
Loreena McKennitt verzaubert die Zitadelle Mainz
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Es gibt Konzerte, bei denen Lautstärke und große Effekte den Ton angeben. Und es gibt Abende wie diesen. Loreena McKennitt brauchte am 18. Juli 2019 in der Zitadelle Mainz weder Feuer noch riesige LED-Wände, um ihr Publikum für mehr als zwei Stunden aus dem Alltag zu holen. Eine Stimme, verschiedene Instrumente und eine ausgezeichnete Band reichten vollkommen.
Der Auftritt gehörte zur sommerlichen Fortsetzung ihrer „Lost Souls Tour“, die McKennitt im Juli 2019 durch mehrere europäische Open-Air-Spielstätten führte. Mainz war dabei der letzte Deutschlandtermin dieser Sommerrunde nach Abenberg, München, Berlin und Freiburg.
Die historische Zitadelle passte zu dieser Musik fast schon verdächtig gut.
Ein Sommerabend, der plötzlich ganz ruhig wird
Schon vor Konzertbeginn war zu merken, wie sehr sich viele Besucher auf das Wiedersehen mit der kanadischen Sängerin freuten. Die Veranstaltung war entsprechend stark nachgefragt. Als McKennitt schließlich die Bühne betrat, veränderte sich die Atmosphäre innerhalb weniger Minuten.
Es wurde still.
Nicht diese unangenehme Konzertstille, bei der ein Publikum noch nicht so recht weiß, was es mit dem Künstler anfangen soll. Hier hörten die Menschen einfach zu. Gespräche verschwanden, Blicke wanderten zur Bühne und irgendwann verlor auch die Uhr ihre Bedeutung.
Genau darin liegt eine der großen Qualitäten von Loreena McKennitt live. Sie muss ihr Publikum nicht permanent auffordern, mitzumachen. Sie zieht es mit ihrer Musik hinein.
Zwischen Irland, Schottland und dem Mittelmeer
Seit Jahrzehnten verbindet Loreena McKennitt keltische Traditionen mit Folk, Weltmusik sowie Einflüssen aus dem Mittelmeerraum und dem Nahen Osten. Ihr 2018 veröffentlichtes Album „Lost Souls“ war ihr erstes Album mit neuen Eigenkompositionen seit „An Ancient Muse“ von 2006 und bildete die Grundlage der damaligen Tour.
Diese musikalische Mischung funktionierte unter freiem Himmel besonders gut.
Mal fühlte man sich gedanklich auf eine grüne irische Landschaft versetzt, wenig später klangen orientalische und mediterrane Einflüsse durch die Zitadelle. McKennitts Musik lässt sich ohnehin nur schwer in eine einzelne Schublade stecken. Folk wäre zu wenig. Celtic ebenso.
Sie erzählt musikalische Geschichten.
Und sie lässt ihnen Zeit.
Loreena McKennitt zeigt ihre ganze musikalische Bandbreite
Im Mittelpunkt steht natürlich diese Stimme. Klar, warm und sofort wiederzuerkennen.
Doch McKennitt ist weit mehr als Sängerin. Während des Konzerts wechselte sie zwischen Harfe, Klavier und Akkordeon und machte damit sichtbar, wie stark ihre Musik von unterschiedlichen Klangfarben lebt.
Begleitet wurde sie auf dieser Tour von fünf langjährigen Musikern: Brian Hughes an Gitarren, Oud und keltischer Bouzouki, Caroline Lavelle am Cello, Hugh Marsh an der Violine, Dudley Phillips am Kontrabass und Robert Brian am Schlagzeug. Diese Besetzung begleitete McKennitt auch auf der „Lost Souls Tour“.
Das Zusammenspiel wirkte dabei nie wie bloße Begleitung einer Solokünstlerin. Violine, Cello, Percussion und die verschiedenen Saiteninstrumente bekamen Raum, einzelne Stücke langsam aufzubauen und anschließend wieder beinahe vollständig in der Stille verschwinden zu lassen.
Gerade Hugh Marsh setzte mit seiner Violine immer wieder Akzente.
„Lost Souls“ trifft auf Klassiker ihrer Karriere
Natürlich stand das damals aktuelle Album im Zentrum des Programms. Die Tour-Setlists dieser Phase enthielten mehrere Stücke aus „Lost Souls“, darunter „A Hundred Wishes“, „Ages Past, Ages Hence“, „The Ballad of the Foxhunter“, „Spanish Guitars and Night Plazas“ und den Titelsong „Lost Souls“.
Aber McKennitt wusste genau, dass viele Menschen wegen jener Songs gekommen waren, die sie seit Jahren oder sogar Jahrzehnten begleiten.
So führte die musikalische Reise auch zurück zu älteren Werken. Stücke wie „All Souls Night“, „The Mystic’s Dream“, „The Lady of Shalott“, „The Old Ways“ oder „The Mummers‘ Dance“ gehörten zum Repertoire der damaligen Tour.
Gerade bei diesen älteren Titeln entstand in Mainz etwas Besonderes. Viele Besucher kannten jede Wendung, jeden Einsatz. Trotzdem wurde kaum lautstark dazwischengerufen.
Man hörte zu.
Das mag banal klingen. Bei einem Open-Air-Konzert ist es das keineswegs.
Keine Showeffekte nötig
Andere Künstler hätten eine Kulisse wie die Mainzer Zitadelle vermutlich mit Licht, Videos und möglichst viel Bühnentechnik zugestellt.
Hier hätte das nur gestört.
Die historischen Mauern, der Sommerabend und McKennitts Musik erledigten einen großen Teil der atmosphärischen Arbeit von selbst. Die Inszenierung blieb deshalb angenehm zurückhaltend und gab den Musikern den Platz, den sie brauchten.
Vor allem die ruhigeren Passagen profitierten davon. Eine Harfe, eine einzelne Stimme und mehrere tausend Menschen, die plötzlich kaum noch ein Geräusch machten.
Mehr braucht es manchmal tatsächlich nicht.
Die Musik wirkte dadurch fast körperlich. Ein Cello setzte ein, die Violine antwortete, McKennitts Stimme schwebte darüber und wenige Minuten später war man gedanklich ziemlich weit weg von Mainz.
Mehr als zwei Stunden musikalische Reise
Zeit spielte an diesem Abend irgendwann kaum noch eine Rolle. Mehr als zwei Stunden nahm Loreena McKennitt ihr Publikum mit durch verschiedene Phasen ihrer Karriere und durch musikalische Landschaften, die zwischen keltischer Tradition, Folk und Weltmusik ständig ihre Gestalt wechselten.
Das offizielle Programm von Summer in the City kündigte sie für diesen Abend ausdrücklich mit ihrer fünfköpfigen Band und der „Lost Souls“-Tour an. Das Konzert war für 19:30 Uhr in der Zitadelle angesetzt.
Als sich das Ende näherte, fühlte es sich trotzdem überraschend früh an.
McKennitt verabschiedete sich mit dem Versprechen, möglichst bald zurückzukehren. Rückblickend bekam dieser Satz eine besondere Bedeutung: Nach Abschluss der „Lost Souls Tour“ kündigte sie im Oktober 2019 an, ihre Musikkarriere auf unbestimmte Zeit ruhen lassen zu wollen.
Umso wertvoller wirkte dieser Mainzer Sommerabend.
Keine überladene Produktion. Keine Jagd nach dem nächsten Effekt. Loreena McKennitt in der Zitadelle Mainz war vielmehr ein Konzert, bei dem eine außergewöhnliche Musikerin gemeinsam mit einer ebenso starken Band zeigte, welche Wirkung Musik entfalten kann, wenn man ihr einfach genügend Raum lässt.
Text & Foto © Jan Heesch














