Angus Young und Brian Johnson von AC/DC am 16. Mai 2015 live vor 105.000 Fans auf dem Hockenheimring

AC/DC am Hockenheimring: 105.000 feiern Rock or Bust

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Ein Meer aus Menschen, wohin der Blick auch ging. Der Innenraum des Hockenheimrings war am 16. Mai 2015 bis weit nach hinten gefüllt, auf den Tribünen saßen weitere Zehntausende und über allem ragte die gewaltige AC/DC-Bühne. 105.000 Fans waren zum Motodrom gekommen, das Konzert war restlos ausverkauft. Dann liefen auf den riesigen Leinwänden Astronauten über den Mond, ein glühendes AC/DC-Geschoss raste Richtung Erde und Sekunden später explodierte die Bühne förmlich. „Rock or Bust“. Angus Young im Schuljungen-Outfit. Brian Johnson mit Schiebermütze. Ab diesem Moment gehörte der Hockenheimring für mehr als zwei Stunden dem Rock’n’Roll.

Dass AC/DC überhaupt wieder in dieser Größenordnung auf Tour gehen würden, war zuvor keineswegs selbstverständlich gewesen. Malcolm Young hatte die Band aus gesundheitlichen Gründen verlassen, seinen Platz an der Rhythmusgitarre übernahm sein Neffe Stevie Young. Hinter dem Schlagzeug saß mit Chris Slade ein alter Bekannter, der bereits von 1989 bis 1994 zu AC/DC gehört hatte. Zusammen mit Angus Young, Brian Johnson und Cliff Williams stand damit eine veränderte Formation auf der Bühne. Am Sound änderte das wenig. AC/DC klangen nach AC/DC. Laut, trocken und ohne Interesse an musikalischer Mode.

Vintage Trouble bringen Soul vor die große Rockshow

Bevor die australische Rockmaschine anlief, gehörte die riesige Bühne zunächst Vintage Trouble. Die Band aus Los Angeles setzte auf Blues, Soul und Rock’n’Roll und wirkte zwischen all den schwarzen AC/DC-Shirts fast wie ein musikalischer Zeitsprung. Sänger Ty Taylor brauchte allerdings nicht lange, um Aufmerksamkeit zu bekommen. Mit enormer Beweglichkeit, viel Soul in der Stimme und einer Bühnenpräsenz irgendwo zwischen klassischem Rhythm & Blues und Rockshow spielte sich die Band durch ihren Supportslot.

Bereits vorher hatte DJane Kate Kaputto das Publikum begleitet. Aber natürlich lag über dem gesamten Nachmittag dieses Warten auf den Moment, für den 105.000 Menschen nach Hockenheim gekommen waren. Als es dunkel genug wurde, die Leinwände erwachten und das Intro begann, änderte sich die Stimmung schlagartig. AC/DC mussten nur noch den Stecker einstecken.

„Back in Black“ und „Thunderstruck“ treffen sofort

Nach „Rock or Bust“ folgte „Shoot to Thrill“, danach „Hell Ain’t a Bad Place to Be“. Spätestens beim unverkennbaren Gitarrenanfang von „Back in Black“ sang der Hockenheimring geschlossen mit. Nur wenige Songs später kam „Thunderstruck“, Angus Young duckwalkte über die Bühne und auf den Leinwänden wurde jede Bewegung vergrößert. Dieses Bild gehört seit Jahrzehnten zu AC/DC, wirkte vor einer solchen Menschenmenge aber immer noch absurd kraftvoll.

Das aktuelle Album bekam mit „Play Ball“ und später „Baptism by Fire“ seinen Platz, doch der Abend lebte vor allem von einem Katalog, für den andere Bands mehrere Karrieren bräuchten. „Dirty Deeds Done Dirt Cheap“, „High Voltage“, „Rock ’n’ Roll Train“, „You Shook Me All Night Long“, „Sin City“, „Shot Down in Flames“ und „Have a Drink on Me“ reihten sich fast ohne Atemholen aneinander.

Und natürlich kam die Glocke. Bei „Hells Bells“ hing sie gewaltig über der Bühne, Brian Johnson griff zum Seil und läutete eines der bekanntesten Intros der Rockgeschichte ein. AC/DC brauchen bei solchen Momenten keine komplizierte Dramaturgie. Ein Geräusch reicht. Jeder weiß, was kommt.

Angus Young macht aus „Let There Be Rock“ seine Show

Je später der Abend wurde, desto größer wurden die Bilder. Bei „T.N.T.“ gingen die Fäuste hoch, bei „Whole Lotta Rosie“ erschien die überdimensionale Rosie über der Bühne. Das Konzert folgte einer präzise gebauten Dramaturgie, die Fans von früheren AC/DC-Tourneen in Teilen kannten. Doch wenn 105.000 Menschen gleichzeitig reagieren, verlieren selbst bekannte Showelemente nichts von ihrer Wirkung.

Dann „Let There Be Rock“. Der Song wurde zum großen Auftritt für Angus Young. Das Gitarrensolo zog sich weit über die eigentliche Nummer hinaus, während Angus schließlich auf einer erhöhten Plattform mitten in der Menge spielte. Um ihn herum ein endlos wirkender Ring aus Menschen. Oben die Gitarre, unten zehntausende Hände. Ein typischer AC/DC-Moment, völlig überdimensioniert und trotzdem auf einen einzigen Mann mit einer Gibson SG reduziert.

Angus war zu diesem Zeitpunkt 60 Jahre alt. Auf der Bühne interessierte diese Zahl niemanden. Er rannte, duckwalkte, warf sich in seine Soli und wirkte stellenweise, als müsse ihm jemand erklären, dass andere Menschen in diesem Alter nach zwei Stunden vielleicht eine Pause brauchen.

„Highway to Hell“ und Kanonenschüsse über Hockenheim

Nach „Let There Be Rock“ verschwand die Band zunächst. Lange dauerte die Pause nicht. Das Gitarrenintro von „Highway to Hell“ setzte ein und der Hockenheimring hatte seinen nächsten Massenchor. Brian Johnson musste bei diesem Song kaum allein arbeiten. Der Refrain kam aus allen Richtungen zurück.

Für das Ende blieb nur ein Titel übrig, der bei AC/DC kaum größer inszeniert werden könnte: „For Those About to Rock (We Salute You)“. Die Kanonen standen bereit. Dann die Salven. Jeder Schuss hallte über das Motodrom, während auf der Bühne noch einmal alles zusammenkam, was diese Band seit Jahrzehnten ausmacht: ein einfaches Riff, maximale Lautstärke und keinerlei falsche Bescheidenheit. 20 Songs. Mehr als zwei Stunden. 105.000 Menschen.

Text & Foto © Boris Korpak | bokopictures

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