ZUSTRA sprengt Grenzen. Zwischen Revolution, Ohrwurm und Epos-Pop

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Mit „Down with the World“ liefert ZUSTRA nicht nur die zweite Single ihres kommenden Albums „I Am Water“, sondern auch ein Statement zwischen Euphorie, Gesellschaftskritik und tanzbarer Rebellion. Die Mischung aus treibenden Beats, poetischer Bildsprache und klaren Botschaften zeigt eine Künstlerin, die sich musikalisch und thematisch immer weiter öffnet. Im Interview sprechen wir über kreative Grenzgänge, Sarajevo als Videokulisse, den Sound des neuen Albums und die Frage, wie viel Revolution eigentlich in Popmusik steckt.

„Down with the World“ klingt wie ein Befreiungsschlag. Tanzbar, laut und gleichzeitig voller gesellschaftlicher Aussagen. War dir von Anfang an klar, dass dieser Song ein musikalischer Wendepunkt für ZUSTRA werden würde?

Als mir die Melodie kam, habe ich schon gedacht: Hui, das wird ja mal schwungvoll! Ich hatte gleich total Lust, alles einzuspielen. Meine Lieder entstehen ja alle auf diese Weise, ich hatte mich also nicht hingesetzt und geplant, mal zur Abwechslung eine tanzbare Nummer zu schreiben. Umso mehr hab ich mich gefreut: Wem ZUSTRA-Songs bisher zu düster waren, für den wäre Down with the World also mein Kennenlernpaket (lacht)!

Die Zeile „I want no seat at the table, I want all of us to sit on the ground!“ hat echtes Hymnen-Potenzial. Wie entsteht diese Mischung aus politischer Aussage und Pop-Ohrwurm in deiner Arbeit?

Dankeschön! Diese Zeile war wie so oft ein Fall von glücklicher Eingebung. Ich saß am Klavier, habe den Refrain gespielt und war sofort animiert, dazu zu singen. Das Mitreißende in der Melodie hat in mir offenbar etwas angestoßen, ein Gemeinschaftsgefühl mobilisiert – und damit politische Themen hervorgeholt, die mich beschäftigen. Oft singe ich beim Songwriting intuitiv drauf los und stelle hinterher fest, dass bestimmte Themen sich in dem Moment Bahn gebrochen haben. Es gibt dieses bekannte Zitat von Fredric Jameson: „Es ist einfacher, sich das Ende der Welt vorzustellen als das Ende des Kapitalismus.“ Das steckt in Down with the World, ebenso wie der Frust über die Ungleichheit und der Wunsch, die Welt nicht den Eliten zu überlassen.

Viele verbinden ZUSTRA bisher eher mit ätherischen, fast cineastischen Klangwelten. „Down with the World“ wirkt dagegen direkter, rhythmischer und mutiger. Wie stark verändert sich deine musikalische Identität aktuell?

Als Musikfan und Musikjournalistin höre ich von morgens bis abends Musik, aus verschiedenen Epochen und Stilen. Da läuft mit der gleichen Liebe ein Streichquartett von Schubert wie ein Banger von Run the Jewels oder Charli xcx, dann Folk von Andrew Bird, zwischendrin mal sehr laut Led Zeppelin, dann wieder leise Massive Attack, alles Mögliche. Ich entdecke gern neue musikalische Welten und lasse mich in rabbit holes fallen. Vielleicht lässt mein Unterbewusstsein es immer mehr zu, mich von meiner inneren Soundbibliothek inspirieren zu lassen, statt dass ich denke: Ah, das klingt jetzt nicht wie ein typisches ZUSTRA-Lied, ich arbeite mal besser an einem anderen weiter.

Das kommende Album „I Am Water“ trägt einen sehr offenen, fast philosophischen Titel. Wofür steht Wasser für dich persönlich und musikalisch?

Das ist in meinem Fall natürlich die Gretchenfrage! Ich muss aufpassen, jetzt nicht in einen Redeschwall zu verfallen (lacht)! Wasser zieht sich von Anfang an durch meine Arbeit, auch als Schriftstellerin in meinem Roman “Tot oder lebendig”. Ich bin in Dubrovnik am Meer geboren, konnte laut meinen Eltern schon schwimmen, bevor ich laufen konnte. Mein Opa, Großonkel und meine Cousins sind Fischer, wir sind im Sommer immer mit seinem Boot rausgefahren. Wenn ich wirklich mal meine Ruhe vor der Welt brauche, gehe ich 50 Bahnen ziehen. Und es sagt wahrscheinlich viel über mich aus, dass ich einen Boots- und Segelführerschein habe, aber nie einen fürs Auto gemacht habe, haha! So viel nur zu meinem biographischen Hintergrund. Weil viel prägender für meine Musik ist für mich die, wie Du sagst, philosophische Auseinandersetzung mit Wasser. Es ist für mich ein Motiv, um existentialistische Fragen zu verhandeln. Es öffnet richtig meinen Geist. Wasser symbolisiert die ultimative Lebendigkeit, und ebenso die Endlichkeit aller Dinge. Es ist das alles verbindende Element, und wenn ich meinen großen Zeh in den Bodensee halte, wo ich lebe, oder ein Glas Wasser trinke, bin ich mehr oder weniger mit vier Milliarden Jahren Erdgeschichte verbunden, wie durch eine Zeitmaschine. Neulich habe ich ein Meme gesehen, dass man mit nur einem Schluck Wasser potentiell in Kontakt mit Dinosaurier-DNA kommt. Da dachte ich, das ist doch genau mein Vibe (lacht)! Das ist angesichts des gegenwärtigen Zustands der Welt, der politischen Lage, und dem eigenen kleinen Alltag sehr erdend.

Du verbindest Indie Pop, Art Pop und alternative Klangflächen mit starken Bildern und Geschichten. Welche Künstlerinnen, Filme, Bücher oder gesellschaftlichen Entwicklungen beeinflussen deinen kreativen Prozess aktuell am meisten?

Neulich habe ich in der Bibliothek der Uni Konstanz quiekend Luftsprünge gemacht, weil ich das Buch “Water and Dreams” des französischen Philosophen Gaston Bachelard gefunden habe. Ich hatte drei Jahre lang fieberhaft im Internet danach gesucht, Antiquariate angeschrieben, aber es war überall vergriffen, und ich wollte es nicht nur als PDF haben. Ich konnte mein Glück kaum fassen, als ich es dann in der Hand hielt. Ansonsten schätze ich sehr die Podcasts “Wohlstand für alle” und “Die neuen Zwanziger” von Wolfgang M. Schmitt. Und der Roman “Radio Sarajevo” von Tijan Sila hat mich inspiriert, mich mehr mit der Stadt auseinanderzusetzen, wo auch Verwandte von mir leben, oder lebten, die ich jedoch nie kennengelernt habe.

Das Musikvideo in Sarajevo wirkt gleichzeitig verspielt, surreal und politisch aufgeladen. Warum war genau diese Stadt der richtige Ort für „Down with the World“?

Sarajevo ist eine der interessantesten und vielschichtigsten Städte, die ich kenne. In ihr überlagern sich unterschiedliche Religionen, Kulturen, Epochen, Stimmungen. Man sieht und spürt in der Stadt die Spuren des Osmanischen Reiches und der Habsburgermonarchie ebenso wie vom Sozialismus Jugoslawiens. Und trotz aller Wunden und Traumata, oder vielleicht gerade deswegen, haben die Menschen in Sarajevo eine unvergleichliche Lebenskunst, einen Witz, für den sie berühmt sind. Das muss man wirklich mal live erlebt haben! Diese Komplexität, diese Brüche, diese Vieldeutigkeit eröffnen, finde ich, den Raum, Kunst zu machen.

Zwischen goldener Uniform, Nikola-Tesla-Figur und Baggerfahrten steckt im Video unglaublich viel Symbolik. Wie wichtig ist dir visuelles Storytelling inzwischen im Gesamtprojekt ZUSTRA?

Das Visuelle war für mich tatsächlich von Anfang an wichtig. Für mich sind alle Sinne nah beieinander. Wenn ich Musik produziere, löst das in mir immer auch eine Art Kino aus – da kommt der Filmfan durch! Aber fast alle freischaffenden Künstler kennen die Pein, dass sich viele Ideen aufgrund des Budgets nur bedingt umsetzen lassen. Das Musikvideo zu Down with the World ist einfach bei einem spontanen Streifzug durch Sarajevo entstanden. Rückblickend ist es schon lustig, dass wir ausgerechnet in einen Kunsthandel reinspaziert sind, wo unter anderem diese Büsten von Marx und Lenin standen, oder dass wir die Nikola-Tesla-Figur vor einer Bar entdeckt haben. Letztlich sind all diese Symbole Einladungen zur Diskussion.

Deine Songs wirken oft wie kleine Filmwelten. Entsteht bei dir zuerst die Musik, der Text oder eher ein emotionales Kopfkino?

Bei mir entsteht immer zuerst die Musik – was vielleicht überraschend ist für jemanden, der hauptberuflich schreibt und redet. Ich jamme nie oder probiere herum und schaue, was dabei herauskommt. Es kommt mir eher so vor, als müsste ich einen fertigen Song aus meinem Hirn downloaden. Es ist fast immer so, dass kurz vorm Einschlafen oder nachts eine Melodie im Kopf entsteht, die ich dann schnell ins Handy singe, um sie nicht zu vergessen. Und mit ihr höre ich immer auch schon die gesamte Klangwelt. Manchmal passiert das auch tagsüber in entspannten Momenten – die Idee zu Down with the World kam mir lustigerweise in einem Supermarkt in Basel, wo ich eine Stunde Aufenthalt hatte während einer Bahnreise. Meine Freunde wissen dann: Wenn ich plötzlich ins Leere starre, nicht mehr ansprechbar bin, wegtrete und leise summend mein Handy aus der Tasche hole, ist es wieder soweit!

Bereits früh lief deine Musik bei BBC Radio 6 und inzwischen wirkt der Sound noch internationaler. Spürst du, dass ZUSTRA gerade auf ein neues Level zusteuert?

Vielen Dank! Das würde mich natürlich freuen. Schreiben Sie das ruhig so, vielleicht wird es ja eine selbsterfüllende Prophezeihung (lacht)!

„I Am Water“ erscheint im Sommer. Was dürfen Fans von der Albumreise erwarten und welche musikalischen oder inhaltlichen Richtungen stehen für dich dabei im Mittelpunkt?

Musikalisch erkundet das Album verschiedene Genres – ich habe zum Beispiel einen Punkrock-Song geschrieben und eine Art kleine Oper. Im Juni feiert mein erstes Musiktheater “Bosnia, My Love” Premiere, das ich gemeinsam mit Freund:innen im Team auf die Beine gestellt habe, und dieses Projekt hatte mein Songwriting inspiriert. Ich singe auch einige Songs teilweise oder ganz in meiner Muttersprache Kroatisch. Als ich meinem Label das fertige Album geschickt habe, war die Reaktion: Danke Ariana für dieses Gesamtkunstwerk – aber wie um Himmels Willen soll man all das denn promoten?! Als Journalistin weiß ich natürlich, wie wichtig es ist, einen Elevator Pitch zu haben. Aber als Musikerin dachte ich: Och nö, gerade als Indie-Künstlerin möchte ich mir Freiheit bewahren – auch wenn die Algorithmen auf Spotify oder Instagram natürlich lieber Kästchen bilden. Aber ich denke, davon sind wir alle ermüdet, und auch unterfordert.

Vielen Dank an ZUSTRA für die Zeit, die spannenden Einblicke und die inspirierenden Gedanken hinter „Down with the World“ und dem kommenden Album „I Am Water“. Wir wünschen dir eine erfolgreiche Veröffentlichung und starke Resonanz auf die neue Musik. Wir freuen uns darauf, deinen weiteren Weg zu begleiten. 

Interview by CK

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