Generalprobe des Stücks LUTHER bei den Nibelungen-Festspielen 2021 vor dem Wormser Kaiserdom

Luther in Worms: Generalprobe vor dem Kaiserdom

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Am 15. Juli 2021, einen Abend vor der offiziellen Premiere, öffneten die Nibelungen-Festspiele Worms ihre Bühne zur Generalprobe. Doch wer vor dem Kaiserdom Siegfried, Kriemhild oder Hagen erwartete, bekam in diesem Festspielsommer eine ganz andere Geschichte zu sehen. Mit „LUTHER“ von Lukas Bärfuss rückte ausgerechnet jener Mann ins Zentrum, der 500 Jahre zuvor beim Reichstag zu Worms Geschichte geschrieben hatte. Die Uraufführung folgte am 16. Juli, gespielt wurde anschließend bis zum 1. August 2021.

Wobei „ins Zentrum“ eigentlich nicht ganz stimmt.

Denn Martin Luther selbst steht in diesem Stück überhaupt nicht als Figur auf der Bühne.

Luther ist abwesend und trotzdem überall

Genau darin liegt der zentrale Kunstgriff von Lukas Bärfuss. Der Schweizer Dramatiker erzählt nicht die bekannte Heldengeschichte des Reformators nach. Er schaut vielmehr auf die Menschen um ihn herum und darauf, was Luthers Worte bei Fürsten, Kirchenvertretern und einfachen Bürgern auslösen.

Wie kann ein Augustinermönch innerhalb weniger Jahre so mächtig werden, dass Papst, Kardinäle, Fürsten und schließlich der Kaiser auf seine Schriften reagieren müssen?

Bärfuss zeigt die Auswirkungen.

Luther selbst bleibt eine Leerstelle. Seine Ideen sind trotzdem ständig präsent. Die Festspiele hatten bereits vor Beginn der Aufführungen ausdrücklich angekündigt, dass es keinen Schauspieler geben werde, der den Reformator verkörpert.

Gerade vor dem Wormser Kaiserdom bekommt dieser Ansatz zusätzliches Gewicht. Der historische Reichstag von 1521 fand zwar nicht direkt auf dem heutigen Festspielgelände statt, doch die Inszenierung steht mitten in jener Stadt, deren Name untrennbar mit Luthers Auftritt vor Kaiser Karl V. verbunden ist.

Sunnyi Melles wird zu Papst Leo X.

Eine der auffälligsten Figuren des Abends ist Sunnyi Melles als Papst Leo X.

Mit opulenter Erscheinung, großer Geste und reichlich Exzentrik macht sie aus dem Kirchenoberhaupt eine Figur, die kaum zu übersehen ist. Der Papst erscheint in dieser Inszenierung weniger als entrückte historische Gestalt, sondern als Teil eines grotesken Machtapparates, der zunehmend mit den Folgen der neuen Gedanken konfrontiert wird.

Daneben spielt Jürgen Tarrach Albrecht, den Bruder des brandenburgischen Kurfürsten Joachim. Jan Thümerübernimmt Joachim, Julischka Eichel dessen Ehefrau Elisabeth von Dänemark. Matthias Neukirch ist als päpstlicher Legat Cajetan zu sehen, Barbara Colceriu verkörpert Friedrich, Kurfürst von Sachsen.

Das Ensemble ist groß und international besetzt. Mehrere Schauspielerinnen und Schauspieler stammen aus Ungarn, ebenso Regisseurin Ildikó Gáspár.

Ildikó Gáspár erzählt Luther als politische Geschichte

Gáspár macht aus „LUTHER“ keine historische Museumsaufführung.

Die Inszenierung interessiert sich für Macht. Für Manipulation. Für Menschen, die Entscheidungen treffen müssen, während sich die politische und religiöse Ordnung um sie herum verschiebt.

Damit landet der Abend erstaunlich schnell in der Gegenwart.

Gedankenfreiheit, Widerstand und die Frage, wie Herrschaft mit unbequemen Positionen umgeht, ziehen sich durch die Aufführung. Der Reichstag zu Worms liefert dafür den historischen Hintergrund, Bärfuss und Gáspár bleiben aber nicht bei einer bebilderten Geschichtsstunde stehen.

Auch das Bühnenbild von Lili Izsák, die zugleich für die Kostüme verantwortlich zeichnet, schafft eine eigene Welt vor der mächtigen Domfassade. Musik von Tamás Matkó, Videodesign von András Juhász und die Choreografie von Barnabás Horkay erweitern das Schauspiel um weitere Ebenen.

Die Nibelungen machen 2021 Platz für Luther

Dass die Nibelungen-Festspiele ihren namensgebenden Stoff für einen Sommer beiseiteschieben, war kein Zufall.

2021 jährte sich der Reichstag zu Worms zum 500. Mal. Im April 1521 stand Martin Luther vor Kaiser Karl V. und sollte seine Schriften widerrufen. Das Jubiläum prägte in Worms ein umfangreiches Themenjahr und rückte den Reformator an vielen Orten der Stadt in den Mittelpunkt.

Unter Intendant Nico Hofmann nutzten auch die Festspiele diesen historischen Anlass.

Aus dem bekannten Nibelungen-Schauplatz wurde für einen Sommer ein politisches Theater über Luther, ohne Luther tatsächlich auftreten zu lassen.

Eine ziemlich konsequente Entscheidung.

Theater vor dem Dom unter besonderen Bedingungen

Auch abseits der Bühne war der Festspielsommer 2021 ungewöhnlich. Nach der pandemiebedingten Absage 2020 kehrten die Nibelungen-Festspiele zurück, allerdings noch unter deutlichen Corona-Einschränkungen. Pro Vorstellung waren vor dem Wormser Dom nur rund 700 Zuschauer zugelassen.

Die große Freilichttribüne wirkte deshalb anders als in früheren Jahren. Abstand und reduzierte Kapazität gehörten weiterhin zum Kulturalltag.

Auf der Bühne war davon wenig zu spüren.

Die Generalprobe zeigte bereits, worauf diese Festspielsaison hinauslief: kein klassisches Luther-Porträt und keine Nacherzählung eines Geschichtsbuchs. Stattdessen Menschen, die erleben, wie eine Idee plötzlich größer wird als diejenigen, die sie kontrollieren wollen.

Und mitten darin eine Hauptfigur, die den ganzen Abend kein einziges Mal persönlich erscheint.

Text & Foto © Boris Korpak | bokopictures
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