
Howard Carpendale in Mannheim: Drei Stunden ganz nah bei den Fans
Beitrag teilen
Sitzenbleiben war an diesem Sonntagabend offenbar keine ernsthafte Option. Schon beim zweiten Song verließen die ersten Besucher ihre Plätze, wenig später standen die Gänge voll und vor der Bühne drängten sich Fans, die Howard Carpendale so nah wie möglich kommen wollten. Rund 2.000 Besucher erlebten den Sänger am 8. November 2015 im Mozartsaal des Rosengartens. Drei Stunden Musik lagen vor ihnen. Carpendale, damals 69 Jahre alt und nur wenige Wochen von seinem 70. Geburtstag entfernt, wirkte dabei keineswegs wie jemand, der seine Karriere langsam auslaufen lassen wollte.
Über der Bühne leuchtete in großen Buchstaben „Das ist unsere Zeit“. So hieß das im März veröffentlichte Album, so hieß die Tour und ziemlich genau darum drehte sich dieser Abend. Carpendale blickte zurück auf fast fünf Jahrzehnte Musik, blieb aber nicht darin hängen. Neue Songs standen neben Klassikern, persönliche Geschichten neben großen Refrains. Und immer wieder ging der Blick von der Bühne direkt in den Saal.
„Hello Again“ lässt 39 Minuten auf sich warten
Einen seiner größten Hits servierte Carpendale erstaunlich spät. Sieben Songs und exakt 39 Minuten mussten vergehen, bevor „Hello Again“ erklang. Dafür blieb er jetzt nicht auf der Bühne. Carpendale ging mitten hinein ins Publikum, Hände wurden ausgestreckt, Smartphones gingen hoch, Fotos entstanden und für einige Besucher schrumpfte der Mozartsaal plötzlich auf wenige Zentimeter Abstand zum Sänger zusammen.
Gerade diese Nähe passte zum Abend. Carpendale hatte kurz zuvor noch vor deutlich größeren Kulissen gespielt, machte aber keinen Hehl daraus, dass ihm ein Saal wie der Rosengarten wegen des direkten Kontakts zum Publikum gefiel. Und das Publikum nahm diese Einladung dankbar an. Immer wieder bildete sich Bewegung vor der Bühne, Frauen und Männer suchten den Kontakt, sangen mit und warteten auf die nächsten bekannten Takte.
Musikalisch wurde Carpendale von einer großen Livebesetzung mit Musikern und Backgroundstimmen getragen. Der Sound wechselte zwischen kräftigen Poparrangements, Balladen und ruhigeren Momenten, ohne dass die Show auseinanderfiel. Drei Stunden sind lang. Langweilig wurde es nicht.
Joy of Believe machen „Ti Amo“ zum Mannheimer Moment
Eine Besonderheit der damaligen Tour war der Einsatz regionaler Chöre. In Mannheim fiel diese Aufgabe den Gospelsängern von Joy of Believe zu. Während Carpendale „Ti Amo“ anstimmte, kamen sie auf die Bühne und gaben dem Klassiker einen deutlich anderen Klang. Aus einem Song, den fast jeder im Saal seit Jahrzehnten kannte, entstand für einige Minuten eine speziell auf Mannheim zugeschnittene Version.
Das passte zum Grundgedanken der Tour. Alte Songs wurden nicht einfach pflichtbewusst abgespielt. Sie bekamen neue Arrangements, andere musikalische Farben oder einen veränderten Rahmen. Daneben stand Material aus „Das ist unsere Zeit“, einem Album, mit dem Carpendale nach eigener Aussage musikalisch einen Kreis schließen wollte, ohne damit einen Schlusspunkt unter seine Karriere zu setzen.
Auch „Astronaut“ bekam an diesem Abend besonderes Gewicht. Carpendale erinnerte daran, dass der Song bereits rund 25 Jahre alt war, seine Themen Krieg und Umweltzerstörung aber erschreckend aktuell geblieben waren. Plötzlich ging es im Mozartsaal nicht mehr nur um Erinnerungen und große Liebeslieder. Die Stimmung wurde ruhiger, der Text rückte nach vorne.
Eine stille Verbeugung vor Udo Jürgens
Noch stiller wurde es bei „Ich war noch niemals in New York“. Udo Jürgens war im Dezember 2014 gestorben, und Carpendale widmete seinem langjährigen Kollegen und Weggefährten eine musikalische Hommage. Im Mozartsaal war es zunächst fast vollkommen ruhig. Dann setzte das Publikum beim Refrain ein.
2.000 Stimmen für einen Song, der eigentlich einem anderen gehörte. Kein großer Effekt hätte diesen Moment stärker machen können.
Überhaupt lebte der Abend von solchen Wechseln. „Heute beginnt der Rest deines Lebens“, „Du schläfst“ und „Das bin ich“ standen neben Liedern aus mehreren Jahrzehnten. Mal leuchteten LED-Stäbe im Saal, mal genügte Carpendales Stimme. Dazwischen erzählte er aus seinem Leben und sprach über Zeit, über Erfahrungen und darüber, die kleinen Momente nicht einfach vorbeiziehen zu lassen.
Die Klassiker holen den ganzen Rosengarten ab
Je tiefer der Abend in Carpendales Vergangenheit führte, desto textsicherer wurde der Saal. „Tür an Tür mit Alice“durfte ebenso wenig fehlen wie „Deine Spuren im Sand“ und „Durch die Nacht“. Bei „Dann geh doch“ musste Carpendale den Refrain längst nicht mehr allein tragen. Das Publikum übernahm.
Und dann „Nachts, wenn alles schläft“. Carpendale bezeichnete den Song als seinen persönlichen Favoriten aus seinem riesigen Repertoire. Das Stück gehörte auch in Mannheim zu jenen Momenten, bei denen aus einem Konzertsaal ein gemeinsamer Chor wurde. Kein hektischer Bühnenwechsel, kein Spektakel. Dieser Song brauchte nur die ersten Takte.
Nach fast fünf Jahrzehnten Karriere hätte Howard Carpendale an diesem Punkt problemlos eine reine Hitshow spielen können. Genau das tat er nicht. Die neuen Stücke bekamen ihren Platz, ältere Songs wurden neu angefasst und dazwischen erzählte ein Künstler, der offensichtlich noch genug vorhatte.
Drei Stunden und noch immer nicht genug
Gut drei Stunden waren vergangen, Carpendales Hemd längst vom Konzert gezeichnet und trotzdem forderte der Mozartsaal Zugaben. Also kam er zurück. Die letzten Minuten gehörten noch einmal diesem engen Austausch zwischen Bühne und Publikum, der den Abend von Beginn an geprägt hatte.
Gerade einmal einen Tag zuvor hatte die „Das ist unsere Zeit“-Tour in Frankfurt Station gemacht, zwei Tage später sollte Berlin folgen. Mannheim war einer von vielen Terminen auf einer langen Tour. So fühlte es sich an diesem Abend allerdings nicht an.
Howard Carpendale ließ 2.000 Menschen noch einmal „Hello Again“, „Ti Amo“, „Dann geh doch“ und „Nachts, wenn alles schläft“ singen, mischte neue Songs dazwischen und stand nach drei Stunden immer noch vor seinen Fans.
Ganz nah. Genau so wollte es Mannheim.
Text & Foto © Boris Korpak | bokopictures













