Max Giesinger in Gießen beim Kultursommer 2024 auf dem Schiffenberg

Max Giesinger in Gießen: Ganz nah dran auf dem Schiffenberg

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Am 25. August 2024 stand der Sänger zum dritten Mal beim Gießener Kultursommer auf der Freilichtbühne am Kloster Schiffenberg. Fünf Jahre waren seit seinem letzten Auftritt hier vergangen. Als Support eröffnete Timo Scharf den Sonntagabend, bevor Giesinger gegen 21 Uhr mit seiner Band übernahm.

Schon vor Konzertbeginn hatte sich der Innenhof gut gefüllt. Man steht auf dem Schiffenberg dicht an der Bühne, viel näher am Künstler als bei den großen Arena-Shows. Hinter der Bühne ragen die alten Mauern auf, darüber langsam der Abendhimmel. Diese kompakte Kulisse ist einer der Gründe, warum der Kultursommer schnell eher nach Clubkonzert unter freiem Himmel aussieht als nach klassischem Festival. Genau dieses Gefühl beschreiben auch die Veranstalter selbst.

Timo Scharf macht den Anfang auf dem Schiffenberg

Um 20 Uhr gehörte die Bühne zunächst Timo Scharf. Der Singer-Songwriter begleitete Giesinger bei mehreren Terminen der Sommertour 2024 und bekam in Gießen genügend Raum, um nicht bloß als musikalischer Lückenfüller wahrgenommen zu werden.

Noch stand das Publikum vergleichsweise entspannt vor der Bühne. Getränke in der Hand, Gespräche zwischen den Songs, die letzten Besucher suchten ihren Platz. Aber der Abend war jetzt in Bewegung. Eine Stunde später sollte davon deutlich mehr zu sehen sein.

Max Giesinger sucht sofort die Nähe zu seinen Fans

Dann Max Giesinger.

Mit „Irgendwann ist jetzt“, „Legenden“ und „Irgendwo da draußen“ ging es ohne lange Aufwärmphase hinein in das Set. Bereits bei den ersten bekannten Refrains kamen die Stimmen aus den Reihen zurück zur Bühne. Giesinger machte daraus kein Konzert mit sauberer Trennung zwischen Künstler hier oben und Publikum dort unten.

Immer wieder ging er an die Bühnenkante, klatschte Hände in der ersten Reihe ab und suchte Blickkontakt. Irgendwann reichte ihm selbst das nicht mehr. Er verschwand von der Hauptbühne und tauchte hinter dem Publikum an einer zweiten Position wieder auf. Plötzlich drehten sich auf dem gesamten Gelände die Köpfe. Smartphones gingen hoch, die hinteren Reihen wurden für ein paar Minuten zu den vorderen.

Genau dort funktioniert Max Giesinger live am besten. Nicht, wenn eine große Produktion zwischen ihm und den Menschen steht, sondern wenn die Distanz kleiner wird.

Musikwünsche werden zur spontanen Jukebox

Einer der lockersten Momente des Abends entstand ohne große Inszenierung. Giesinger erzählte von seinen musikalischen Anfängen, vom Gitarrenunterricht und von seiner Zeit in einer Coverband. Dann ließ er das Publikum entscheiden.

Zurufe kamen aus verschiedenen Richtungen.

„What’s Up“? Kein Problem. „Don’t Stop Believin’“? Geht auch.

Bei „Livin’ on a Prayer“ musste Giesinger selbst lachen und bemerkte, selbst Jon Bon Jovi singe den Song inzwischen nicht mehr in der ursprünglichen Tonlage. Ein kleiner Einschub, musikalisch weit weg von der perfekt geplanten Setlist. Und gerade deshalb blieb er hängen.

Die Band zog danach wieder an. Der Saxofonist setzte mehrfach deutliche Akzente, Giesinger wechselte zwischen Gitarre, freier Bewegung über die Bühne und kurzen Geschichten aus seinem Leben. Es fühlte sich nicht gehetzt an. Fast zwei Stunden spielte er an diesem Abend.

„Wimpernschlag“ erlebt in Gießen seine Live-Premiere

Neben den vertrauten Hits brachte Max Giesinger in Gießen auch Material mit, das für die meisten im Publikum noch neu war. Drei damals unveröffentlichte beziehungsweise neue Songs stellte er auf dem Schiffenberg vor: „Butterfly Effect“, „Menschen“ und „Wimpernschlag“.

Bei „Wimpernschlag“ gab es sogar eine Premiere. Giesinger spielte den Song an diesem Abend nach eigener Aussage erstmals live.

Das Publikum hörte bei den neuen Nummern zunächst genauer hin. Kein automatisches Mitsingen wie bei den bekannten Hits, dafür konzentrierte Gesichter in den ersten Reihen. Anschließend ließ Giesinger abstimmen. „Butterfly Effect“ und „Menschen“ lagen bei der Resonanz praktisch gleichauf.

Mit „4000 Wochen“ wurde es nachdenklicher. Der Song beschäftigt sich mit der begrenzten Zeit, die ein Leben zur Verfügung stellt. Giesinger sprach darüber, sich bewusster zu fragen, was man mit dieser Zeit eigentlich anfangen möchte. „Berge“ wiederum entstand aus seiner neu entdeckten Begeisterung fürs Wandern.

„80 Millionen“ und „Wenn sie tanzt“ brauchen keine Aufforderung

Natürlich wartete der Schiffenberg auf die großen Songs.

Bei „Wenn sie tanzt“ war sofort Bewegung vor der Bühne. Paare lagen sich in den Armen, daneben wurde gesprungen, weiter hinten gingen die ersten Telefone nach oben. Und als schließlich „80 Millionen“ kam, musste niemand mehr erklären, welcher Teil des Refrains dem Publikum gehörte.

Auch „Auf das, was da noch kommt“ passte an diesem Abend bestens zwischen Rückblick und neue Songs. Die bekannten Stücke wurden nicht einfach abgespult. Giesinger ließ Platz für Reaktionen, hielt das Mikrofon in Richtung Publikum und zog sich immer wieder für einige Takte zurück, wenn die Menge ohnehin laut genug war. Die Titel gehörten zum Liveprogramm seiner Sommertour 2024.

Nach dem regulären Set war auf dem Schiffenberg noch niemand bereit zu gehen. Rufe kamen von vorne, Hände klatschten über den Köpfen.

Giesinger kam zurück.

Mit „Für immer“ setzte er den letzten Punkt unter einen Abend, der weniger durch große Effekte als durch Nähe funktionierte. Vorher hatte er seinen Gießener Fans noch ein Versprechen dagelassen: Nach seinen Konzerten 2017, 2019 und 2024 könne er sich vorstellen, künftig ungefähr alle zwei Jahre auf den Schiffenberg zurückzukehren.

Dann gingen die Lichter an. Die ersten Besucher drehten sich Richtung Ausgang, andere blieben noch stehen. Vor der Bühne wurde weitergeredet. Und irgendwo dazwischen summte noch jemand „Wenn sie tanzt“.

Text & Foto © Jan Heesch

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