
Airbourne in Wiesbaden: Geballte Power from Down Under
Beitrag teilen
Airbourne in Wiesbaden bedeutete am 9. November 2019 vor allem eines: Vollgas. Die australischen Hard-Rocker gastierten im ausverkauften Schlachthof Wiesbaden, 2.400 Fans waren dabei. Als Special Guest stand Tyler Bryant & The Shakedown auf der Bühne. Wer an diesem Abend auf leise Zwischentöne hoffte, war ohnehin im falschen Konzert gelandet. Hier regierten Gitarren, Schweiß und Bier.
Australien hat schließlich mehr zu bieten als endlose Weiten, Kängurus und allerlei Getier, dem man besser nicht zu nahe kommt. Seit AC/DC weiß die Rockwelt, dass von Down Under auch ziemlich kerniger, handgemachter Hard Rock kommen kann. Airbourne führen genau diese Tradition fort, allerdings mit einer körperlichen Wucht, die selbst im Genre noch auffällt. Kuschelkurs? Fehlanzeige.
Tyler Bryant & The Shakedown heizen im Schlachthof ein
Bevor Joel O’Keeffe und seine Mannschaft die Kontrolle über den Abend übernahmen, gehörte die Bühne Tyler Bryant & The Shakedown. Ihr Mix aus Hard Rock, Blues und deutlich hörbarem Southern-Rock-Einschlag passte perfekt. Keine lästige Pflichtvorband, sondern ein Support, der den bereits gut gefüllten Schlachthof innerhalb kurzer Zeit auf Betriebstemperatur brachte.
Rund 45 Minuten standen Tyler Bryant & The Shakedown auf der Bühne. Songs wie „Drive Me Mad“, „House On Fire“, „Mojo Workin’“ und „Lipstick Wonder Woman“ bestimmten ihr Set. Vor allem der Groove funktionierte. Die ersten Reihen gingen mit, die Halle wurde merklich lauter und spätestens beim letzten Song war klar: Der Boden für Airbourne war bereitet.
Airbourne in Wiesbaden kennen nur eine Richtung
Dann wurde umgebaut. Kurz.
Als Airbourne schließlich loslegten, gab es im Schlachthof praktisch kein Halten mehr. Nach dem Intro aus „Terminator 2“ eröffneten die Australier mit „Raise The Flag“, anschließend folgten unter anderem „Too Much, Too Young, Too Fast“ und „Burnout The Nitro“. Die Verstärker schienen nur eine Einstellung zu kennen. Laut.
Vor der Bühne entwickelte sich schnell jenes kontrollierte Chaos, das bei Airbourne fast zur Grundausstattung gehört. Menschen sprangen, Fäuste gingen nach oben, Bierbecher wechselten auf eher ungewöhnlichen Flugbahnen ihren Standort. Man hatte stellenweise tatsächlich das Gefühl, dass an diesem Abend mehr Bier durch die Luft flog als getrunken wurde.
Und mittendrin: Joel O’Keeffe.
Joel O’Keeffe mitten im Publikum und die obligatorische Bierdusche
Schon früh im Set suchte der Frontmann die Nähe zu den Fans. Gitarre dabei, rauf auf die Schultern eines Roadies und mitten hinein in die Menge. Dort folgte eine jener Szenen, die bei Airbourne längst Kultstatus besitzen: O’Keeffe nahm eine Bierdose und schlug sie so lange gegen seinen Kopf, bis sich deren Inhalt explosionsartig über die Umstehenden verteilte.
Meterweit spritzte das Bier. Gratisdusche inklusive.
Danach ging es zurück auf die Bühne, als wäre nichts gewesen. Später führte ihn sein Weg sogar auf die Rollstuhltribüne. Gerade diese unmittelbare Nähe zum Publikum unterscheidet einen Airbourne-Abend von vielen klinisch durchgetakteten Arena-Shows. Der Frontmann wirkt nicht wie jemand, der sein Programm abarbeitet. Er sucht die Reaktion, provoziert sie und bekommt sie sofort zurück.
Auch die mobile Bar durfte nicht fehlen. Whiskey-Cola wurde dort in einem Mischungsverhältnis ausgeschenkt, bei dem die Cola eher für die Farbgebung zuständig gewesen sein dürfte. Ein Toast auf Lemmy Kilmister gehörte ebenfalls zum Ritual. Weitere Bierdosen mussten im Laufe des Abends O’Keeffes Schädel Bekanntschaft machen, und selbst der Bühnengraben bekam seinen Anteil ab.
Setlist zwischen „Boneshaker“ und Airbourne-Klassikern
Musikalisch blieb der Fuß permanent auf dem Gaspedal. Das damals aktuelle Album „Boneshaker“ rückte mit dem Titelsong, „Burnout The Nitro“ und „Backseat Boogie“ ins Programm, doch Airbourne machten nicht den Fehler, ihre älteren Abrissbirnen im Schrank zu lassen.
„Girls In Black“, „Bottom Of The Well“, „Breakin’ Outta Hell“ und „It’s All For Rock ’n’ Roll“ hielten den Druck hoch. Spätestens bei „Stand Up For Rock ’n’ Roll“ war aus dem Konzert endgültig eine ziemlich schweißtreibende Gemeinschaftsveranstaltung geworden. Wer hier noch stillstand, hatte vermutlich nur kurz Luft geholt.
Balladen? Brauchte niemand.
Nach 13 regulär gespielten Songs plus Intro war erst Schluss, nachdem Airbourne mit „Ready To Rock“ und schließlich „Runnin’ Wild“ noch einmal ihre großen Live-Trümpfe ausgespielt hatten. Die belegte Setlist des Wiesbadener Abends umfasste damit Material aus mehreren Phasen der Bandgeschichte und drei Stücke aus „Boneshaker“.
Der Schlachthof sah danach vermutlich nicht besser aus als vorher. Die Fans schon gar nicht. Aber genau darin lag der Reiz dieses Abends: Airbourne in Wiesbaden waren kein sauber inszeniertes Rock-Spektakel hinter Sicherheitsabstand. Das war laut, körperlich, verschwenderisch und manchmal herrlich überzogen. Bier klebte auf dem Boden, die Ohren klingelten und „Runnin’ Wild“ hing noch in der Luft.
Text & Foto © Jan Heesch














