Wishbone Ash in Mannheim am 18. Februar 2014 live auf der Bühne der Alten Seilerei

Wishbone Ash in Mannheim: Gitarrenklassiker aus nächster Nähe

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Wishbone Ash in Mannheim bedeutete am 18. Februar 2014 einen dieser Konzertabende, bei denen die Alte Seilerei ihre Stärke als Rockclub voll ausspielen konnte. Andy Powell und seine Mitstreiter standen hier nicht weit entfernt auf einer überdimensionierten Bühne, sondern unmittelbar vor dem Publikum, und gerade bei einer Band, deren Markenzeichen seit Jahrzehnten das Zusammenspiel zweier Leadgitarren ist, machte diese Nähe einen erheblichen Unterschied. Ich konnte beim Fotografieren genau verfolgen, wie sich Andy Powell und Muddy Manninen die Gitarrenlinien zuspielten, statt sie nur als Gesamtklang aus der Entfernung wahrzunehmen. Mit Bob Skeat am Bass und Joe Crabtree am Schlagzeug stand 2014 zudem eine Besetzung auf der Bühne, die bereits seit 2007 zusammenspielte.

Der Auftritt lag mitten in einer langen Konzertserie, die Wishbone Ash im Januar und Februar durch Deutschland, Österreich, Belgien, die Niederlande und die Schweiz führte. Vor Mannheim hatte die Band unter anderem in Bochum, Nürnberg, Hamburg, Berlin, Hannover, Aschaffenburg und Konstanz gespielt; nach der Alten Seilerei ging es bereits am folgenden Abend nach Lörrach weiter. Routine war also reichlich vorhanden. Trotzdem wirkte dieser Dienstagabend nicht wie das bloße Abarbeiten eines weiteren Tourtermins. Die Musik von Wishbone Ash lebt zu sehr vom direkten Zusammenspiel, von kleinen Verschiebungen und langen Gitarrenpassagen, als dass man sie einfach herunterspielen könnte.

Wishbone Ash live in der Alten Seilerei Mannheim

Die Alte Seilerei Mannheim war für diese Art von Classic Rock beinahe ideal. Keine gigantischen LED-Flächen, keine Showelemente, die ständig um Aufmerksamkeit kämpften. Vorne standen vier Musiker, ihre Instrumente und dieser typische Wishbone-Ash-Sound, der sich nicht über Lautstärke allein definiert. Gerade die beiden Gitarren machten den Reiz aus: Powell und Manninen spielten nicht permanent gegeneinander an, sondern bauten Melodien übereinander, wechselten zwischen Harmonie und Gegenstimme und ließen den Songs Raum. In einem kleineren Club hört und sieht man solche Details wesentlich deutlicher.

Für mich war das auch fotografisch spannend. Powell ist kein Frontmann, der jede Sekunde mit großen Gesten füllen muss, und genau das passte zum Abend. Vieles entstand aus Konzentration, Blickkontakt und dem Zusammenspiel der Musiker. Muddy Manninen stand ihm an der zweiten Leadgitarre gegenüber, Bob Skeat hielt mit dem Bass das Fundament zusammen und Joe Crabtree setzte dahinter die Akzente. Kein hektisches Bühnenspektakel. Dafür Musik, bei der man sich plötzlich dabei erwischte, den beiden Gitarren minutenlang zu folgen.

„Blue Horizon“ stand kurz vor der Veröffentlichung

Besonders interessant war der Zeitpunkt des Mannheimer Konzerts. „Blue Horizon“, das neue Studioalbum von Wishbone Ash, stand unmittelbar vor seiner Veröffentlichung und erschien in Europa am 21. Februar 2014, also nur drei Tage nach dem Auftritt in der Alten Seilerei. Eingespielt wurde das Album genau von jener Besetzung, die auch in Mannheim auf der Bühne stand: Andy Powell, Muddy Manninen, Bob Skeat und Joe Crabtree.

Mit Stücken wie „Take It Back“, „Deep Blues“, „Way Down South“, „Being One“ und dem Titelsong „Blue Horizon“ blieb die Band ihrem charakteristischen Gitarrensound treu, öffnete ihn aber erneut für Blues, Progressive Rock, Folk und geradlinigeren Hardrock. Gerade „Deep Blues“ entwickelte sich zu einem Stück, das seinen Platz im Live-Repertoire fand, während der Titelsong mit fast acht Minuten viel Raum für das Zusammenspiel der Gitarren ließ. Für Mannheim lässt sich heute keine vollständig verifizierte Setlist belegen, deshalb gehört hier kein nachträglich konstruiertes Songprogramm hinein. Der unmittelbare zeitliche Zusammenhang mit „Blue Horizon“ macht den Abend trotzdem besonders.

Twin-Gitarren zwischen „Argus“ und neuem Material

Natürlich schwebte bei Wishbone Ash auch 2014 immer die große Vergangenheit mit im Raum. Das 1972 veröffentlichte „Argus“ hatte den charakteristischen Twin-Lead-Gitarrenstil der Band entscheidend geprägt und Wishbone Ash zu einem wichtigen Einfluss für spätere Rock- und Metalbands gemacht. Gerade Titel wie „The King Will Come“, „Warrior“, „Throw Down the Sword“ oder „Blowin’ Free“ gehören über Jahrzehnte zum festen Kern des Live-Repertoires.

Aber der Abend in Mannheim wirkte für mich nicht wie eine reine Oldie-Veranstaltung. Dafür war die Band viel zu sehr mit ihrer damaligen Gegenwart beschäftigt. Neue Musik stand vor der Tür, die Besetzung war eingespielt, und Powell führte Wishbone Ash längst nicht als nostalgisches Museumsstück durch die Clubs. Genau diese Mischung machte den Reiz aus: Ein Gitarrensound mit mehr als vier Jahrzehnten Geschichte traf auf Musiker, die weiterhin neues Material veröffentlichten und Abend für Abend auf der Bühne standen.

Andy Powell und Muddy Manninen im Mittelpunkt

Wenn zwei Leadgitarren so stark zur Identität einer Band gehören, schaut man automatisch genauer hin. Powell und Manninen ließen ihre Instrumente miteinander sprechen, mal parallel, mal gegeneinander, dann wieder eng verzahnt. Dabei brauchte es keine Effekthascherei. Die langen melodischen Linien, der warme Rocksound und die kontrollierten Solopassagen entwickelten gerade in der kompakten Alten Seilerei eine Wirkung, die in einer großen Halle schnell etwas von ihrer Intimität verloren hätte.

Am Ende blieb mir deshalb weniger eine einzelne große Showgeste im Kopf als dieses konstante musikalische Zusammenspiel. Wishbone Ash kamen am 18. Februar 2014 nicht nach Mannheim, um ihre eigene Vergangenheit möglichst laut zu feiern. Sie standen wenige Tage vor einem neuen Album auf der Bühne, spielten mit einer seit Jahren eingespielten Besetzung und zeigten, warum zwei Gitarren manchmal vollkommen ausreichen, um einen ganzen Raum zu füllen.

Text & Foto © Boris Korpak | bokopictures
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