Gentleman in Wetzlar beim Strandkorb Open Air auf dem Festplatz Finsterloh am 21. August 2021

Gentleman in Wetzlar: Reggae, Wärme und gute Vibes

Beitrag teilen

Gentleman in Wetzlar brachte am 21. August 2021 karibische Wärme auf den Festplatz Finsterloh. Beim Strandkorb Open Air traf der unverwechselbare Reggae-Sound des Kölners auf ein Konzertformat, das damals noch stark von den Folgen der Corona-Pandemie geprägt war. Abstand gehörte dazu. Stillsitzen dagegen nur bedingt.

Schon nach kurzer Zeit war klar, wohin die Reise an diesem Abend gehen sollte. Tiefe Basslinien, lockere Reggae-Grooves und Gentleman mittendrin, immer im Kontakt mit seinem Publikum. Für einige Stunden fühlte sich Wetzlar deutlich weiter südlich an.

Reggae-Feeling zwischen den Strandkörben

Das Strandkorb-Konzept war zunächst ungewöhnlich. Statt einer dicht gedrängten Menge vor der Bühne saßen die Besucher in kleinen Gruppen auf dem Gelände verteilt. Gerade bei einem Künstler wie Gentleman, dessen Musik von Bewegung und gemeinsamer Energie lebt, hätte das schnell etwas gebremst wirken können.

Tat es aber nicht.

Vor den Strandkörben wurde getanzt, mitgesungen und im Takt gewippt. Die entspannte Atmosphäre passte erstaunlich gut zum Reggae. Dazu lag jener unverkennbare süßliche Duft in der Luft, der bei solchen Konzerten offenbar ebenso zuverlässig auftaucht wie Bass und Offbeat.

Gentleman brauchte keine überladene Show. Seine Stimme, die Band und dieser warme Groove reichten völlig aus. Nach Monaten mit abgesagten Tourneen, verschobenen Veranstaltungen und kaum planbarer Live-Kultur bekam ein ganz normaler Konzertabend plötzlich wieder einen besonderen Wert.

Gentleman und seine lange Verbindung zu Jamaika

Hinter Gentleman steckt Tilmann Otto, geboren 1974 in Osnabrück und seit vielen Jahren in Köln zu Hause. Seine Beziehung zum Reggae begann früh. Mit 17 reiste er erstmals nach Jamaika, eine Erfahrung, die seinen musikalischen Weg nachhaltig beeinflusste.

Ende der 1990er-Jahre wurde ein größeres deutsches Publikum erstmals auf ihn aufmerksam, als er beim Freundeskreis-Song „Tabula Rasa“ mitwirkte. Danach entwickelte sich seine eigene Karriere schnell. Gentleman schaffte etwas, das zuvor nur wenigen deutschen Musikern gelungen war: Er wurde innerhalb der internationalen Reggae-Szene ernst genommen.

Mit Alben wie „Journey to Jah“ und später „Confidence“ etablierte er sich endgültig. „Confidence“ erreichte 2004 Platz eins der deutschen Albumcharts. Songs wie „Superior“, „Dem Gone“ oder „Send a Prayer“ wurden zu festen Bestandteilen seiner Konzerte und machten seine markante Stimme weit über die klassische Reggae-Szene hinaus bekannt.

Dabei blieb Jamaika für Gentleman weit mehr als eine musikalische Kulisse. Er veröffentlichte dort Musik, arbeitete mit jamaikanischen Künstlern zusammen und stand auch auf der Insel selbst auf der Bühne.

Vom MTV Unplugged zu deutschen Texten

Ein besonderer Meilenstein folgte 2014. Gentleman nahm ein eigenes MTV Unplugged auf und wurde damit zum ersten Reggae-Künstler, dem dieses Format gewidmet wurde. Gäste wie Shaggy, Ky-Mani Marley, Tanya Stephens, Christopher Martin, Milky Chance und Campino unterstrichen, wie weit sein musikalisches Netzwerk inzwischen reichte.

Stillstand war trotzdem nie sein Ding.

2020 überraschte Gentleman mit dem Album „Blaue Stunde“. Erstmals veröffentlichte er ein komplettes Album auf Deutsch. Für einen Künstler, dessen Karriere über Jahrzehnte von englischen Texten und jamaikanischem Patois geprägt worden war, war das ein deutlicher Schnitt. Gleichzeitig blieb sein musikalisches Fundament hörbar: Reggae, Soul, Pop und diese spezielle Leichtigkeit, die seine Songs seit Jahren trägt.

Beim Konzert in Wetzlar trafen damit verschiedene Phasen seiner Karriere aufeinander. Alte Reggae-Wurzeln standen neben neueren musikalischen Ideen. Gentleman wirkte dabei nicht wie ein Künstler, der bloß von vergangenen Erfolgen lebt. Seine Musik war immer noch in Bewegung.

Gentleman macht aus Wetzlar für einen Abend Jamaika

Am Ende blieb weniger das ungewöhnliche Corona-Konzept im Gedächtnis als die Musik. Genau das war vermutlich der größte Erfolg dieses Abends.

Die Strandkörbe standen weiter ordentlich auf Abstand. Davor wurde längst getanzt.

Gentleman zog sein Publikum mit jener Mischung aus Reggae, Dancehall und Soul durch den Abend, die ihn seit mehr als zwei Jahrzehnten prägt. Mal lässig, mal druckvoll, dann wieder erstaunlich ruhig. Der Kontakt zu den Fans riss dabei kaum ab.

Und plötzlich wirkte der Festplatz Finsterloh gar nicht mehr so sehr wie ein provisorischer Konzertort in einer komplizierten Zeit. Bass in der Luft. Menschen vor der Bühne. Ein paar Stunden ohne Alltag.

Mehr musste es an diesem Abend nicht sein.

Text & Foto © Jan Heesch

Beitrag teilen