
David Garrett in Mannheim: Mit der Geige über den Köpfen
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Wo ist David Garrett? Auf der großen Bühne war er jedenfalls nicht zu sehen. Dafür kamen die ersten Geigentöne von Robbie Williams’ „Let Me Entertain You“ plötzlich von oben. Rund zehn Meter über den Köpfen des Publikums schwebte Garrett auf einer kleinen Glasboden-Plattform quer durch die SAP Arena Richtung Bühne. Ein Auftakt, der sofort klarmachte: Dieser Montagabend am 6. Oktober 2014 würde mit einem klassischen Violinkonzert wenig gemeinsam haben. Rund 8.000 Besucher verzeichnete die SAP Arena offiziell, ein Vorprogramm gab es nicht.
Und genau dieser Einstieg blieb hängen. Als Fotograf sucht man bei einer solchen Produktion ständig nach dem nächsten Moment, doch Garrett lieferte davon reichlich. Eben noch schwebte er über dem Innenraum, wenig später stand er zwischen Band und großem Orchester, umgeben von Licht, Feuerfontänen und Lasern. Die Violine blieb trotzdem das Zentrum. Das klingt selbstverständlich, ist es bei einer Show dieser Größenordnung aber keineswegs.
Die Classic Revolution Tour wird zur Arenashow
Mit der „Classic Revolution Tour“ hatte Garrett für 2014 ein komplett neues Crossover-Programm entwickelt. Begleitet wurde er in Mannheim von seiner Band und der Neuen Philharmonie Frankfurt. Fast drei Stunden dauerte die Show, in der sich Rock, Pop, Klassik und folkloristische Elemente ständig gegenseitig ablösten. Pyrotechnik und Laser gehörten genauso dazu wie ruhigere Passagen, bei denen plötzlich nur noch das Instrument und das Orchester wichtig waren.
Das Spannende war dieser permanente Wechsel. Garrett konnte innerhalb kurzer Zeit von Robbie Williams zu Mozart springen, später traf Beethoven auf Nirvana und klassische Virtuosität auf Metallica. Auf dem Papier liest sich das schnell nach einer wilden Playlist. Live hielt Garrett diese Gegensätze erstaunlich gut zusammen, weil er die Stücke nicht einfach mit einer Violine nachspielte. Er machte sie zu seiner eigenen Show.
Bei „Baila Me“ der Gipsy Kings wurde es temperamentvoll, Tänzerinnen brachten Flamenco-Atmosphäre auf die Bühne. Bruce Springsteens „Born in the U.S.A.“ bekam eine völlig andere Klangfarbe, „New York, New York“ führte wieder in eine andere Richtung. Bei ABBAs „I Have a Dream“ rückte Pianist John Haywood stärker in den Mittelpunkt. Dazwischen erzählte Garrett Geschichten und Anekdoten, nahm sich selbst nicht besonders ernst und lockerte damit die teilweise gigantische Produktion immer wieder auf.
Zwischen Mozart, Metallica und Bon Jovi
Genau hier funktioniert David Garrett in Mannheim am besten. Nicht dann, wenn man versucht, ihn sauber der Klassik oder dem Rock zuzuschlagen. Diese Trennung interessierte ihn an diesem Abend offensichtlich wenig. Orffs „Carmina Burana“ stand selbstverständlich neben Bon Jovis „Livin’ on a Prayer“, Mozart konnte wenig später auf Metallica treffen. Und ausgerechnet eine jahrhundertealte Spieltechnik wurde damit Teil einer modernen Arenashow.
Das Publikum war entsprechend gemischt. Hier saßen Menschen, die vermutlich wegen Paganini oder Mozart gekommen waren, neben Fans, die bei den großen Rock- und Popmelodien sofort wussten, was gleich passiert. Genau diese Mischung ist ein Teil von Garretts Erfolg. Er nimmt klassische Musik aus dem Konzertsaal, ohne sie komplett zur Hintergrunddekoration zu machen, und bringt gleichzeitig Songs von Rockbands in ein orchestrales Umfeld.
Fotografisch wurde der Abend dadurch beinahe unberechenbar. Garrett blieb nicht einfach am selben Punkt vor dem Orchester stehen. Er bewegte sich über die Bühne, spielte mit den Musikern und suchte die Nähe zum Publikum. Bei einer Szene setzte er sich während des Spiels sogar direkt neben eine Besucherin. Solche Momente wirkten wesentlich persönlicher als die großen Feuer- und Lasereffekte drumherum.
Wenn eine Stradivari plötzlich Rock spielt
Man darf bei all der Show leicht vergessen, wie technisch anspruchsvoll Garrett spielt. Gerade weil außen herum ständig etwas passierte, war es interessant, ihn für ein paar Sekunden nur durch die Kamera zu beobachten. Bogen, Finger, Körperspannung. Dann wieder ein Lächeln Richtung Band und weiter.
Natürlich übertrieb die Produktion stellenweise ganz bewusst. Feuerfontänen, Lasershow, Tänzerinnen, Windmaschine, Videoleinwände. Selbst die Violine wurde in die Effekte eingebunden. Dezent war an diesem Abend wirklich nicht das Ziel. Aber genau das passte zur Idee der „Classic Revolution“: Klassik sollte hier nicht ehrfürchtig auf einem Podest stehen. Sie durfte laut sein.
Einen besonders schönen Seitenhieb gab es bei „We Are the Champions“. Garrett nahm seinen niederländischen Bassisten Franck van der Heijden aufs Korn und ließ das Mannheimer Publikum den Queen-Klassiker im Jahr des deutschen Fußball-WM-Titels entsprechend begeistert mitsingen. Die Reaktion kam sofort. Plötzlich wurde aus der SAP Arena beinahe ein Fußballstadion mit Orchester.
David Garrett macht aus Klassik Popkultur
Garrett hatte schon vor dieser Tour bewiesen, dass sein Konzept ein großes Publikum erreicht. Die vorausgegangene „MUSIC“-Tour hatten rund 250.000 Menschen in Deutschland, Österreich und der Schweiz gesehen. Im Oktober 2014 legte er mit 14 weiteren deutschen Arenashows nach und präsentierte bewusst keine einfache Wiederholung des alten Programms.
Mannheim bekam deshalb keine zurückhaltende Best-of-Show. Garrett schwebte durch die Arena, ließ die Geige gegen Rockklassiker antreten, wechselte zu Mozart und Beethoven und stellte im nächsten Augenblick wieder den großen Popmoment her. Man konnte das stellenweise übertrieben finden. Langweilig war es keinen Augenblick.
Und nach fast drei Stunden war klar, warum David Garrett mit diesem Konzept Arenen füllte. Er wollte Klassik nicht erklären. Er spielte sie einfach neben Nirvana, Metallica, Bon Jovi und Queen und ließ 8.000 Menschen selbst entscheiden, wo für sie die Grenze liegt.
An diesem Abend lag sie jedenfalls nicht in Mannheim.
Text & Foto © Boris Korpak | bokopictures













