Kiefer Sutherland beim Konzert der Marburger Sommernächte 2024 auf der Schlossparkbühne

Kiefer Sutherland in Marburg: Rau, direkt und überraschend nah

Beitrag teilen

Die Sonne verschwand langsam hinter den Bäumen des Marburger Schlossparks, vor der Bühne wurden die letzten Getränke geholt und der Blick wanderte immer wieder hinauf zum Schloss. Eine Kulisse, die kaum besser zu diesem Konzert hätte passen können. Am 20. Juli 2024 stand mit Kiefer Sutherland ein Mann auf der Schlossparkbühne, den viele Besucher zunächst aus Film und Fernsehen kannten. An diesem Abend ging es aber nicht um Jack Bauer oder Hollywood. Es ging um Gitarren, Country, Americana und Geschichten.

Schon nach den ersten Minuten war klar: Hier versucht kein Schauspieler, nebenbei ein bisschen Rockstar zu sein. Sutherland stand mit seiner Band auf der Bühne wie jemand, der genau dort hingehört.

Kiefer Sutherland tauscht Hollywood gegen die Gitarre

Schwarzes Outfit, Gitarre in der Hand, diese unverwechselbar raue Stimme. Viel mehr brauchte es zunächst nicht.

Sutherland suchte immer wieder den Blick ins Publikum, ging nah an den Bühnenrand und wirkte dabei erstaunlich gelöst. Kein distanzierter Weltstar. Zwischen den Songs nahm er sich Zeit, erzählte Geschichten und erklärte, woher manche Stücke kamen. Das Publikum hörte zu. Wirklich zu.

Gerade diese Momente machten den Abend aus.

Denn seine Songs funktionieren selten über große Popgesten. Sie erzählen von Beziehungen, Fehlern, Alkohol, Verlust, Hoffnung und jenen Nächten, über die man meist erst am nächsten Morgen nachdenkt. Musikalisch bewegt sich Sutherland zwischen klassischem Country, Americana und geradlinigem Rock. Seit seinem Debütalbum „Down in a Hole“ von 2016 folgten „Reckless & Me“ und 2022 „Bloor Street“.

Hollywood rückte dabei mit jedem Song ein Stück weiter weg.

Not Enough Whiskey trifft auf Geschichten aus dem Leben

Bei „Not Enough Whiskey“ sitzt diese Mischung besonders gut. Sutherlands Stimme klingt rau, manchmal fast brüchig, aber gerade dadurch glaubwürdig. Kein Hochglanz-Country. Eher Musik, die nach kleinen Clubs, langen Straßen und einer Bar kurz vor Feierabend klingt.

Auch „Shirley Jean“ gehört zu diesen Songs, bei denen die Geschichte wichtiger wird als der große Refrain.

Sutherland nutzt die Pausen zwischen den Stücken nicht für austauschbare Ansagen. Er redet mit den Menschen vor der Bühne, erzählt Anekdoten und gibt den Songs einen Hintergrund. Mal wird gelacht, dann ist es wieder still. Manchmal reicht eine kurze Geschichte, bevor die Band einsetzt.

Das erzeugt Nähe.

Hinter ihm spielt eine Band, die genau weiß, wann sie Druck machen muss und wann weniger mehr ist. Gitarren treten nach vorne, Backing Vocals öffnen die Songs, dann wird wieder Platz für Sutherlands Stimme geschaffen. Besonders die Gitarrenparts bringen ordentlich Rock in einen Abend, der sich nie auf Country allein festlegen lässt.

Die Schlossparkbühne wird zum perfekten Ort für Americana

Je dunkler es über Marburg wird, desto stärker wirkt die Kulisse.

Das beleuchtete Schloss oberhalb der Bühne, die Bäume rund um das Gelände und davor ein Publikum, das längst vergessen hat, dass dort einer der bekanntesten Fernsehschauspieler seiner Generation steht. Genau darin liegt vielleicht der größte Erfolg dieses Konzerts.

Sutherland braucht seine Filmkarriere an diesem Abend nicht.

Natürlich kennt fast jeder im Publikum „24“, „The Lost Boys“ oder „Stand By Me“. Seine Schauspielkarriere reicht über mehrere Jahrzehnte und machte ihn weltweit bekannt. Seit 2016 tritt er jedoch regelmäßig mit eigener Musik auf; die Marburger Show war Teil seiner Deutschlandtermine im Sommer 2024.

Auf der Bühne wird dieser zweite Karriereweg sehr greifbar.

Er greift zur Gitarre, zählt den nächsten Song an, die Band fällt ein. Mehrfach brandet schon während der Stücke Applaus auf. Bei ruhigeren Passagen bleibt es dagegen fast erstaunlich still im Schlosspark.

Kein Dauergequatsche. Keine Nebenunterhaltung.

Man hört hin.

Ein Weltstar, der an diesem Abend Musiker sein will

Genau diese Konzentration trägt das Konzert bis in die letzten Minuten.

Sutherland wirkt nicht wie jemand, der dem Publikum beweisen möchte, was er alles kann. Er erzählt lieber. Ein Song, eine Geschichte, ein kurzer Blick zu seinen Musikern, weiter geht es.

Dazwischen wird es kräftiger. Gitarren ziehen an, das Schlagzeug drückt nach vorne und aus dem Country-Abend wird für einige Minuten eine ziemlich handfeste Rockshow.

Dann wieder ein ruhiger Moment.

Diese Wechsel stehen dem Konzert gut. Nichts wirkt überladen, nichts künstlich auf große Arena getrimmt. Die Schlossparkbühne schafft eine Nähe, die Sutherlands Musik entgegenkommt.

Als die letzten Akkorde über das Gelände ziehen, folgt langer Applaus. Sutherland verabschiedet sich mit seiner Band, kommt für die Zugaben noch einmal zurück und lässt einen Abend ausklingen, der viel weniger mit Hollywood zu tun hatte, als manche vor Beginn vielleicht erwartet hatten.

Oben das Marburger Schloss. Unten eine Band, ein paar Gitarren und diese raue Stimme. Das reicht völlig.

Text & Fotos © Jan Heesch

Beitrag teilen