Zwischen Leichtsinn und Gänsehaut: Tim Bendzko begeistert in Frankfurt

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Pünktlich um 20 Uhr wurde es dunkel in der Alten Oper Frankfurt. Kein großes Intro, keine überladene Bühnenshow – stattdessen nur zwei Scheinwerfer, ein Klavier und zwei Musiker im Lichtkegel. Gemeinsam mit Klaus eröffnete der Berliner Singer-Songwriter Tim Bendzko den Abend überraschend leise und beinahe zerbrechlich. Während Klaus am Klavier saß, sang Tim stehend die ersten Zeilen und schuf damit sofort eine intime Atmosphäre im Saal. Mit gewohnt trockenem Humor erklärte der 41-Jährige, dass es meistens eine Vorband gebe, man an diesem Abend aber lieber möglichst viele eigene Songs spielen wolle – also seien „Klaus und Tim“ selbst zur Vorband geworden. Anschließend erlaubte sich der Musiker noch eine kleine Ausnahme von der sonstigen Regel, den späteren Künstler nicht zu covern, und spielte gemeinsam mit Klaus sein eigenes Lied „Am seidenen Faden“ in einer ganz besonderen Version. Nach einigen Liedern verschwanden die beiden Musiker noch einmal kurz hinter der Bühne, bevor das eigentliche Konzert seiner „Alles, nur nicht zurück“ Tour begann.

Was folgte, war vor rund 1.800 Zuschauerinnen und Zuschauern weit mehr als ein gewöhnlicher Pop Abend. Tim Bendzko präsentierte sich an diesem Abend besonders persönlich und nahbar. Zwischen den Songs sprach er immer wieder über Beziehungen, Veränderungen und die Frage, wie Menschen miteinander verbunden bleiben. Schon ab dem Song „Nur noch kurz die Welt retten“ hielt es kaum noch jemanden auf den Sitzen. Tim Bendzko erzählte zuvor, dass die Tour ursprünglich bereits im vergangenen Jahr geplant gewesen sei. Er habe jedoch gemerkt, dass ihm das Gefühl echter Verbundenheit gefehlt habe – sowohl mit anderen Menschen als auch mit sich selbst. Erst nachdem er begonnen habe, sich mit den eigenen Themen auseinanderzusetzen und vor seiner eigenen Tür zu kehren, habe sich dieses Gefühl langsam verändert. Diese Gedanken leiteten schließlich den wohl bekanntesten Song des Abends ein. Danach wurde aus der ehrwürdigen Alten Oper endgültig eine große Pop Arena. Menschen standen auf, sangen jede Zeile laut mit, sprangen und tanzten durch die Reihen, während Tim Bendzko und seine Band ausgelassen über die Bühne wirbelten. 

Vor „Unter Steinen“ wurde es ganz besonders emotional und ruhig. Tim Bendzko sprach darüber, dass Beziehungen Menschen formen – unabhängig davon, ob sie glücklich oder schmerzhaft verlaufen. Gleichzeitig machte er deutlich, dass nicht jede Verbindung für die Ewigkeit bestimmt sei und Trennungen manchmal zu den mutigsten und wahrscheinlich schwersten Entscheidungen überhaupt gehören. Der Saal wurde still, viele hörten aufmerksam zu, bevor die ersten Töne des Songs einsetzten. Auch später zog sich dieses Thema wie ein roter Faden durch den Abend. Vor „Immer“ sprach Bendzko darüber, dass Beziehungen zwar enden könnten, echte Verbindungen jedoch oft bestehen blieben – manchmal einfach in einer anderen Form. Gleichzeitig plädierte er dafür, für Verbindungen zu kämpfen und einander nicht vorschnell aufzugeben – es würde sich lohnen. Eine besondere Bedeutung bekam dieser Moment zusätzlich dadurch, dass mit Matthias Grosch ein Mitautor des Songs im Publikum saß, den viele aus Sing meinen Song – Das Tauschkonzert kennen. Immer wieder schaffte es der deutsche Sänger jedoch auch, die Schwere aus diesen Momenten herauszunehmen und Hoffnung hineinzubringen. Nachdenkliche Ansagen gingen fließend in optimistische Töne über. So sprach er zwischendurch davon, dass am Ende alles gut werde und irgendwann der richtige Mensch ins Leben trete – bevor die Stimmung musikalisch wieder wärmer und leichter wurde.

Besonders intensiv wirkten die ruhigen Passagen des Konzerts. Mehrere Songs spielte die Band fast ausschließlich akustisch. Die Musiker saßen gemeinsam vorne an der Bühne, begleitet nur von Gitarren und dezenten Instrumentals, während hunderte Handylichter die Alte Oper in ein warmes Lichtermeer verwandelten. Gerade in diesen Momenten zeigte sich die Stärke des Songwriters aus Berlin: weniger große Inszenierung, dafür umso mehr Gefühl. Für einen zauberhaften Augenblick sorgte der Berliner Sänger bei „Wenn Worte meine Sprache wären“. Dort wandelte er spontan eine bekannte Zeile ab und sang: „Wenn alles leis ist, dann ist Frankfurts Stimme da.“ Das Publikum reagierte begeistert und sang den Song lautstark mit. 

Nach „Leichtsinn“ sorgte Tim Bendzko mit einer humorvollen Geschichte für viele Lacher im Saal. Der Sänger erzählte, dass er vor ungefähr zwei Jahren tatsächlich davon geträumt habe, den ESC zu gewinnen – inklusive einer riesigen Siegesfeier, Interviews und der großen Rückkehr am Flughafen. Kurz darauf habe es dann einen Aufruf von Stefan Raab gegeben, bei dem sich Künstler mit Radio-Erfahrung für den Eurovision Song Contest melden sollten. Für ihn sei das ein weiteres Zeichen gewesen, sich zu bewerben. Also schickte er seine Bewerbung ab – und hörte danach nie wieder etwas davon. Erst nach dem Finale habe er schließlich gegoogelt und entdeckt, dass „JJ aus Österreich“ gewonnen habe. Besonders kurios sei für ihn dabei gewesen, dass er selbst zuvor als Jurymitglied in genau der Castingshow saß, in der JJ entdeckt worden war. Somit, so erklärte der Musiker schmunzelnd, habe er eigentlich doch den ESC gewonnen und sei der „Ralf Siegel von Österreich“. Zusätzlich sei er überzeugt davon, dass Dinge wahr werden können, wenn man fest an sie glaubt – manchmal eben nur auf eine andere Art und Weise, als man ursprünglich gedacht habe.

Überhaupt wirkte der Abend weniger wie ein distanziertes Konzert und mehr wie ein gemeinsames Erlebnis zwischen Künstler und Publikum. Doch genauso schnell wie es still werden konnte, verwandelte sich die Atmosphäre immer wieder in pure Euphorie. Zwischen leisen Balladen, Akustik Momenten und großen Mitsing-Hymnen spannte die Setlist einen breiten Bogen durch seine Karriere – von „Ich laufe“ über „Leichtsinn“ bis hin zu den großen Klassikern seiner frühen Jahre. Nach dem offiziellen Ende verschwand die Band zwar kurz von der Bühne, doch die Zugabe ließ nicht lange auf sich warten. Mit den letzten Songs des Abends kehrten die Musiker noch einmal zurück und wurden begeistert gefeiert. 

Am Ende blieb ein Konzertabend voller Gegensätze: ruhig und laut, verletzlich und euphorisch, intim und gleichzeitig voller Energie. Genau diese Mischung machte den Auftritt von Tim Bendzko in der Alte Oper Frankfurt zu einem Abend, der den vielen Besucherinnen und Besuchern noch lange in Erinnerung bleiben dürfte.

Setlist:

1. Anders
2. Alles, nur nicht zurück
3. Kopf Hoch
4. Welt retten
5. Keine Maschine 

6. Kein Problem
7. Zwei Gramm
8. Unter Steinen
9. Das letzte Mal 
10. Immer
11. Irgendwas mit Liebe
12. Unter die Haut
13. Sag einfach ja
14. Wenn Worte
15. Ich laufe
16. Leichtsinn
17. Wach auf
18. Alles in Bewegung

19. Komm schon
Zugabe:
20. Hoch
21. Angekommen
22. Wir

Foto & Text © by Kristina Kuhfs

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