Gestern Abend wurde die SAP Arena zum emotionalen Resonanzraum. Fast drei Stunden Musik, mehr als 30 Songs, ein kraftvoller Chor – und ein Künstler, der mit 69 Jahren in beeindruckender Form auftritt.
Minutenlanger Applaus vor dem ersten Ton
Als Herbert Grönemeyer gegen 20.10 Uhr die zentrale Rundbühne betritt, liegt spürbare Spannung in der Luft. Noch bevor ein Instrument erklingt, brandet minutenlanger Applaus auf. Grönemeyer hebt die Arme, dreht sich langsam um die eigene Achse, nimmt die Energie des Publikums auf. Früh ist klar: Dieser Abend in Mannheim wird kein gewöhnlicher Tourstopp.
Der Tourtitel „mittendrin – akustisch“ erweist sich nicht als bloßes Motto, sondern als konsequent umgesetztes Konzept. Die Bühne steht im Zentrum der Arena, das Publikum umgibt sie vollständig. Kein Frontalauftritt, keine Distanz – stattdessen 360 Grad Nähe. Grönemeyer ist buchstäblich mittendrin: im Raum, im Moment, im Dialog.
A-cappella-Auftakt mit „Unfassbarer Grund“
Der Beginn ist reduziert und mutig. „Unfassbarer Grund“ erklingt a cappella, getragen von einem Chor, der sich rund um die Bühne formiert. Keine Gitarren, kein Schlagzeug – nur Stimmen. Für einen Moment wirkt die Arena wie eine Kathedrale des Pop.
Es folgen „Das ist los“, ebenfalls chorgetragen, sowie „Sekundenglück“ und „Flieg“, die das erste akustische Fundament legen. Die Arrangements bleiben schlank, ohne je karg zu wirken. Statt stadiontauglicher Wucht setzt Grönemeyer auf Dynamik, Zwischentöne und Textverständlichkeit.
Fast fünf Jahrzehnte Musikgeschichte in einer Setlist
Die Werkschau spannt den Bogen über nahezu 50 Jahre – von frühen Klassikern bis zu neueren Stücken. Die Setlist liest sich wie ein Querschnitt durch die deutsche Popgeschichte:
- „Bochum“ – kaum angespielt, singt die Arena jede Zeile.
- „Flugzeuge im Bauch“ – zunächst mit Chor, später als reine Chor-Reprise im zweiten Encore.
- „Der Weg“, „Mensch“, „Alkohol“, „Was soll das“, „Männer“ – Songs, die Generationen geprägt haben.
Besonders intensiv gerät „Der Weg“. Die reduzierte Instrumentierung verleiht jeder Textzeile Gewicht, jede Pause bekommt Raum. In der Arena ist es nahezu still.
Mit „Doppelherz / Iki Gönlüm“ setzt Grönemeyer ein Zeichen kultureller Offenheit. „Zeit, dass sich was dreht“ und „Demo (Letzter Tag)“ unterstreichen die politische Dimension seines Schaffens.
Klare Haltung zwischen den Songs
Auch zwischen den Liedern bleibt es nicht beiläufig. Grönemeyer spricht über gesellschaftliche Spannungen, über Verantwortung und den Zustand der Demokratie. Keine Schlagworte, sondern präzise, pointierte Aussagen. Das Publikum hört aufmerksam zu und reagiert mit zustimmendem Applaus.
Im akustischen Setting wirken diese Momente unmittelbarer als in einer klassischen Stadionproduktion. Ohne visuelles Spektakel steht die Haltung im Zentrum.
Kollektive Momente und emotionale Höhepunkte
Mehrfach verwandelt sich die Arena in einen Hexenkessel – etwa bei „Mambo“ oder „Kopf hoch, tanzen“. Im letzten Encore übernimmt das Publikum weite Teile des Gesangs, Grönemeyer begleitet nur noch. Ein bewusster Rollenwechsel: Der Star tritt zurück, die Gemeinschaft rückt nach vorn.
Mit „Neuer Tag“, „Halt mich“ und „Immerfort“ endet ein Konzert, das mühelos zwischen Euphorie und Nachdenklichkeit balanciert.
Ein Abend mit Nachhall
Das Konzert von Herbert Grönemeyer am 12. Februar 2026 in der SAP Arena war weit mehr als ein regulärer Tourtermin. Es war ein konzentriertes Live-Erlebnis, das musikalische Reduktion mit emotionaler Intensität verband.
Drei Stunden Musik, über 30 Songs, ein stimmgewaltiger Chor, klare politische Haltung – und ein Künstler, der nichts von seiner Dringlichkeit eingebüßt hat.
„Mittendrin – akustisch“ ist keine Nostalgieveranstaltung.
Es ist ein Statement.
Am 13. Juni 2027 kehrt Grönemeyer für ein großes Open-Air-Konzert in den Deutsche Bank Park zurück. Ticket unter: EVENTIM Ticketshop
Text © by Boris Korpak | bokopictures



