
Gregorian in Fulda: 20 Jahre zwischen Chor und Rock
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Am 11. Januar 2020 wurde es in der Esperantohalle Fulda für knapp drei Stunden ziemlich ungewöhnlich. Acht Männer in Mönchskutten, eine aufwendig inszenierte Bühne und Songs, die eigentlich aus völlig anderen musikalischen Welten stammen: Gregorian feierten auf ihrer Jubiläumstour 20 Jahre „Masters of Chant“ und präsentierten gleichzeitig ihr neues Album „20/2020“. Gregorian in Fulda war damit Rückblick und Neustart in einem. Die Esperantohalle gehörte zu den Stationen der großen Jubiläumstour, die Ende 2019 gestartet war.
Wer Gregorian nur als etwas sonderbares Chorprojekt kennt, bei dem Popsongs mit gregorianisch klingendem Gesang versehen werden, unterschätzt die Sache live ziemlich schnell.
Denn still und andächtig blieb es an diesem Abend nur selten.
Gregorian feiern in Fulda 20 Jahre „Masters of Chant“
1999 erschien das erste Album „Masters of Chant“. Produzent Frank Peterson hatte daraus ein Konzept entwickelt, das eigentlich kaum funktionieren dürfte: bekannte Pop- und Rocksongs treffen auf den Klang gregorianischer Choräle. Genau daraus entstand über die Jahre ein internationales Erfolgsprojekt.
In Fulda begann die Show deshalb bewusst mit einem Blick zurück. Der erste Teil gehörte bekannten Stücken aus zwei Jahrzehnten Gregorian. Manche Melodien erkannte man sofort, andere brauchten ein paar Sekunden, bevor im Kopf plötzlich das Original auftauchte.
Gerade das macht den Reiz aus.
Ein Rocksong verliert seine Gitarrenfront, wird langsamer, bekommt mehrere tiefe Stimmen und klingt auf einmal beinahe sakral. Dann setzt die Band ein und die vermeintliche Kirchenruhe ist wieder vorbei. Die acht Sänger standen dabei keineswegs unbeweglich im Halbdunkel herum. Gregorian ist längst eine ausgearbeitete Bühnenshow mit Licht, Bewegung und einem ordentlichen Hang zum Drama.
Man darf bei den Kutten also ruhig den Gedanken an ein stilles Klosterkonzert vergessen.
„20/2020“ bringt neue Songs in die Jubiläumsshow
Nach der Pause verschob sich der Schwerpunkt stärker auf das damals neue Album „20/2020“. Die Veröffentlichung war im November 2019 erschienen und verband überarbeitete Klassiker mit neuen Gregorian-Interpretationen. Insgesamt enthielt die Doppel-CD 32 Titel, darunter elf neu aufgenommene Songs.
Mit dabei waren Interpretationen von Stücken wie „Faded“, „Viva la Vida“, „Behind Blue Eyes“, „Shine Silently“ oder „You’ll Be in My Heart“.
Und genau bei solchen Songs merkt man, wie stark das Konzept davon lebt, dass die Vorlage eine gute Melodie mitbringt. Gregorian können einen Song komplett umkleiden. Der Kern muss trotzdem stehen bleiben.
Mal funktioniert das fast unheimlich gut. Dann wieder ist es schlicht interessant zu hören, was aus einem vertrauten Popsong geworden ist, nachdem acht tiefe Männerstimmen und eine monumentale Produktion darüber hinweggezogen sind.
Zwischen Kerzenschein und großer Rockshow
Optisch ließ die Produktion wenig anbrennen. Dunkle Bühnenbilder, gezielt gesetztes Licht und die charakteristischen Kutten erzeugten zunächst jene mystische Stimmung, die man von Gregorian erwartet.
Aber dann wurde es größer.
Deutlich größer.
Lichtwechsel, Bandpassagen und die dramatischen Arrangements sorgten dafür, dass die fast dreistündige Show nie wie ein langer Chorabend wirkte. Genau dieser Wechsel zwischen feierlicher Ruhe und Rockkonzert hielt das Programm zusammen.
Es gab Momente, in denen man im Publikum tatsächlich einfach nur zuhörte. Wenige Minuten später kam wieder Bewegung in die Esperantohalle.
Gregorian spielen mit Gegensätzen. Das war schon immer ihr Prinzip.
Fast drei Stunden Musik ohne hektischen Jubiläumsrückblick
20 Jahre Material passen eigentlich nicht vernünftig in einen Konzertabend. Gregorian versuchten deshalb gar nicht erst, jede Phase gleich ausführlich abzuhaken.
Der erste Teil blickte stärker zurück, der zweite führte über neues Material wieder zu älteren Favoriten. Dazwischen lag lediglich eine Pause. Fast drei Stunden dauerte die musikalische Reise durch das Repertoire.
Das klingt lang.
Fühlte sich aber erstaunlich wenig danach an.
Vielleicht weil der Abend ständig seine Temperatur wechselte. Mal ein vertrauter Klassiker. Dann ein neuer Titel. Ein ruhiger Moment, gefolgt von einer Inszenierung, die mit klösterlicher Bescheidenheit nun wirklich nichts mehr zu tun hatte.
Gregorian hatten zum Jubiläum ohnehin genügend Geschichte im Gepäck. Bereits vor dieser Tour waren rund 1.200 Konzerte in 31 Ländern und etwa 2,6 Millionen Konzertbesucher zusammengekommen.
In Fulda spielte diese Statistik irgendwann keine Rolle mehr.
Da standen acht Sänger auf der Bühne, und aus Songs, die man seit Jahren aus Radio und Plattensammlung kannte, wurden für ein paar Minuten wieder völlig andere Stücke.Text & Foto © Jan Heesch














