Deichkind am 1. Februar 2016 während der „Niveau Weshalb Warum“-Tour in der Maimarkthalle Mannheim

Deichkind in Mannheim: Eskalation mit Ansage

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Blitze zucken über die riesige Leinwand, Wassermassen stürzen in die Tiefe, Naturgewalten flimmern durch die abgedunkelte Maimarkthalle. Noch steht niemand von Deichkind auf der Bühne. Trotzdem beginnt die Show längst. Als am 1. Februar 2016 Deichkind in Mannheim schließlich loslegen, wird aus der Halle innerhalb weniger Minuten ein überdimensionierter Spielplatz für Erwachsene. Riesige Gehirne, Trampoline, Schlauchboote, verrückte Kostüme und später sogar eine Hüpfburg gehören zu einer Produktion, bei der sich ständig irgendwo etwas bewegt.

Der Mannheimer Abend ist Teil der zweiten Runde der „Niveau Weshalb Warum?!“-Tour. Das gleichnamige Album war ein Jahr zuvor erschienen und hatte Deichkind erstmals an die Spitze der deutschen Albumcharts gebracht. Anfang 2016 folgen innerhalb weniger Wochen zahlreiche weitere Hallentermine, Mannheim liegt mitten in diesem dicht gepackten Tourblock. Ermüdungserscheinungen? Auf der Bühne jedenfalls keine Spur.

Kein Support, dafür Deichkind schon vor Deichkind

Einen klassischen Opening Act gibt es an diesem Abend nicht. Stattdessen laufen auf der Großleinwand Musikvideos verschiedener Hip-Hop-Künstler und bringen die Halle langsam auf Betriebstemperatur. Eine ziemlich passende Lösung für eine Band, die ohnehin wenig Interesse an gewöhnlichen Konzertabläufen zeigt. Wenn Deichkind schließlich übernehmen, muss niemand mehr lange erklären, was jetzt passieren soll.

Mit „So ’ne Musik“ beginnt der eigentliche Angriff. Danach folgt bereits „Denken Sie groß“, und spätestens jetzt tauchen jene gigantischen Gehirne auf, die zu den markantesten Bildern der Tour gehören. Die Konstruktionen sind so groß, dass sie zusätzlich gestützt werden müssen. Vernünftig ist daran wenig. Genau deshalb funktioniert es.

Weiter geht es mit „Naschfuchs“, „Befehl von ganz unten“ und „Bück dich hoch“. Kaum ein Song bleibt nur Musik. Jede Nummer bekommt ihre eigene Optik, neue Kostüme oder eine andere Requisite. Deichkind spielen kein Konzert, bei dem die Bühne nach drei Songs noch genauso aussieht wie beim ersten. Hier wird permanent umgebaut, angezogen, ausgezogen, geschoben, gesprungen oder irgendetwas Zweckentfremdetes durch die Gegend gefahren.

Zwischen „Leider geil“ und ziemlich klarem Subtext

Deichkind funktionieren seit Jahren über einen Widerspruch. Auf der Oberfläche stehen Bass, Alkohol, Konfetti und Eskalation. Darunter steckt häufig eine ziemlich genaue Beobachtung von Konsum, Arbeitswelt, digitaler Selbstdarstellung und gesellschaftlichem Irrsinn. „Like mich am Arsch“, „Hauptsache nichts mit Menschen“ oder „Bück dich hoch“ machen daraus bewusst eingängige Parolen, die Tausende mitsingen können, obwohl die Texte ihnen gleichzeitig einen Spiegel vorhalten.

Dass Gesellschaftskritik und Party nebeneinander funktionieren, zeigt Mannheim ziemlich deutlich. Niemand muss vor dem nächsten Refrain eine politische Analyse schreiben. Der Beat setzt ein, die Arme gehen hoch, und trotzdem bleibt hängen, dass hinter all dem Unsinn eben doch mehr steckt.

Optisch gleicht der Abend dabei einem Kindergeburtstag unter Strom. Trampoline stehen auf der Bühne, später kommt eine Hüpfburg dazu, und ständig tauchen neue überdimensionierte Gegenstände auf. Dazu wechseln die Musiker ihre Kostüme mit einer Geschwindigkeit, bei der normale Bühnenkleidung irgendwann fast schon exotisch wirken würde.

Schlauchboote fahren über Mannheimer Köpfe

Irgendwann reicht Deichkind die Bühne nicht mehr. Schlauchboote wandern über die Köpfe des Publikums, Musiker lassen sich von den Fans tragen und die Grenze zwischen Showfläche und Innenraum löst sich weiter auf. Gerade diese Momente machen den Unterschied zu einer perfekt abgespulten Elektroproduktion. Das Chaos sieht spontan aus, ist aber bis ins Detail geplant.

Die Setlist feuert währenddessen weiter: „Voodoo“, „Porzellan und Elefanten“, „Illegale Fans“, „Oma gib Handtasche“, „Arbeit nervt“ und „Luftbahn“. Dann „Bon Voyage“ und sogar „Reimemonster“ von Afrob finden ihren Weg in den Abend. Insgesamt stehen 27 Positionen auf der dokumentierten Mannheimer Setlist. Viel Zeit für längere Ruhephasen bleibt da nicht.

Und wenn doch einmal kurz Luft entsteht, kündigt sich meist schon der nächste Unsinn an.

„Prost“, „Limit“ und dann völliges Remmidemmi

Im letzten Teil zieht Deichkind die Schraube noch einmal an. „Niveau Weshalb Warum“, „Hört ihr die Signale?“, „Prost“ und „Limit“ führen direkt in das Finale. In der Halle wird längst nicht mehr nur getanzt. Vorne springt alles, weiter hinten bewegen sich ganze Gruppen, während auf der Bühne noch einmal Requisiten, Licht und Kostüme durcheinanderwirbeln.

Dann kommt der Song, der bei Deichkind seit Jahren wie ein eingebauter Eskalationsknopf funktioniert: „Remmidemmi (Yippie Yippie Yeah)“.

Zum Abschluss schwingt die Band Fahnen mit „No Sexism, No Racism“, dazu werden „Refugees Welcome“-Shirts getragen. Ein klares Statement mitten im größten Partytrack des Abends. Kein Vortrag, kein erhobener Zeigefinger. Einfach Haltung zwischen Bass, Schweiß und völliger Übertreibung.

Damit endet ein Konzert, das von Anfang an kaum wie eines behandelt wurde. Die Maimarkthalle war an diesem Montagabend Bühne, Hüpfburg, Tanzfläche und Versuchslabor zugleich.

Gehirne auf den Köpfen. Schlauchboote über den Fans. Trampoline unter den Füßen.

Und alle nur so: Yeah.

Text & Foto © Boris Korpak | bokopictures
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