Songwriting am Lebensende: Wie ein innovatives Musikprojekt Sterbenden eine Stimme schenkt

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Wenn Worte fehlen, bleibt ein Lied: Leipziger Hospizprojekt schenkt Sterbenden eine Stimme und Hinterbliebenen Trost Eine 35-jährige Mutter, unheilbar an Krebs erkrankt, hat nur noch wenige Wochen zu leben. Im Hospiz schreibt sie ein Lied. Für ihre sechsjährige Tochter. Ein Lied, das trösten soll, wenn sie nicht mehr da ist. Ein Lied, das bleibt.

Ähnliche musikalische Vermächtnisse entstehen im Leipziger Diakonie Hospiz im Rahmen eines außergewöhnlichen Projekts: Unter dem Titel „Dein musikalisches Denkmal in der Hospizarbeit“ entwickeln Sterbende gemeinsam mit der Liedermacherin und Sterbe- und Trauerbegleiterin Nadine Maria Schmidt persönliche Lebens- und Abschiedslieder für ihre Angehörigen. Das gemeinsame Projekt wird derzeit durch EU-Mittel im Rahmen des ESF-Plus gefördert, getestet und evaluiert. Für seinen innovativen Ansatz wurde es zudem mit dem 3. Platz des SINN Innovationspreis 2024 ausgezeichnet. Erste Ergebnisse zeigen: Die musikalische Arbeit hilft sowohl Hospizgästen als auch ihren Familien, Gefühle auszudrücken, Abschied zu gestalten und Trauer zu verarbeiten. Angehörige beschreiben die Lieder als „heilsame Begleiter“, als etwas, das bleibt, wenn ein Mensch gehen muss.
„Alles begann, als ich keine Worte mehr fand.“, sagt Nadine Maria Schmidt. „Also schrieb ich ein Lied. Seitdem erlebe ich, welche Kraft Musik gerade am Lebensende entfalten kann.“

Auch Hospizleiterin Silvia Beckert sieht in dem Projekt einen wichtigen Impuls für die Begleitung Sterbender: „Hospizarbeit bedeutet für uns, Lebensqualität bis zuletzt zu ermöglichen. Gerade in der letzten Lebensphase brauchen Menschen nicht nur medizinische Versorgung, sondern auch emotionale und kulturelle Begleitung. Musik kann hier eine Brücke sein zwischen Menschen, Erinnerungen und Gefühlen.“ „Und wenn ich dann dieses persönliche musikalische Denkmal auf der Beerdigung spiele, ist das etwas ganz Besonderes für die Familien und auch für mich“, erzählt Nadine Maria Schmidt. „Die Menschen kannten so etwas vorher nicht und beschreiben meine Begleitung und das Lied als unvergesslichen Moment. Wir wollen damit auch zu einer neuen und individuelleren Sterbe- und Erinnerungskultur beitragen.“ Doch trotz der positiven Rückmeldungen und vielversprechenden Evaluation steht das Projekt vor dem Aus: Die aktuelle Förderung endet im Februar 2027, eine Anschlussfinanzierung ist bislang nicht gesichert. Die bisherigen Teilnehmenden hätten sich das Angebot aus eigenen Mitteln in der Regel nicht leisten können.

Damit stellt sich auch eine gesellschaftliche Frage: Welchen Stellenwert hat psychosoziale Begleitung am Lebensende und warum sind wirksame, innovative Ansätze oft nicht nachhaltig finanzierbar? „Im Sterben wohnt so viel Leben“, sagt Nadine Maria Schmidt. Ihre Arbeit zeigt, wie viel Kraft, Nähe und Ausdruck selbst in den letzten Wochen eines Lebens möglich sind und wie daraus etwas Bleibendes entstehen kann.

Weitere Infos zum Projekt: Neben 20 musikalischen Denkmälern wird die Methode erprobt und evaluiert. Zudem entstehen ein übertragbares Konzept und ein Curriculum für die Ausbildung zum/r sterbe- und trauerbegleitenden Liedermacher:in, um die prekäre Lage selbstständiger Musiker:innen zu verbessern.

Weiterfühende Infos und Möglichkeiten reinzuhören
https://www.leipziger-diakonie-hospiz.de
https://deinmusikalischesdenkmal.de
https://www.nadinemariaschmidt.de

Dein musikalisches Denkmal © Kay Zimmermann

Geborgene Lebensbegleitung im Leipziger Diakonie Hospiz

Das 2020 gegründete Leipziger Diakonie Hospiz ist weit mehr als eine medizinische Einrichtung – es ist ein Ort der Begegnung, an dem das Leben bis zuletzt in all seinen Facetten Platz findet. Als Teil des AGAPLESION-Verbundes verbindet das Hospiz höchste fachliche Palliative-Care-Standards mit einer tief verwurzelten christlichen Wertekultur. In zwölf modern ausgestatteten Räumlichkeiten können Gäste und Angehörige gemeinsam Zeit verbringen, wobei die Würde des Einzelnen stets im Zentrum steht. In der Mitte des Gebäudes befindet sich das Herzstück der Einrichtung. Der Gemeinschaftsbereich mit integrierter Wohnküche bietet Platz für gemeinsame Mahlzeiten und den Kontakt zu anderen. In entspannter Atmosphäre können individuelle oder gemeinsame Beschäftigungen und Veranstaltungen stattfinden. Bei schönem Wetter lädt der angrenzende Außenbereich mit großer Gemeinschaftsterrasse und dem großzügig gestalteten Hospizgarten zum
Verweilen ein.

Seit Oktober 2022 leitet Silvia Beckert die Einrichtung mit großer Fachexpertise und Herzblut. Die diplomierte Sozialarbeiterin/Sozialpädagogin (B. A.) verfügt durch ihre langjährige Tätigkeit im Case Management über fundierte Erfahrung in der Begleitung krisenhafter Lebensphasen. Für Silvia Beckert ist es wichtig, nie den Blick für das Menschliche und die kleinen Lichtblicke im Alltag zu verlieren: „Hospizarbeit ist bei uns nicht nur traurig, sondern oftmals bunt, laut und lustig! Lachen, Erinnerungen teilen und kleine Augenblicke der Freude haben bei uns genauso ihren Platz wie Stille und Trauer.“
Diese Haltung prägt das gesamte Haus. Neben der spezialisierten medizinischen Versorgung und Schmerztherapie bietet das Hospiz besondere Projekte wie das „musikalische Denkmal“ oder Trauerbegleitung an. So ein sicheres Umfeld, in dem fachliche Exzellenz und herzliche Menschlichkeit Hand in Hand gehen, um den Gästen ein würdevolles und selbstbestimmtes Ankommen und Gehen zu ermöglichen.

Über Nadine Maria Schmidt

Dein musikalisches Denkmal © Susann Prautsch

Nadine Maria Schmidt ist eine etablierte Leipziger Liedermacherin. 2013 schloss sie an der Universität Leipzig ihr Studium in DaF/AVL/Journalistik ab und hat sich seitdem für die Musik entschieden. Wissenschaftlich beschäftigt sie sich schon damals mit der Wirkung von Musik und veröffentlicht ihre Arbeit auf Empfehlungen ihrer Professorinnen.
Außerdem produzierte sie bisher vier Alben mit ihrer Band. Alle wurden für den Preis der deutschen Schallplattenkritik nominiert. Sie wurde mit dem renommierten Förderpreis der Liederbestenliste ausgezeichnet, den u.a. schon Dota oder Felix Mexer erhielten. Ihre Lieder und Gedichtvertonungen finden immer wieder Eingang in verschiedenste Bildungseinrichtung von Kita bis Universität in Deutschland bis in die Ukraine, USA und Kanada.
Schon immer vertont sie die Geschichten anderer Menschen oder setzt sich mit ihrer Musik für soziale Belange ein, z.B. für die Pflege. 2022 schreibt sie ein Lied für die Familie eines kleinen Jungen und begleitet seine letzte Reise. Eine einschneidende Erfahrung. 2023 gründet sie „Dein musikalisches Denkmal“, absolviert Ausbildungen in der Sterbe- und Trauerbegleitung und beginnt ein Zweitstudium in der sozialen Arbeit.
In ihrer Gründungsphase erhält sie die Förderwürdigkeit des Landes Sachsen und FutureSAX mit dem Innostartbonus und stellt ihr Projekt auf der sächsischen Innovationskonferenz 2024 vor.
Ab 2025 leitet sie zusammen mit der Hospizleiterin Silvia Beckert ihr gemeinsames ESF-gefördertes Projekt am Leipziger Diakonie Hospiz „Dein musikalisches Denkmal in der Hospizarbeit.“

Silvia Beckert über das Projekt

„An der Hospizarbeit motiviert mich besonders, dass sie einen Raum schafft, in der Menschlichkeit, Würde und individuelle Lebensgeschichten im Mittelpunkt stehen. Gerade in der letzten Lebensphase ist es wichtig, Menschen nicht nur medizinisch, sondern auch emotional und kulturell zu begleiten.
Das ESF-Projekt „Dein musikalisches Denkmal“ bietet hierfür einen besonders berührenden Ansatz, indem es Musik als Ausdrucksform nutzt, um Erinnerungen, Gefühle und persönliche Identität festzuhalten. Musik hat die Kraft, Menschen zu verbinden, Trost zu spenden und Erinnerungen lebendig zu halten – selbst dann, wenn Worte fehlen. In enger Zusammenarbeit mit Nadine Maria Schmidt geben wir schwerkranken Menschen die Möglichkeit ein „musikalisches

Denkmal“ zu gestalten. Ich empfinde es als eine wertvolle Chance diesen Menschen Wertschätzung zu zeigen, etwas Bleibendes zu schaffen und An- und Zugehörige in ihrer Trauer beim Verlust eines geliebten Menschen zu begleiten. Frau Schmidt geht auf die Menschen ein, hört aktiv zu, nimmt individuelle Wünsche ernst und begleitet einen kreativen Prozess. Für den Sterbenden ist es ebenso ein Prozess der Trauer und des Abschieds, denn er verliert auch etwas – sein Leben. Das Projekt trägt dazu bei, dass Menschen sich gesehen und gehört fühlen und das ihre Lebensgeschichte auf eine persönliche und würdevolle Weise Ausdruck findet.“

Nadine Maria Schmidt über das Projekt

Ich verbinde in meiner Arbeit mein über 20-jähriges Handwerk des Songwritings mit Methoden aus der Sterbe- und Trauerbegleitung. Oft haben die Familien erstmal das Lied zum Ziel und dass ich es auf der Beerdigung vortrage. Später merken sie dann wie wertvoll der Prozess des gemeinsamen Schreibens war, um ihre Gedanken, Gefühle und ihre Situation zu verarbeiten. Eine Psychologin, die ich begleiten durfte, bezeichnete es sogar mal als „abgeschwächte Form von Therapie“. Das hat mich sehr gefreut, denn ich lege großen Wert auf professionelle Methodik und dass die Menschen, die ich begleite, Selbstwirksamkeit und Wertschätzung erfahren.

Erstmal führen wir intensive Gespräche über ihr Leben: Eine Reise durch Geschichten, Bilder, Gefühle und Gedanken. Lachen und Weinen liegen da nah beieinander. Wir schauen uns alles an, was gesehen werden will. Ziel ist es, einen wertschätzenden Blick für das eigene Leben und sich selbst zu entwickeln, aber auch Unausgesprochenem Raum zu geben.

Beim Liedschreiben selbst, binde ich sie mit den Möglichkeiten ein, die sie mitbringen: Ein Liedtitel. Eine Zeile. Ein ganzer Text. Manche sprechen einen letzten Gruß ein. Andere singen mit. Oder spielen ein Instrument.

Einer Mutter half ich auch beim letzten Brief an ihre Tochter mit der kein Kontakt mehr bestand. Für einen 90-jährigen Orchestermusiker organisierten wir ein kleines Abschlusskonzert und für einen Lyriker noch eine letzte Lesung. Mit anderen ein Abschlusstreffen mit gemeinsamen Windbeutel essen, weil sich das die verstorbene Mama so wünschte und mit einer Urenkelin und ihrer Mama backten wir Quarkkeulchen wie bei Omi für die Gäste des Hospizes.

Das Projekt ist so viel mehr als nur ein Lied. Was es mit den Menschen macht und auch mir. Das kann ich gar nicht in Worte fassen. Ich bin oft einfach nur tief berührt und dankbar. Wirklich alle empfehlen das Projekt weiter und wünschen sich, dass noch viel mehr Familien in ihren schweren Situationen an dieser neuen Methode in der Hospizarbeit teilhaben können. Und das wünschen wir uns auch! Aber es besteht immer die Frage: Wer finanziert es, wenn wir Teilhabe für alle ermöglichen wollen?

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