
In Extremo in Wiesbaden: Feuer zwischen den Strandkörben
Beitrag teilen
Am 9. Juli 2021 kehrten In Extremo in Wiesbaden vor ein echtes Publikum zurück. Beim Strandkorb Open Air in der BRITA-Arena traf die Mischung aus Mittelalterinstrumenten, schweren Gitarren und Pyrotechnik auf eine Konzertkulisse, an die man sich auch nach mehreren Wochen mit diesem Veranstaltungsformat erst einmal gewöhnen musste. Statt einer dicht gefüllten Fläche standen Strandkörbe vor der Bühne. Für die Band war Wiesbaden eine Station der unter dem passenden Titel „Endlich Live 2021“ angekündigten Sommerkonzerte.
Nach der langen pandemiebedingten Unterbrechung war die Spielfreude auf der Bühne deutlich zu erkennen. In Extremo verzichteten darauf, aus den besonderen Umständen eine kleinere Version ihrer üblichen Show zu machen. Dudelsäcke, Schalmeien, Gitarren und Schlagzeug bekamen den nötigen Druck, dazu kamen Licht und die für die Band typischen Feuer- und Pyroeffekte.
Alte Stücke bekommen in Wiesbaden viel Raum
Das damals aktuelle Album „Kompass zur Sonne“ war bereits am 8. Mai 2020 erschienen und direkt auf Platz eins der deutschen Albumcharts eingestiegen. Eine reguläre Tour zum Album hatte zu diesem Zeitpunkt allerdings noch immer nicht stattfinden können. Die zunächst für 2020 und später für 2021 geplanten Termine wurden schließlich auf 2022 verschoben.
Entsprechend setzte die Band beim Strandkorb Open Air nicht ausschließlich auf das aktuelle Material. Einen großen Teil des Programms bildeten Stücke aus früheren Jahren.
„Sängerkrieg“, „Vollmond“ und „Frei zu sein“ gehörten zu den Titeln, die das Wiesbadener Publikum bereits nach wenigen Takten erkannte. Auch „Spielmannsfluch“ durfte nicht fehlen. Der Songtitel wird gelegentlich mit „Spielmannsschwur“ verwechselt, tatsächlich heißt der In-Extremo-Titel „Spielmannsfluch“.
Diese Auswahl passte zum Charakter des Abends. Nach einer so langen Pause brauchte es nicht zwingend eine komplette Präsentation des neuen Albums. Viele Fans wollten vor allem wieder jene Stücke hören, die sie seit Jahren mit den Konzerten der Band verbinden.
Dudelsäcke und Gitarren funktionieren auch vor Strandkörben
In Extremo leben musikalisch von Gegensätzen. Historische Instrumente treffen auf moderne Rock- und Metal-Gitarren, ruhigere Passagen auf deutlich härtere Abschnitte. Genau diese Wechsel blieben auch unter den besonderen Bedingungen der BRITA-Arena erhalten.
Die Strandkörbe sorgten zwangsläufig für mehr Abstand zwischen den Zuschauern. Einen klassischen Pulk vor der Bühne gab es nicht. Sobald bekannte Songs einsetzten, wurde die Distanz aber zumindest akustisch kleiner. Es wurde mitgesungen, geklatscht und innerhalb der eigenen Bereiche gefeiert.
Das gleiche Bild zeigte sich auch bei weiteren Strandkorb-Terminen der Band in diesem Sommer: Der Schwerpunkt lag überwiegend auf älterem Material, ergänzt um ausgewählte Songs von „Kompass zur Sonne“.
Feuer gehört bei In Extremo weiterhin dazu
Optisch blieb der Abend ebenfalls eindeutig In Extremo.
Flammen und Pyroeffekte begleiteten mehrere Stücke, Lichtwechsel unterstrichen die ruhigeren Abschnitte und mit zunehmender Dunkelheit bekam die Produktion sichtbar mehr Wirkung. Eine Band, deren Konzerte seit Jahren stark von Feuer und einer körperlich präsenten Bühnenshow leben, ließ sich auch vom ungewöhnlichen Sitzkonzept nicht auf ein Minimalprogramm reduzieren.
Gerade darin lag ein wichtiger Unterschied zu vielen kleineren Pandemieformaten. Hier wurde nicht versucht, aus der Situation ein Akustikkonzert oder einen besonders intimen Abend zu machen.
In Extremo spielten Rock.
Nur das Publikum saß diesmal zunächst in Strandkörben.
„Kompass zur Sonne“ muss noch auf seine richtige Tour warten
Natürlich wurde das aktuelle Album nicht vollständig ausgeblendet. „Kompass zur Sonne“ war zu diesem Zeitpunkt weiterhin die jüngste Studioveröffentlichung der Band und hatte mit „Troja“, dem Titelstück und weiteren Songs neues Material geliefert. Das Album umfasst in seiner ursprünglichen Version 13 Stücke und brachte In Extremo ihren nächsten Spitzenplatz in den deutschen Charts.
Die große Tour dazu sollte jedoch erst 2022 wirklich stattfinden. Dort bekam das Album schließlich den Raum, der ursprünglich schon unmittelbar nach seiner Veröffentlichung vorgesehen war.
Wiesbaden war deshalb eher ein Wiedersehen als ein klassischer Tourauftakt zu einer neuen Platte.
Und genau das merkte man.
Endlich wieder Reaktionen direkt vor der Bühne
Nach Monaten mit Streams, abgesagten Terminen und anderen Ersatzformaten war der wichtigste Bestandteil dieses Abends vielleicht gar kein einzelner Song.
Es war das Publikum.
Die Musiker bekamen ihre Reaktionen wieder unmittelbar aus dem Zuschauerraum zurück. Kein Chatfenster neben einem Livestream, keine Kamera vor einem leeren Saal. Vor der Bühne saßen tatsächlich Menschen, die sangen und auf die Show reagierten.
Die Veranstaltung war Teil des Wiesbadener Strandkorb Open Airs, das in der BRITA-Arena über mehrere Wochen zahlreiche Konzerte und Shows unter angepassten Bedingungen möglich machte.
Nach einem Abend mit Dudelsäcken, schweren Gitarren, alten Bekannten aus der Setlist und reichlich Feuer wirkte das ungewöhnliche Mobiliar vor der Bühne irgendwann fast nebensächlich.
Entscheidend war, dass In Extremo wieder dort standen, wo diese Musik hingehört: vor Publikum.
Foto & Text © Jan Heesch














