Singer-Songwriter Frank Turner steht mit einer Gitarre live auf der Bühne im Schlachthof Wiesbaden und singt leidenschaftlich in ein Mikrofon.

Frank Turner & The Sleeping Souls im Schlachthof Wiesbaden: Punk-Ethos trifft auf pure Empathie

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Wenn der Brite Frank Turner mit seiner Begleitband The Sleeping Souls die Bühne betritt, weiß man eigentlich schon vorher: Man wird am Ende des Abends heiser und komplett durchgeschwitzt sein. Genau dieses ungeschriebene Gesetz bestätigte sich auch bei seinem mit Spannung erwarteten Tourstopp im Schlachthof Wiesbaden. Mit seinem mittlerweile siebten Studioalbum „Be More Kind“ im Gepäck bewies der charismatische Singer-Songwriter einmal mehr, warum er live eine absolute Bank ist – und dass er auch in musikalisch wie politisch turbulenten Zeiten ganz genau weiß, wo er steht.

Ein politisches Statement in einer verrückt gewordenen Welt

Nach dem hochgelobten Vorgänger „Positive Songs For Negative People“ und dem darauffolgenden Best-of-Release „Songbook“ klingt die Aufforderung „Be More Kind“ auf den ersten Blick vielleicht ein wenig nach musikalischer Altersmilde. Doch dieser Eindruck täuscht gewaltig. Der 36-jährige Turner ist weder leise noch bequem geworden. Ursprünglich wollte er ein handfestes Konzeptalbum über historische, oft vergessene Frauen schreiben. Doch dann – in Turners eigenen Worten – „drehte die Welt kollektiv durch“.

Das Resultat ist eine Platte, bei der persönliche Empathie und ehrliche politische Haltung untrennbar miteinander verschmelzen. Im gut gefüllten Schlachthof spürte man diese Dringlichkeit von der ersten Sekunde an. Die Energie im Raum war greifbar, als Turner direkt zu Beginn klarstellte, dass es hier heute um mehr geht als nur um bloßes Entertainment.

Schweißtreibende Hymnen gegen den Rechtsruck

Turner redet live nicht gerne um den heißen Brei herum. Er ist ein Meister darin, komplexe gesellschaftliche Zustände in kompakte, wuchtige Folk-Punk-Hymnen zu packen, die Tausende von Menschen sofort lauthals mitsingen können. Ein absoluter Höhepunkt des Abends war die treibende Performance der Single „1933“. Mit drückender Energie und spürbarer Wut im Bauch räumte der Frontmann auf der Bühne rigoros mit dem absurden Quatsch auf, die neuen Rechten seien so etwas wie der neue Punkrock. Das Wiesbadener Publikum quittierte diese klare Kante mit ohrenbetäubendem Jubel, tanzenden Massen und einem schweißtreibenden Moshpit im vorderen Drittel der Halle.

Frische Sounds und das perfekte musikalische Rückgrat

Trotz der rotzigen Punk-Wurzeln, die Turner schon mit seiner alten Band Million Dead oder der Hardcore-Combo Möngöl Hörde kompromisslos auslebte, wagt er musikalisch auch neue Wege. In enger Zusammenarbeit mit den Produzenten Austin Jenkins und Joshua Block fanden auf dem neuen Album vermehrt straighte Rock-Elemente und sogar unerwartete Synthesizer-Klänge ihren Platz.

Was auf Platte vielleicht erst einmal ungewohnt wirken mag, funktionierte live im Schlachthof hervorragend und schuf eine dichte, moderne Atmosphäre. Die Sleeping Souls agierten dabei – wie man es von ihnen kennt – als perfekt geöltes, unfassbar tightes musikalisches Rückgrat. Sie verliehen den neuen, leicht elektronisch angehauchten Songs die nötige Tiefe, feuerten aber im nächsten Moment die rauen, alten Klassiker mit einer Präzision ins Publikum, die einfach nur Spaß machte.

Eine Lektion in Haltung und Menschlichkeit

Zwischen den lauten, wilden Momenten nahm sich der Frontmann immer wieder die Zeit für den direkten, fast schon intimen Dialog mit seinen Fans. Er erklärte den titelgebenden Ursprung des aktuellen Albums, der auf einem Gedicht von Clive James basiert, und erinnerte eindringlich daran, dass man in der heutigen Zeit nur mit Empathie weiterkommt. „Wenn du nicht mit deinem Gegner reden kannst, läuft es auf die Stärke der Waffen hinaus – und das ist immer eine schlechte Idee“, gab er dem Publikum mit auf den Weg. Solche Ansagen wirkten bei ihm nicht eine Sekunde lang aufgesetzt oder belehrend, sondern kamen direkt aus dem Herzen.

Als nach einer schweißtreibenden Show das Hallenlicht wieder anging, blickte man im Schlachthof in durchweg erschöpfte, aber restlos glückliche Gesichter. Frank Turner hat in Wiesbaden nicht nur einen grandiosen, handgemachten Rock-Abend abgeliefert, sondern seinen Fans auch eine wichtige Botschaft für den Alltag mitgegeben: Klare Kante zeigen, aber immer Mensch bleiben.

Text & Foto © by Jan Heesch

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