
Alligatoah in Mannheim: Satire zwischen Autos und Autoradios
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Schon der Weg zur Bühne machte deutlich, dass Alligatoah an diesem Abend keine Lust auf einen gewöhnlichen Auftritt hatte. Am 20. Juni 2020 stand Lukas Strobel beim ausverkauften CARStival auf dem Maimarktgelände Mannheim vor rund 850 Fahrzeugen. Statt einfach hinter der Bühne aufzutauchen, ließ er sich zunächst durch die Autoreihen fahren, bevor das eigentliche Konzert begann.
Ein passender Auftakt für einen Künstler, bei dem Konzert und Theater ohnehin eng zusammengehören. Alligatoah in Mannheim bedeutete an diesem Samstagabend Rap, Pop, Gitarren, absurde Einfälle und Texte, bei denen man besser ein zweites Mal hinhört. Nur die übliche erste Reihe fehlte. Zwischen Bühne und Publikum standen diesmal Motorhauben und Windschutzscheiben.
Das machte den Abend nicht unbedingt leiser. Nur anders.
Alligatoah macht das Autokino selbst zum Teil der Show
Bei vielen Konzerten des Corona-Sommers bestand die größte Herausforderung darin, trotz der Autos möglichst viel normales Konzertgefühl herzustellen. Alligatoah ging einen anderen Weg. Die merkwürdige Situation musste nicht versteckt werden. Sie konnte genauso gut Teil der Inszenierung sein.
Seine Band trat im Laufe des Abends in Bademänteln auf, während Alligatoah selbst im auffälligen gelben Bühnenoutfit durch das Programm führte. Zeitgenössische Berichte beschreiben eine rund 90-minütige Show, in der musikalische Präzision und bewusst überzogene Präsentation ständig nebeneinanderstanden.
Und das Publikum verstand das Spiel.
Aus den Autos wurde mitgesungen, Fenster gingen herunter und nach den Songs antworteten Scheinwerfer und Hupen. Bei anderen Künstlern wirkte dieser Autokino-Applaus manchmal noch etwas unbeholfen. Hier passte die Absurdität erstaunlich gut zum Künstler.
Von „Wissen schützt vor Dummheit nicht“ bis „Willst du“
Musikalisch eröffnete Alligatoah mit „Wissen schützt vor Dummheit nicht“, danach folgte „Alli-Alligatoah“. Schon die ersten Titel zeigten, dass der Abend nicht ausschließlich auf die bekannten Radiohits reduziert werden sollte. „Wer weiß“, „Ein Problem mit Alkohol“, „Fick ihn doch“ und „I Need a Face“ folgten früh im Set.
Ein großer Teil des Programms stammte aus „Schlaftabletten, Rotwein V“. Das 2018 veröffentlichte Album hatte Platz eins der deutschen Albumcharts erreicht und war zum damaligen Zeitpunkt Alligatoahs jüngste reguläre Studioplatte. Zehn Stücke des Mannheimer Sets ließen sich diesem Album beziehungsweise seiner erweiterten Veröffentlichung zuordnen.
Gerade live zeigt sich, warum seine Musik schwer unter dem einfachen Etikett Deutschrap unterzubringen ist. Rap-Passagen stehen neben sauber gesungenen Refrains, Gitarren neben elektronischen Sounds. Dazu kommen Texte, die mit Übertreibung, Perspektivwechseln und unangenehm treffenden Beobachtungen arbeiten.
Wer nur nebenbei zuhört, verpasst schnell die Hälfte.
Zwischen Albernheit und ziemlich ernstem Stoff
Bei „Lass liegen“, „Trostpreis“, „Terrorangst“ oder „Meinungsfrei“ wird dieser Gegensatz besonders deutlich. Die Songs können im ersten Moment unterhaltsam oder vollkommen überzogen wirken. Dahinter liegen aber Themen wie Konsum, gesellschaftliche Selbstzufriedenheit, Angst oder die Art, wie Menschen ihre eigenen Positionen verteidigen.
Das Mannheimer Konzert ließ diesen Stücken genügend Raum. Die Show musste deshalb nicht permanent auf maximale Lautstärke setzen. Alligatoah konnte eine Nummer musikalisch ausspielen und danach sofort wieder in eine absurde Moderation wechseln.
Genau das hält seine Konzerte beweglich.
Man weiß nie so ganz, ob die nächste Minute ernst gemeint ist, ob gerade jemand auf die Schippe genommen wird oder ob beides gleichzeitig passiert.
Selbst Werbung bekommt einen Platz im Set
Wie weit Alligatoah dieses Spiel treibt, zeigte ein ungewöhnlicher Abschnitt in der zweiten Hälfte des Konzerts. Nach „Merch“ folgte ein Block aus bekannten Werbemelodien und -motiven, bevor „Wo kann man das kaufen“ anschloss. In der dokumentierten Mannheimer Setlist sind dabei unter anderem Marken wie Merci, Landliebe, Bratmaxe, Calgon und Telekom vermerkt.
Bei einem normalen Rapkonzert wäre das ein ziemlich seltsamer Programmpunkt.
Bei Alligatoah überrascht es kaum.
Anschließend ging es mit „Hass“, „Meinungsfrei“ und „Du bist schön“ weiter. Gerade letzterer gehört zu den Songs, bei denen die eingängige Oberfläche schnell täuschen kann. Der Refrain sitzt sofort, während der Text längst eine andere Richtung eingeschlagen hat.
„Willst du“ wird auch im Auto laut mitgesungen
Gegen Ende standen schließlich jene Songs an, auf die viele gewartet hatten. Nach „Nicht wecken“ folgte „Willst du“, einer der Titel, mit denen Alligatoah weit über die Rap-Szene hinaus bekannt wurde. „Wie Zuhause“ bildete anschließend den Abschluss der dokumentierten Setlist. Insgesamt sind für Mannheim 21 Programmpunkteverzeichnet.
Bei „Willst du“ war dann auch hinter den Autoscheiben kaum noch Zurückhaltung zu erkennen. Der Song gehört zu jenen Nummern, bei denen das Publikum den Text ohnehin selbst übernehmen kann.
Nur sah das 2020 eben anders aus.
Menschen lehnten sich aus geöffneten Fenstern, andere sangen vom Fahrersitz mit. Wo sonst Arme über einer dicht gedrängten Menge zu sehen wären, blinkten auf dem Maimarktgelände die Scheinwerfer.
Alligatoah in Mannheim passt erstaunlich gut ins CARStival
Dass ausgerechnet Alligatoah mit diesem Veranstaltungsformat viel anfangen konnte, überrascht im Nachhinein kaum. Seine Shows leben seit Jahren davon, Konzertkonventionen aufzubrechen und Rollen zu spielen. Ein Parkplatz voller Autos war damit weniger Hindernis als zusätzliches Material.
Das CARStival selbst war am 25. Mai gestartet und bot auf dem Maimarktgelände Platz für bis zu 850 Fahrzeuge. Musik und Sprache konnten über eine eigene UKW-Frequenz ins Autoradio übertragen werden, zusätzlich stand eine große LED-Fläche für die Sicht auf das Bühnengeschehen bereit.
Am 20. Juni war diese Fläche ausverkauft. Und spätestens nach eineinhalb Stunden Alligatoah wirkte die Vorstellung, ein Rapkonzert aus dem Auto zu verfolgen, deutlich weniger befremdlich als noch bei der Einfahrt.
Normal ist dieser Sommer ohnehin nicht.
Alligatoah machte wenigstens etwas Interessantes daraus.
etlist Alligatoah in Mannheim
Wissen schützt vor Dummheit nicht
Alli-Alligatoah
Wer weiß
Ein Problem mit Alkohol
Fick ihn doch
I Need a Face
Lass liegen
Lungenflügel
Trostpreis
Trauerfeier Lied
Meine Hoe
Terrorangst
Merch
Werbe-Medley
Wo kann man das kaufen
Hass
Meinungsfrei
Du bist schön
Nicht wecken
Willst du
Wie Zuhause














