Tom Araya von Slayer am 6. Juni 2016 beim Zeltfestival Rhein-Neckar auf dem Maimarktgelände Mannheim

Slayer in Mannheim: Thrash-Gewitter im Palastzelt

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Schwüle Luft hängt unter dem Zeltdach, der Boden trägt noch sichtbare Spuren des gerade beendeten Maifeld Derbys und zwischen schwarzen Shirts, langen Haaren und Tattoos wird es von Minute zu Minute enger. Am 6. Juni 2016 sieht das Palastzelt auf dem Mannheimer Maimarktgelände völlig anders aus als noch am Wochenende zuvor. Das erste Zeltfestival Rhein-Neckar geht mit einem ausgesprochen schweren Montagabend zu Ende: The Shrine, Anthrax und Slayer in Mannheim. Gleich zwei Bands der legendären „Big Four“ des Thrash Metal stehen hintereinander auf derselben Bühne.

Als später AC/DCs „Thunderstruck“ über die Anlage läuft, braucht es keine Moderation mehr. Aus dem Palastzelt kommen längst die obligatorischen „Slayer!“-Rufe. Paul Bostaph nimmt hinter dem Schlagzeug sogar für einige Takte den Rhythmus des Intros auf. Dann brechen Tom Araya, Kerry King, Gary Holt und Bostaph ohne weitere Vorwarnung mit „Repentless“ los. Keine Begrüßungsrede. Kein Herantasten. Einfach Thrash Metal.

The Shrine bringen Venice Beach nach Mannheim

Bevor die beiden Thrash-Schwergewichte übernehmen, eröffnen The Shrine aus Venice Beach den Abend. Ihr schneller Mix aus Stoner Rock, Punk und klassischem Rock’n’Roll passt zunächst nicht unbedingt offensichtlich zwischen Anthrax und Slayer. Auf der Bühne erledigt sich diese Frage schnell. Eine knappe halbe Stunde reicht der Band, um mit viel Bewegung und rauem Gitarrensound die ersten Reihen auf ihre Seite zu ziehen.

Dann folgt der erste große Wechsel. Black Sabbaths „The Mob Rules“ läuft als Intro und wird schon vor dem Erscheinen der Musiker laut mitgesungen. Anthrax kommen mit „Among the Living“ auf die Bühne. Jetzt öffnet sich vor der Bühne sofort Bewegung.

Anthrax machen aus dem Palastzelt einen Moshpit

Joey Belladonna wirkt bestens aufgelegt, Scott Ian hämmert seine Riffs mit gewohnt breitem Stand in die Menge und das Palastzelt wird mit jedem Song heißer. „Caught in a Mosh“ trägt seine Gebrauchsanweisung bereits im Titel. Danach „Got the Time“, „Madhouse“ und „Antisocial“. Die Refrains kommen laut zurück, Belladonna braucht das Publikum kaum zusätzlich anzutreiben.

Auch das damals aktuelle Album „For All Kings“ bekommt seinen Platz. „Evil Twin“ und „Breathing Lightning“ stehen neben Material aus den Achtzigern, bevor „Indians“ das Set abschließt. Anthrax spielen elf Nummern und hinterlassen keine typische Support-Stimmung. Dafür ist die Band zu groß, die Reaktion vor der Bühne zu heftig und der eigene Klassikerbestand ohnehin zu umfangreich.

Als Scott Ian und seine Kollegen verschwinden, strömen viele Richtung Getränkestände. Lange dauert die Pause nicht.

„Thunderstruck“.

Dann Slayer.

„Repentless“ gibt keine Zeit zum Durchatmen

Der Titelsong des 2015 erschienenen Albums eröffnet den Hauptteil, unmittelbar danach folgen „Born of Fire“ und „Disciple“. Schon die ersten Minuten zeigen, dass Slayer an diesem Abend keine aufwendig erzählte Dramaturgie brauchen. Die Songs stehen fast ohne große Ansagen hintereinander. Araya spricht nur gelegentlich zum Publikum und wird selbst dabei immer wieder von „Slayer!“-Rufen übertönt.

„God Send Death“ führt zurück zu „God Hates Us All“, danach schlägt „War Ensemble“ ein. Kerry King und Gary Holt liefern die schneidenden Gitarrenlinien, während Bostaph darunter mit enormem Druck arbeitet. „When the Stillness Comes“ und „You Against You“ holen das aktuelle Album wieder nach vorne, ehe „Mandatory Suicide“, „Hate Worldwide“ und „Postmortem“ die Setlist immer weiter Richtung Vergangenheit öffnen.

Die Lichtshow verstärkt diese Wirkung. Schnelle Wechsel, harte Kontraste und Nebel lassen die Band zeitweise nur noch als Silhouetten erscheinen. Viel Bewegung braucht Slayer selbst nicht. Araya steht mit Bass am Mikrofon, King und Holt flankieren ihn. Der Rest passiert im Publikum.

Alte Slayer-Songs drehen die Temperatur weiter hoch

Je tiefer die Band in ihre Geschichte greift, desto heftiger wird die Reaktion. „Fight Till Death“, „Hallowed Point“, später „Dead Skin Mask“ und „Hell Awaits“ ziehen den Abend weg vom damals aktuellen Album und zurück in jene Phasen, die Slayer ihren Ruf als eine der kompromisslosesten Thrash-Metal-Bands eingebracht haben.

Das Palastzelt ist ohnehin längst aufgeheizt. Draußen war es ein schwüler Montag, drinnen kommen Licht, Körperwärme und permanenter Bewegung noch dazu. Circle Pits öffnen sich, Köpfe gehen im Takt nach vorne und die berühmten Bandrufe tauchen selbst dort auf, wo gerade gar keine Lücke im Set vorgesehen ist.

Slayer reagieren darauf mit der ihnen eigenen Form von Kommunikation: nächster Song.

„Raining Blood“, „South of Heaven“, „Angel of Death“

Für das Finale bleiben drei Titel, die praktisch eine komplette Kurzfassung der Slayer-DNA ergeben.

„Raining Blood“.

Das bekannte Gitarrenmotiv reicht. Das Palastzelt explodiert noch einmal, der Applaus will danach kaum abreißen. Dann senkt „South of Heaven“ das Tempo, ohne auch nur einen Hauch von Bedrohlichkeit zu verlieren. Dieses langsame Anfangsriff steht im völligen Kontrast zur Raserei zuvor und funktioniert gerade deshalb so stark.

Zum Schluss folgt „Angel of Death“. Gleichzeitig verschwindet das bisherige Bühnenbanner und gibt den Blick auf ein Tribut an den 2013 verstorbenen Slayer-Gitarristen Jeff Hanneman frei. Ein kurzer emotionaler Bruch in einer Show, die ansonsten fast vollständig über Geschwindigkeit, Präzision und rohe Energie funktioniert. Hanneman fehlt auf der Bühne, seine Handschrift steckt gerade in diesen Klassikern überall.

Danach gibt es keine Zugabe. Kein künstliches Verschwinden, keine weitere Runde.

The Shrine hatten den Abend eröffnet. Anthrax machten das Zelt zum Moshpit. Slayer erledigten den Rest.

Text & Foto © Boris Korpak | bokopictures

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