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Fünf Stühle, fünf Mikrofone und ringsherum Dinge, bei denen zunächst niemand so recht wusste, wozu sie gebraucht werden würden. Eine Wanne mit Wasser, Gläser, Türen, Metall und allerlei Gerätschaften standen am 20. Februar 2015 auf der Bühne des ausverkauften Capitol Mannheim. Dann wurde es dunkel, geheimnisvolle Musik setzte ein und weißer Nebel zog durch das Bühnenbild. Bastian Pastewka in Mannheim war diesmal keine klassische Comedyshow. Gemeinsam mit Alexis Kara, Cathlen Gawlich, Eva Verena Müller und Kai Magnus Sting holte er den Krimiklassiker „Paul Temple und der Fall Gregory“ als Live-Hörspiel auf die Bühne.
Schon nach wenigen Minuten war klar, warum dieses Format so gut funktionierte. Man sah nicht einfach fünf Schauspielern beim Vorlesen zu. Stimmen wechselten, Figuren entstanden innerhalb weniger Sekunden und gleichzeitig produzierten die Darsteller fast sämtliche Geräusche selbst. Das Knarren einer Tür, Gläser, Schritte, Wasser, Klingeln. Alles passierte offen vor dem Publikum. Gerade dadurch bekam der Abend seinen besonderen Reiz: Man wusste genau, wie die Illusion entstand, und ließ sich trotzdem hineinziehen.
Die Geschichte führte zurück ins London des Jahres 1949. Eine junge Frau wird tot aufgefunden, bei ihr eine rätselhafte Visitenkarte mit den besten Empfehlungen eines gewissen Mr. Gregory. Weitere Morde folgen, Scotland Yard kommt nicht weiter und schließlich übernimmt Paul Temple den Fall. Pastewka schlüpfte in die Rolle des lässigen Meisterdetektivs, der gemeinsam mit seiner Frau Steve versucht, hinter die Identität des geheimnisvollen Drahtziehers zu kommen.
Dabei war Pastewka weit entfernt von seiner bekannten Fernsehfigur. Kein genervter „Pastewka“, keine klassische Stand-up-Nummer. Hier spielte jemand, der hörbar großen Spaß an alten Radiokrimis, Stimmen und dem Handwerk des Hörspiels hatte. Gerade diese Begeisterung übertrug sich schnell auf den Saal. Eine kleine Betonung, ein trockener Blick zu den Kollegen oder eine bewusst überzogene Rollenverteilung reichten und zwischen all der Mordermittlung brach plötzlich Gelächter aus.
Besonders viel Bewegung entstand durch Alexis Kara, Cathlen Gawlich, Eva Verena Müller und Kai Magnus Sting. Sie blieben nicht bei einer festen Figur. Rollen wurden gewechselt, Stimmen verändert, neue Charaktere entstanden, während wenige Augenblicke später schon wieder ein Geräusch für die nächste Szene produziert werden musste. Genau diese sichtbare Handarbeit unterschied die Aufführung von einem normalen Theaterstück.
Selbst kurze Unterbrechungen wurden Teil der Show. Pastewka verteilte mitten im Geschehen neue Rollen, diskutierte mit seinen Komplizen und ließ kleine Patzer oder scheinbare Unstimmigkeiten bewusst stehen. Das Publikum bekam dadurch zwei Ebenen gleichzeitig: vorne den Kriminalfall um Paul Temple und dahinter fünf Darsteller, die mit sichtlichem Vergnügen daran arbeiteten, diesen alten Radiostoff live zusammenzubauen.
Das war trocken, manchmal herrlich albern und trotzdem erstaunlich spannend. Gerade weil niemand versuchte, eine perfekte Illusion aufrechtzuerhalten, bekam der Abend seinen Charme.
Eine Tür fällt zu. Leder knarzt. Wasser plätschert. Irgendwo klirrt ein Glas. Bei einem Hörspiel verschwinden solche Geräusche normalerweise hinter den Stimmen. Im Capitol konnte man sehen, wer sie erzeugte und womit. Eine Wanne mit Wasser bekam plötzlich genauso viel Aufmerksamkeit wie die Schauspieler am Mikrofon.
Das Publikum schaute deshalb ständig zwischen den Figuren und den Geräuschemachern hin und her. Ein Schauspieler sprach gerade eine dramatische Szene, während direkt daneben schon der nächste Effekt vorbereitet wurde. Diese Mischung verlangte Timing. Ein Geräusch eine Sekunde zu früh, und die Szene hätte ihren Effekt verloren. Stattdessen griff alles erstaunlich präzise ineinander.
Und genau hier zeigte das Live-Hörspiel seine Stärke. Fantasie war weiterhin nötig, aber sie bekam sichtbares Material. London entstand nicht durch ein aufwendiges Bühnenbild, sondern durch Stimmen, Nebel, Musik und ein paar geschickt eingesetzte Gegenstände.
Hinter „Paul Temple und der Fall Gregory“ steckte zugleich eine ungewöhnliche Geschichte. Francis Durbridges erster Paul-Temple-Fall wurde 1949 in Deutschland ausgestrahlt, verschwand anschließend aber aus den Rundfunkarchiven. Erst nachdem Fragmente des deutschen Manuskripts wieder aufgetaucht waren, konnten Bastian Pastewka und Regisseur Leonhard Koppelmann den Stoff rekonstruieren und gemeinsam mit WDR und SWR neu produzieren.
Aus diesem Fund entstand schließlich die Bühnentour. Mannheim lag mitten in einer umfangreichen Konzert- und Theaterreise durch Deutschland; wenige Wochen später meldete der WDR bereits mehr als 25.000 Besucher bei 36 Aufführungen.
Im Capitol interessierte an diesem Abend allerdings weniger die Statistik. Entscheidend war, dass ein mehr als 60 Jahre alter Radiokrimi plötzlich erstaunlich lebendig wirkte. Pastewka und seine Komplizen brauchten dafür weder Verfolgungsjagden noch Projektionen oder große Kulissen.
Fünf Mikrofone. Ein paar Gläser. Eine Wanne Wasser. Und einen Mr. Gregory, dessen Identität natürlich bis zum Schluss nicht verraten wird.
Text & Foto © Boris Korpak | bokopicturesSie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von Facebook. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.
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