
„Someone You Loved“ hatte Lewis Capaldi international endgültig bekannt gemacht und stand in Frankfurt ganz am Ende der 13 Songs umfassenden Setlist.
Die ersten Töne genügten.
Smartphones gingen hoch, Stimmen kamen aus allen Richtungen. Capaldi sang, die Jahrhunderthalle antwortete. Kein kompliziertes Finale, keine zehnminütige Zugabeninszenierung. Nur dieser eine Song, den 2020 praktisch jeder schon irgendwo gehört hatte.
Nach einem Abend voller Herzschmerz, trockenem Humor und einer Stimme, die live noch einmal eine andere Wucht entwickelte, blieb ein ziemlich kurioser Eindruck zurück: Lewis Capaldi konnte eine ausverkaufte Halle innerhalb weniger Sekunden zum Lachen bringen.
Und genauso schnell wieder mucksmäuschenstill bekommen.
Setlist von Lewis Capaldi in Frankfurt
- Grace
- Forever
- Don’t Get Me Wrong
- Maybe
- One
- Hold Me While You Wait
- Headspace
- Bruises
- Hollywood
- Fade
- Before You Go
- Someone You Loved














