Martin O. gehört zu diesen seltenen Künstlern, die Technik nicht erklären müssen, weil sie sofort fühlbar wird. Ein Mann, eine Stimme, ein handgefertigtes Loopgerät aus Appenzeller Nussholz und plötzlich entsteht ein ganzer Kosmos aus Rhythmus, Humor und Emotion. Bodenständig und virtuos zugleich, präzise wie ein Schweizer Uhrwerk und dabei verspielt wie ein Kind mit grenzenloser Neugier. Seit über 16 Jahren begeistert Martin O. sein Publikum mit Programmen, die Musik, Sprache und Geschichten zu etwas Eigenem verschmelzen lassen. Mit seinem aktuellen Live-Programm Super Looper bringt er Highlights seiner Laufbahn und neue Ideen auf die Bühne. Am 14. Februar 2026 gastiert er erstmals in Michelstadt auf der Kleinkunstbühne Patat.
Deine Stimme ist Instrument, Erzähler und Rhythmusmaschine zugleich. Wann hast du gemerkt, dass in deiner Stimme mehr steckt als nur Gesang.
Vor langer Zeit kam die “human Beatbox” in den Schweizer Voralpen an – also Rhytmus und Schlagzeug mit dem Mund. Ich war hingerissen davon, was man mit der Stimme machen kann. Es taten sich Welten auf, ja ganze Stimm-Universen, Instrumente, Klangfarben, Sounds, Melodien! Ergänzt mit Geschichten aus aller Welt und dem eigensinningen Leben in der Schweiz gibt das unendliche Kombinationsmöglichkeiten die mich seit jeher beflügeln und für die ein Leben ganz sicher nicht reicht.
Dein Loopgerät ist aus Appenzeller Nussholz gebaut und fast schon ein Bühnenpartner. Was bedeutet dir dieses Instrument jenseits der Technik.
Es war wie Liebe auf den ersten Blick und das zur Freude der Ohren! Das Loopgerät gibt mir die Möglichkeit die schönsten Harmonien live und unmittelbar vor dem Publikum schichtweise aufzusingen. Eine faszinierende Magie und ein Sound bei dem die Ohren Augen machen. Tatsächlich gehören das Loopgerät und ich zusammen und ohne wird es eintönig – ich will aber nicht von Heirat reden.
Deine Shows wirken hochpräzise und gleichzeitig vollkommen frei. Wie viel davon ist Planung und wie viel passiert im Moment mit dem Publikum.
Je mehr Ordnung und Struktur im Untergrund vorhanden, desto weiter kann ich phantasievoll und spontan bauen. Und das Fundament hat sich über die Jahre gefestigt und bewährt und so sind das unmittelbare Zusammenspiel mit dem Publikum gewachsen und mir lieb geworden. Und dann kommt es auf die Beziehung mit den Menschen im Saal an: Je vertrauter und verspielter, desto mehr und spontaneres ist möglich. So wird jeder Abend gemeinsam spürbar einzigartig – eine bare Freude.
Humor spielt bei dir eine große Rolle, aber nie platt. Wo endet für dich der Gag und wo beginnt die Geschichte.
Verwoben soll es sein: Wenn der Witz der Geschichte dient und die Geschichte dem Witz dann fliesst das ganze durch die Herzen, durch den Kopf und durch die Lachmuskeln – kommt an, kommt aber nie an – denn die Geschichten gehen weiter, auch ohne uns – den Geschichten haben ihr Eigenleben und der Erzähler dient ihnen zu. So zeigen sie sich am ehesten.
Du springst mühelos zwischen Musikstilen, Sprachen und Stimmungen. Gibt es Grenzen, die du dir bewusst setzt.
Auf jeden Fall! Eine Grenze zum Beispiel ist die Zumutung. Was ist zumutbar für das Publikum, für die Geschichte, damit der Faden nicht abreisst? Ein dehnbarer Begriff und spannend die Selbstbegrenzung zu überwinden und den Bezug zum Publikum nicht überzustrapazieren! Manchmal trifft man den Ton und manchmal war’s zuviel – wie im Leben. Es ist ein Suchen, es ist ein Finden. Gemeinsam.
Super Looper vereint 16 Jahre Bühnenarbeit und neue Nummern. Was hast du heute verstanden, was dir zu Beginn deiner Karriere noch nicht klar war.
Zum Beispiel die Kraft einer guten und einfachen Idee. Meine liebsten Nummern sind nicht unbedingt die, über die ich wochenlang gebrütet habe – oft sind es einfache Ideen, die zu einer schönen und wertvollen Nummer führen. Diese Einfachheit zu finden und zu leben, das hat sich über die Zeit verändert und gezeigt.
Du trittst oft alleine auf und füllst trotzdem große Räume. Was bedeutet Einsamkeit auf der Bühne für dich und gibt es sie überhaupt.
Oh ja, es gibt die Einsamkeit – auch bei vollem Haus. Besonders als Solist. Doch wenn ich alleine mehrstimmig klingen kann, dann ist das aushaltbar. Im Ernst: Oft fehlt mir das unmittelbare des zusammen Musizierens. Und dann zeigen sich wieder diese unfassbaren Möglichkeiten des Solisten aus sich zu schöpfen, blitzschnell zu reagieren, sich einzulassen, das Tempo zu bestimmen usw.. Ich bin 10 Jahre mit einer Gruppe aufgetreten und seit bald 20 Jahre Solist – beides hat Vor- und Nachteile. Einsamkeit ist auch in der Gruppe möglich.
Deine Programme leben von Nähe und Interaktion. Was hat dich das Publikum über dich selbst gelehrt.
Das man einen gelungenen Abend nicht “machen” kann. Klar, du arbeitest die ganze Zeit darauf hin, machst Kapriolen, mischst auf, ziehst, stösst, und lässt entstehen – keine Frage. Aber letztlich geht es nur gemeinsam mit dem Publikum. Eine demütige Sache ist das!
Preise wie der Deutsche Kleinkunstpreis würdigen dein Schaffen. Was motiviert dich heute mehr, Anerkennung oder Neugier.
Beides. Die Anerkennung führt zu weiterer Neugier: Was gibt es noch zu erzählen? Und die Neugier wird mit Anerkennung belohnt, wenn sie die Menschen berührt – zum Beispiel im Herzen.
Wenn jemand dich am 14. Februar in Michelstadt zum ersten Mal erlebt, was soll diese Person mit nach Hause nehmen, im Kopf, im Ohr oder im Herzen.
Alles was anklingt! Ein wenig Hoffnung und Zupacken, ein inneres und ein äusseres Lächeln, ein mitgrooven, ein Ent-decken und Ent-täuschen. Wir werden eine gute Zeit zusammen haben und die soll noch weit wirken und natürlich bis in Schweiz und zurück nach Michelstadt strahlen.
Lieber Martin, vielen Dank für deine Zeit, deine Offenheit und deine Kunst. Du zeigst, wie viel Kraft in einer einzelnen Stimme stecken kann, wenn sie neugierig bleibt und sich traut, Räume zu öffnen. Für Super Looper, für die Premiere in Michelstadt und für alles, was danach kommt, wünschen wir dir volle Häuser, wache Ohren und ungebremste Lust am Experimentieren. Alles Gute.
Interview by CK
Bild © by Stimmart GmbH


