Adel Tawil live auf der Alles lebt Tour 2020 in der Festhalle Frankfurt

Adel Tawil in Frankfurt: Fast familiär in der Festhalle

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Am 22. Januar 2020 machte Adel Tawil mit seiner „Alles lebt“-Tour Station in der Festhalle Frankfurt. Die ganz große Arena-Euphorie blieb an diesem Abend allerdings zunächst aus: Einige Plätze waren frei, die riesige Halle wirkte stellenweise fast eine Nummer zu groß. Doch genau daraus entwickelte sich etwas, womit vorher kaum jemand gerechnet hatte. Adel Tawil in Frankfurt wurde kein distanzierter Arena-Abend. Im Gegenteil. Je länger das Konzert dauerte, desto familiärer fühlte es sich an.

Und bevor Tawil überhaupt auf der Bühne stand, gab es bereits die erste Geschichte des Abends.

Tim Kamrad macht aus einem Problem seinen Auftritt

Den Anfang übernahm zunächst Peachy, die Tawil auf der „Alles lebt“-Tour begleitete und mit ihm auch die gemeinsame Single „Tu m’appelles“ aufgenommen hatte. Danach sollte Tim Kamrad mit seiner Band folgen.

Sollte.

Denn in Frankfurt fehlte plötzlich die Technik beziehungsweise das Equipment für seinen geplanten Bandauftritt. Absagen? Kam für Kamrad offenbar nicht infrage. Er schnappte sich seine Akustikgitarre und spielte allein. Später bezeichnete er den Frankfurter Tourtag selbst als einen verrückten Tag, an dem er komplett ohne Technik und Band auskommen musste.

Das vermeintliche Problem wurde damit zu einem der sympathischsten Momente des Abends. Keine große Produktion, kein Sicherheitsnetz. Nur Stimme und Gitarre.

Und das funktionierte.

Die Songs bekamen plötzlich einen anderen Charakter, reduzierter und direkter. In einer Festhalle, in der normalerweise riesige Produktionen auffahren, wirkte dieser spontane Akustik-Auftritt fast wie ein kleines Clubkonzert vor ziemlich großer Kulisse.

Adel Tawil startet zunächst hinter dem Vorhang

Nach der Umbaupause wurde es dunkel. Ein leicht transparenter Vorhang verdeckte die Bühne, dahinter zeichnete sich Adel Tawil beim ersten Song zunächst nur schemenhaft ab.

Dann fiel die Barriere.

Die „Alles lebt“-Tour stellte Tawils gleichnamiges drittes Soloalbum in den Mittelpunkt, das im Juni 2019 erschienen war. Songs wie „Liebe to Go“, „Katsching“, „Neonfarben“, „Neues Ich“, „Atombombe“ oder „Wohin soll ich gehen“ gehörten zum Repertoire dieser Tour. Gleichzeitig blieben ältere Solo-Hits und Stücke aus der Zeit mit Ich + Ich fester Bestandteil der Shows.

Diese Mischung war wichtig. Denn im Publikum standen Menschen, die Tawil schon seit „Vom selben Stern“ und „Stark“ begleiten, neben Fans, die erst über „Lieder“, „Ist da jemand“ oder das aktuelle Album dazugekommen waren.

Und erstaunlicherweise spielte es irgendwann keine Rolle mehr, dass die Festhalle nicht komplett voll war.

Die Leute, die da waren, machten genug Lärm.

Aus der großen Festhalle wird plötzlich ein ziemlich kleiner Raum

Tawil suchte von Anfang an die Verbindung nach vorne. Nicht dieses routinierte „Hallo Frankfurt“, nächster Song, nächste Lichtsequenz. Immer wieder ging sein Blick ins Publikum, blieb irgendwo hängen, eine Reaktion kam zurück.

Später reichte ihm das offenbar nicht mehr.

Also ging er runter.

Mitten hinein ins Publikum.

Genau da kippte die Atmosphäre endgültig. Aus dem Künstler weit vorne auf einer großen Bühne wurde plötzlich jemand, der zwischen seinen Fans stand. Hände wurden ausgestreckt, Smartphones gingen hoch, Menschen drehten sich um, weil Tawil auf einmal hinter ihnen auftauchte.

Das mag nach einer kleinen Geste klingen. In einer Halle wie der Festhalle macht es einen gewaltigen Unterschied.

Adel Tawil in Frankfurt war in diesen Minuten weniger Arenakonzert als großes gemeinsames Treffen.

Ein kleines Mädchen darf einfach bleiben

Noch persönlicher wurde es, als Tawil ein junges Mädchen aus dem Publikum zu sich auf die Bühne holte.

Normalerweise gibt es bei solchen Szenen einen kurzen Moment, ein Foto, vielleicht einen Refrain. Dann geht es zurück ins Publikum.

Hier nicht.

Das Mädchen durfte einfach bleiben und mehrere Songs von der Bühne aus miterleben. Tawil machte daraus keine überzogene Inszenierung und keinen großen emotionalen Programmpunkt. Genau deshalb funktionierte es. Da saß beziehungsweise stand plötzlich ein kleiner Fan mitten in einer professionellen Arenashow und schaute sich das Ganze aus einer Perspektive an, die an diesem Abend sonst nur Band und Crew hatten.

Manchmal sind es genau solche ungeplanten Bilder, die nach einem Konzert stärker hängen bleiben als jede LED-Wand.

„Lieder“, Ich + Ich und das neue Kapitel „Alles lebt“

Musikalisch konnte Tawil ohnehin aus einem ziemlich großen Fundus wählen. Seine Solokarriere hatte ihm mit „Lieder“, „Zuhause“ und „Ist da jemand“ längst eigene große Titel gebracht. Gleichzeitig gehören Songs aus der Zeit mit Ich + Ich weiterhin zu seiner Geschichte.

„Vom selben Stern“, „Stark“ oder „Stadt“ funktionieren live sofort. Man hört die ersten Töne, und irgendwo setzt garantiert jemand zu früh mit dem Refrain ein.

Genau dieser Wechsel zwischen Vergangenheit und Gegenwart trug die Tour. Tawil musste seine älteren Erfolge nicht verstecken, aber er baute den Abend auch nicht als reine Nostalgieshow auf. „Alles lebt“ war schließlich erst 2019 erschienen und brachte mit Peachys französischen Parts in „Tu m’appelles“ oder Songs wie „Neonfarben“ neue Farben in sein Programm.

Zum Ende nahm sich Tawil noch Zeit, seine komplette Band vorzustellen und sich bei den Menschen zu bedanken, die diese Produktion Abend für Abend möglich machten.

Kein schneller Abgang.

Das passte zu diesem Frankfurt-Abend. Die Festhalle war vielleicht nicht bis auf den letzten Platz gefüllt. Dafür rückten diejenigen, die gekommen waren, gefühlt immer näher an die Bühne.

Text & Foto © Jan Heesch

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