Freitag 13. Februar 2026

Nicht kratzen. Waschen. Tina Teubner und der schöne Ernst des Lachens.

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Tina Teubner ist vieles gleichzeitig. Komikerin mit Haltung. Musikerin mit Präzision. Melancholikerin mit Hang zur Lösung. Ihre Programme sind kein Rückzugsort, sondern ein freundlicher Überfall auf Gewissheiten. Privat und politisch lassen sich nicht mehr trennen, sagt sie. Also schaut sie hin. Auf Beziehungen, Macht, Liebe, Selbstbetrug und die Frage, warum wir immer die Welt retten wollen, aber ungern uns selbst. Gemeinsam mit Ben Süverkrüp am Klavier entsteht Theater, das witzig ist, klug, tröstlich und unangenehm ehrlich. Man geht anders raus als man reingekommen ist. Das ist kein Versprechen. Das ist Erfahrung.

Du hast die Erziehung deines Mannes erfolgreich abgeschlossen. Gab es ein Abschlusszeugnis oder war es eher eine lebenslange Fortbildung.

Am ehesten wahrscheinlich die weise Erkenntnis: es bringt nichts. Erstaunlicherweise möchte mein Mann sich nicht verändern lassen. Dabei habe ich so viele gute Anregungen…

Deine Lieder heißen autoritäre Liebeslieder. Was ist daran autoritär und warum ist Liebe offenbar ohne Machtfragen nicht zu haben.

Für alle, die mich noch nicht kennen: „autoritäre Liebeslieder“, war eine kleine satirische Provokation. Fakt ist natürlich, dass Liebe nur ohne Macht funktioniert. Das hat Adorno wie kein Anderer auf den Punkt gebracht: „ Geliebt wirst du einzig, wo du schwach dich zeigen darfst, ohne Stärke zu provozieren.“ 

Ich persönlich liebe meinen Mann. Ich liebe ihn sogar sehr. Ich habe es leider nur nicht immer auf dem Schirm.        

Dein neues Programm sagt klar, privat und politisch lassen sich nicht mehr trennen. Gab es einen Moment, an dem dir das selbst unheimlich wurde.

Je älter ich werde, desto mehr spüre ich meine eigene Verantwortung, über meine kleine private Welt hinaus nachzudenken und zu handeln. Wir sprechen ja immer von politischen Systemen, die sich verändern müssen, von Staaten Regierungen, Geheimdiensten– das ist ja auch richtig. Aber  eines ist klar: diese Systeme  – das sind Menschen. Leider schaffen es nicht immer die nettesten an die Spitze. Sondern in der Regel die lautesten, die merkfreiesten – mit Verlaub: die größten Arschlöcher (wenn wir Glück haben) und im schlimmsten Fall lupenreine Psychopathen. Unteranderem eine Erklärung dafür, dass sich auch ziemlich geile politische Visionen – bislang -nicht durchsetzen konnten.  Das haben Menschen verhindert. „Das System“ gibt es nicht. Es gibt nur Menschen. Und Menschen sind zu allem fähig. Das betrifft das Böse – aber eben auch das Gute. Das verpflichtet. 

Humor ist bei dir nie Flucht, sondern Konfrontation. Wo ziehst du für dich die Grenze zwischen Zumutung und Zumutbarkeit fürs Publikum.

Ich mute meinem Publikum alles zu, was ich selber wirklich lustig finde, was für mich Relevanz hat, was mich berührt. Immer in dem Bemühen, persönlich zu sein, aber nicht privat. Und auf die Frage: was darf Kabarett? Darf es Grenzen überschreiten – kann ich nur sagen: wenn es nicht nur um simple Provokation geht, wenn es einem Thema wirklich etwas hinzufügt – dann ist das Kabarett verpflichtet, es auch zu tun. Was oder wer sollte das sonst machen.

Du arbeitest mit rasiermesserscharfer Intelligenz und großer Herzenswärme. Was ist gefährlicher für die Welt, Dummheit oder Herzlosigkeit.

Definitiv die Herzlosigkeit. Es zeichnet Psychopathen aus, dass sie oft sehr intelligent und charismatisch sind – aber eben auch hochmanipulativ und ohne jedes Gewissen. Sie handeln impulsiv und gnadenlos, sie lügen und täuschen, dass sich die Balken biegen. Und wenn ich einen Blick über die Welt werfe, sehe ich fast nur noch Psychopathen. Und die ziehen ihr Ding durch. Ich warte immer darauf, dass sie wenigstens mal in einem kleinen Burn-out landen. Tun sie aber nicht. Bevor sie selbst ausbrennen, fackeln sie die Welt ab. Wir haben uns tatsächlich daran gewöhnt, dass das Schicksal unserer Welt in den Händen von Psychopathen liegt. Da ertappe ich mich manchmal dabei, richtig Sehnsucht nach diesen kleinen dummen Arschlöchern zu bekommen……

Ben muss an sich arbeiten, das Publikum darf zugucken. Warum funktioniert dieses Modell so gut und warum scheitert es im echten Leben oft grandios.

Das ist eine sehr gute Frage, die ich meinem Mann bei nächster Gelegenheit stellen werde. 

Wahrscheinlich bin ich immer noch zu nett.

Deine Programme hinterlassen Spuren. Was war das ehrlichste Feedback, das dich selbst verändert hat.

Es ist ungefähr 25 Jahre her, da las ich folgendes Feedback in meinem Gästebuch: “Georg Kreisler ist selbst auf CD tausendmal besser als Sie – dafür sehen Sie besser aus.“ 

Du nennst dich begnadete Melancholikerin mit Hang zu humorvollen Lösungen. Welche Probleme lassen sich deiner Erfahrung nach wirklich weglachen und welche nie.

Ich glaube nicht, dass man Probleme überhaupt weglachen kann. Aber der Humor ist die liebevollste, schönste Form des Perspektivwechsels. Das kenne ich tatsächlich nicht nur von der Bühne sondern auch aus meinem Leben: etwas, das sehr schwer schien, fühlt sich völlig anders an, wenn man es von außen angeschaut und im besten Fall so richtig darüber gelacht hat.

Kleinkunst wird oft unterschätzt. Was kann dieses Genre, was große Talkshows und politische Reden nicht leisten.

Kleinkunst muss ohne Drehbühne, ohne atemberaubende Kostüme und echte Seide auskommen. Ein Mensch kommt, raus, legt (im besten Falle) sein Herz und sein Hirn auf den Tisch und das Publikum reagiert unmittelbar. Es ist ein unablässiger Drahtseilakt: einer krachenden Pointe kann eine Geschichte folgen, die den Zuschauern die Tränen in die Augen treibt. Unser Publikum hat eine tragende Rolle: nichts funktioniert ohne. An einem brodelnden, ausverkauften Abend werden wir zu einer echten Gemeinschaft. Diese Atmosphäre kenne ich nur aus dem Kabarett. Nicht zuletzt deshalb liebe ich dieses Genre über alles. 

Wenn jemand nach zwei Stunden Tina Teubner anders rausgeht als reingekommen. Woran merkst du auf der Bühne, dass es genau in diesem Moment passiert.

Ich kriege natürlich mit, wenn sich die Spannung im Saal verändert, wenn es plötzlich ganz still wird, man eine Stecknadel fallen hört. Dass Menschen wirklich anders rausgehen als sie reingekommen sind, wage ich nicht, für mich in Anspruch zu nehmen. Aber es ist mein tiefer Wunsch, mein Publikum wenigstens in diesen zwei Stunden in der Illusion zu wiegen, dass man auf dieser Welt auch noch anders miteinander leben kann. 

Vielen Dank, liebe Tina Teubner, für deinen Mut zur Klarheit, deine Lust am Widerspruch und deine Fähigkeit, Menschen gleichzeitig zum Lachen und zum Denken zu bringen. Wir wünschen dir ausverkaufte Abende, offene Herzen im Publikum, einen wachen Ben am Klavier und viele neue Herausforderungen, an denen man wachsen darf.

Interview by CK

Tina Teubner – Pressefoto – Wenn Du mich verlässt, komm ich mit – (Fotograf © Jens Schneider)

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