Sido live am 18. Juni 2020 beim CARStival auf dem Maimarktgelände Mannheim

Sido in Mannheim: Rap zwischen Bass und Windschutzscheibe

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Es war schon ein merkwürdiges Bild: Sido auf einer großen Bühne, davor dicht an dicht geparkte Autos und ein Publikum, das sich bei jedem Song mit Scheinwerfern, Warnblinker und Hupen bemerkbar machte. Am 18. Juni 2020war der Berliner Rapper beim CARStival auf dem Maimarktgelände Mannheim zu Gast. Der Termin ist auch im offiziellen Veranstaltungsarchiv des Maimarktgeländes dokumentiert.

Nach mehreren ausverkauften Drive-in-Shows in Düsseldorf und Hannover führte Sidos ungewöhnliche Konzertreise damit nach Mannheim. Auch hier war das Interesse groß. Rund 2.500 Fans verfolgten die Show unter den damals geltenden Bedingungen aus ihren Fahrzeugen.

Für Sido in Mannheim bedeutete das eine ziemlich spezielle Ausgangslage. Seine Konzerte leben normalerweise davon, dass tausende Menschen dicht vor der Bühne stehen, jede Zeile zurückbrüllen und der Bass unmittelbar durch die Halle geht. Beim CARStival saßen dieselben Fans plötzlich hinter Windschutzscheiben.

Das änderte einiges. Die Songs funktionierten trotzdem.

Sido braucht keine normale erste Reihe

Als Sido auf die Bühne kam, musste man sich an die Szenerie erst einmal gewöhnen. Kein Gedränge am Bühnengraben, keine Hände direkt vor ihm. Stattdessen Reihen von Fahrzeugen, in denen Menschen bereits auf den ersten Beat warteten.

Mit Songs wie „Steh wieder auf“ und „Goldjunge“ kam schnell Bewegung auf das Gelände. Köpfe wippten hinter Scheiben, Fenster gingen herunter und spätestens nach den ersten Nummern blinkten überall Scheinwerfer.

Das CARStival war zwischen dem 25. Mai und Ende Juli 2020 auf dem Maimarktgelände angesiedelt und brachte in dieser Zeit unter anderem Sido, Haftbefehl, Alligatoah, Gentleman, Max Giesinger und Tim Bendzko auf die Bühne.

Gerade bei einem Rapkonzert fühlte sich dieses Format zunächst besonders fremd an. Ein Beat kann noch so laut sein, wenn einige Meter Asphalt und eine Autotür zwischen Künstler und Publikum liegen, verändert sich die Wirkung.

Sido machte daraus kein großes Thema. Er spielte.

Alte Tracks treffen auf ein inzwischen riesiges Repertoire

Seit „Mein Block“ 2004 hatte sich bei Sido bis zu diesem Abend ziemlich viel Material angesammelt. Früher Aggro-Berlin-Rap, später zunehmend persönlichere Songs, Pop-Kollaborationen und große Refrains: Seine Karriere hatte längst mehrere musikalische Phasen durchlaufen.

Beim CARStival konnte er genau daraus schöpfen.

Die älteren Tracks sorgten sofort für erkennbare Reaktionen. Viele Zeilen mussten gar nicht vollständig aus den Lautsprechern kommen, weil sie in den Autos längst mitgerappt wurden. Gleichzeitig gehörten auch Songs aus den jüngeren Jahren in das Programm.

Das machte den Abend weniger zu einer Rückschau als zu einem Querschnitt durch Sidos Entwicklung.

Er brauchte dafür keine komplizierte Choreografie. Mikrofon, DJ, Beats und ein Künstler, der genau weiß, wann er einen Song laufen lassen und wann er das Publikum ansprechen muss, reichten vollkommen.

Zwischen den Songs wird Sido zum Erzähler

Sido war an diesem Abend nicht einfach nur der Rapper, der einen Titel nach dem anderen abarbeitet.

Zwischendurch nahm er sich immer wieder Zeit für Ansagen, kleine Geschichten und direkte Reaktionen auf das, was vor ihm passierte. Das Publikum antwortete auf seine Art. Einmal blinkte eine Reihe, dann meldeten sich Hupen aus einer anderen Ecke des Geländes.

Bei einem normalen Konzert wären solche Reaktionen kaum erwähnenswert.

2020 gehörten sie zum Abend.

Und Sido konnte damit umgehen. Er machte Witze über die ungewohnte Situation, wartete auf die Antwort aus den Fahrzeugen und ließ sich von der Distanz nicht aus dem Rhythmus bringen.

Gerade dadurch entstand etwas, das bei einem Autokonzert nicht selbstverständlich war: Kommunikation.

„Mein Block“ klingt auch durchs Autoradio nach Sido

Natürlich warteten viele auf die Songs, mit denen Sidos Karriere groß geworden war.

„Mein Block“ gehört seit 2004 zu den Stücken, die mit seinem Namen praktisch untrennbar verbunden sind. Auch in Mannheim brauchte es dafür keine lange Ankündigung. Ebenso sorgten Titel aus späteren Jahren dafür, dass im gesamten Gelände mitgerappt wurde.

Eine dokumentierte Sido-Setlist aus einem seiner Drive-in-Konzerte desselben Frühjahrs zeigt, wie breit er das Programm damals angelegt hatte: Songs wie „Mein Block“, „Fuffies im Club“, „Straßenjunge“, „Mein Testament“, „Astronaut“ und „Tausend Tattoos“ gehörten in dieser Phase zu seinem Live-Repertoire.

Dasselbe Grundprinzip funktionierte auch in Mannheim. Alte Aggro-Zeit, große Hits und jüngere Songs standen nebeneinander, ohne dass der Abend musikalisch auseinanderfiel.

Wenn der Bass im Auto plötzlich ganz anders wirkt

Ein kleiner Vorteil hatte diese ungewöhnliche Konzertform sogar.

Der Sound kam zusätzlich über das Autoradio. Wer die Anlage im eigenen Wagen etwas weiter aufdrehte, bekam den Bass ziemlich unmittelbar geliefert. Natürlich ersetzt das keine PA vor einer voll besetzten Bühne. Es hatte aber seinen eigenen Reiz.

Draußen leuchtete die Bühne, vor einem blinkten hunderte Fahrzeuge, und im Auto liefen Sidos Beats.

Für ein paar Minuten konnte man beinahe vergessen, warum dieses Format überhaupt notwendig geworden war.

Dann sah man wieder jemanden mit Mundschutz zwischen den Fahrzeugen und war sofort zurück im Sommer 2020.

Sido beim CARStival bleibt ein ziemlich besonderes Konzertbild

Autokonzerte waren nie als dauerhafte Alternative gedacht. Sie waren eine Antwort auf eine Situation, in der reguläre Liveveranstaltungen plötzlich nicht mehr möglich waren.

Bei Sido zeigte sich aber, dass selbst Rap damit erstaunlich gut umgehen konnte.

Die Nähe fehlte. Das gemeinsame Gedränge vor der Bühne ebenfalls. Dafür entstanden andere Bilder, die man von normalen Konzerten nicht kannte. Tausende Menschen saßen verteilt in ihren Autos, rappten dieselben Texte und antworteten nach einem Song mit einem Meer aus Scheinwerfern.

Sido stand vorne und grinste.

Text & Foto © Boris Korpak | bokopictures
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