
Slipknot in Frankfurt: Kontrolliertes Chaos in der Festhalle
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Die Festhalle liegt im Dunkeln, aus den Lautsprechern läuft David Bowies „Ashes to Ashes“. Erst wenige Wochen zuvor war Bowie gestorben. Für einen Moment wirkt diese ungewöhnliche musikalische Verbeugung beinahe still, dann kippt die Stimmung komplett. „Be Prepared for Hell“ setzt ein, verstörende Bilder laufen über die Videowand und wenig später stehen neun maskierte Gestalten auf der Bühne. Slipknot in Frankfurt beginnen am 6. Februar 2016 mit „The Negative One“ und verwandeln die ausverkaufte Festhalle innerhalb weniger Minuten in einen brodelnden Kessel.
Crowdsurfer ziehen von hinten nach vorne, im Innenraum öffnen sich die ersten Circle Pits und auf der Bühne herrscht jenes sorgfältig organisierte Chaos, das bei Slipknot längst Teil der DNA ist. Corey Taylor rennt von einer Bühnenseite zur anderen, Shawn „Clown“ Crahan und Chris Fehn stehen auf beweglichen Percussion-Podesten, während Jay Weinberg hinter dem Hauptschlagzeug das Tempo diktiert. Viel Zeit zum Sortieren bleibt nicht. „Disasterpiece“ folgt direkt auf den Opener, danach kommt „Eyeless“. Drei Songs, und die Temperatur in der Halle ist längst deutlich gestiegen.
Suicidal Tendencies liefern den perfekten Gegenangriff
Bevor Slipknot ihre Masken übernehmen lassen, gehört die Bühne Suicidal Tendencies. Die kalifornische Hardcore- und Crossover-Legende begleitet alle vier deutschen Slipknot-Termine dieser Tourrunde. Eine Kombination, die auf dem Papier ungewöhnlich wirken kann, live aber hervorragend funktioniert: oldschool Hardcore, Punk und Thrash als Aufwärmprogramm für den kontrollierten Wahnsinn aus Iowa.
Mike Muir läuft wie gewohnt kaum geradeaus über eine Bühne, sondern scheint permanent unter Strom zu stehen. Suicidal Tendencies brauchen keine aufwendige Produktion. Tempo, Gitarren und diese Mischung aus Skatepunk und Metal reichen. Songs wie „You Can’t Bring Me Down“, „Possessed to Skate“ oder „Pledge Your Allegiance“ gehören in dieser Phase zu den festen Größen ihrer Shows und bringen die ersten Pits in Bewegung. Danach wird umgebaut. Die Bühne wird dunkler. Frankfurt wartet auf die Masken.
„Disasterpiece“ und „Eyeless“ führen zurück nach Iowa
Slipknot verzichten an diesem Abend überraschend stark auf eine reine Best-of-Setlist. Stattdessen rückt besonders das 2001 erschienene Album „Iowa“ in den Mittelpunkt. „Disasterpiece“, „I Am Hated“, „Everything Ends“, „Metabolic“ und später „Left Behind“ greifen tief in eine Phase zurück, in der Slipknot noch kompromissloser und roher klangen. Das Debütalbum von 1999 bekommt mit „Eyeless“, „Wait and Bleed“, „(sic)“, „Surfacing“ und „Spit It Out“ ebenfalls außergewöhnlich viel Platz.
Damit wirkt die Show härter als manche Tour zuvor. Die großen melodischeren Nummern sind zwar vorhanden, bestimmen den Abend aber nicht. „Killpop“ und „Dead Memories“ setzen kurze Gegenpunkte, bevor wieder schärfer nachgelegt wird. Auf der Videowand laufen verstörende Bilder von Maden, Tod und deformierten Gestalten. Rechts und links fahren die Percussion-Podeste hoch, drehen sich und kippen. Clown und Chris Fehn schlagen auf ihre Trommeln ein, während darunter das eigentliche Schlagzeug kaum weniger brutal arbeitet.
„Psychosocial“ bringt die Festhalle endgültig zum Kochen
Dann kommt „Psychosocial“.
Das Gitarrenriff setzt ein, und im Innenraum gibt es kaum noch ruhige Stellen. Circle Pits ziehen sich auseinander, Crowdsurfer wandern Richtung Graben, überall fliegen Arme nach oben. Es ist heiß geworden in der Festhalle. Stickig. Laut. Genau für solche Bilder scheint diese Show gebaut zu sein.
Corey Taylor steht im Zentrum, obwohl um ihn herum permanent etwas passiert. Mick Thomson und Jim Root bilden mit ihren Gitarren die massive Wand dahinter, Sid Wilson bleibt kaum berechenbar und die beiden Percussionisten erweitern das Schlagzeug zu einem kompletten Maschinenpark. Mit „Wait and Bleed“ und „Duality“ folgen direkt zwei Songs, deren Refrains praktisch die gesamte Halle übernehmen kann.
Trotz all der Aggression bleibt auffällig, wie oft Taylor das Publikum als Familie bezeichnet. „My friends, my family“ fällt nicht zufällig. Hinter Masken, Horrorvideos und dem offensichtlichen Hang zur Provokation steckt bei Slipknot eine starke Bindung zu ihren Fans. Deutschland gehöre zu den Ländern, die früh an die Band geglaubt hätten. Mehrfach bedankt sich Taylor dafür.
„The Devil in I“ führt direkt in den Endspurt
Das damals aktuelle Album „.5: The Gray Chapter“ ist mit „The Negative One“, „Skeptic“, „Killpop“ und „The Devil in I“ vertreten. Die Platte war 2014 nach einer längeren Phase ohne neues Slipknot-Album erschienen und stand stark unter dem Eindruck des 2010 verstorbenen Bassisten Paul Gray. Gleichzeitig markierte sie mit Jay Weinberg und Alessandro Venturella den Beginn einer veränderten Bandbesetzung.
Auf der Bühne spielt das irgendwann keine Rolle mehr. „Metabolic“ gräbt noch einmal tief in „Iowa“, anschließend schlägt „(sic)“ zurück zum Debüt. Dann verschwinden Slipknot kurz.
Niemand bewegt sich Richtung Ausgang.
Bei „Spit It Out“ gibt es kein Halten mehr
Der Zugabenblock eröffnet mit „Surfacing“, danach folgt „Left Behind“. Sid Wilson läuft dabei mit einer Deutschlandflagge über die Bühne und setzt noch einmal ein sichtbares Zeichen für die Verbindung zum Publikum. Dann fehlt eigentlich nur noch ein Song.
„Spit It Out“.
Seit Jahren gehört die Nummer zu den Momenten, bei denen Slipknot aus einem Konzert ein Ritual machen. Corey Taylor dirigiert die Menge, die Spannung steigt und irgendwann explodiert der Innenraum ein letztes Mal. Danach ist Schluss. 17 live gespielte Songs haben Slipknot durch ihre frühen Jahre, „Iowa“, „All Hope Is Gone“ und „.5: The Gray Chapter“ geführt.
Taylor verabschiedet Frankfurt mit einer einfachen Botschaft: auf sich selbst und aufeinander aufzupassen.
Das Licht geht an. Die Masken verschwinden.
Der Schweiß bleibt.
Text & Foto © Boris Korpak | bokopictures














