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Erst sitzen viele noch ganz ordentlich auf ihren Plätzen. Das hält nicht lange. Sobald Michelle auf der Bühne steht und der Abend Fahrt aufnimmt, wird aus dem Mozartsaal Schritt für Schritt eine Schlagerparty. Gestern Abend, am 3. März 2017, machte die Sängerin mit ihrer „Ich würd’ es wieder tun“-Tour im Rosengarten Mannheim Station und hatte dabei neues Material ebenso im Gepäck wie jene Songs, bei denen ihre Fans nach wenigen Takten jedes Wort kennen. Der Mannheimer Termin gehört zu ihrer aktuellen Tour durch Deutschland, Österreich und die Schweiz.
Michelle muss ihr Publikum dabei nicht lange überzeugen. Sie bewegt sich über die Bühne, sucht immer wieder den direkten Blick in die ersten Reihen und bekommt schnell genau das zurück, was ein solcher Abend braucht: Stimmen.
Viele Stimmen.
Im Mittelpunkt steht das aktuelle Album „Ich würd’ es wieder tun“, das im vergangenen April erschienen ist. Gerade „Wir feiern das Leben“ passt wie bestellt zu diesem Abend. Der Titel trägt das Motto praktisch schon in sich, und im Rosengarten wird daraus keine theoretische Behauptung.
Hier wird tatsächlich gefeiert.
Michelle kombiniert modernen Popschlager mit ruhigeren Momenten und lässt den Abend nicht dauerhaft auf maximaler Lautstärke laufen. Das tut der Show gut. Nach einem tanzbaren Stück kann plötzlich eine Ballade folgen, bei der es im Saal deutlich stiller wird.
Diese Wechsel passen zu ihr.
Denn Michelle war nie nur die Sängerin für den schnellen Schlagerrefrain. Ihre stärkeren Stücke leben oft davon, dass zwischen Selbstbewusstsein und Verletzlichkeit nur wenige Zeilen liegen.
Das aktuelle Album bildet den roten Faden der Tour. „Wir feiern das Leben“ war bereits vor Veröffentlichung der Platte als Single erschienen und markiert musikalisch genau die lebensbejahende, poppigere Seite, die auch im Konzert viel Raum bekommt.
Dann kommen diese Songs, bei denen niemand erklären muss, was zu tun ist.
„Wer Liebe lebt“ gehört dazu.
Der Titel begleitet Michelle seit ihrem Auftritt beim Eurovision Song Contest 2001 und ist längst einer jener Refrains, die ihr Publikum geschlossen übernehmen kann. Die Stimmung verändert sich sofort. Eben wurde noch getanzt, jetzt gehen Hände nach oben und die Stimmen im Mozartsaal werden deutlich lauter.
Auch „Paris“ besitzt diesen Effekt.
Es sind genau diese Momente, in denen man merkt, wie lange viele der Besucher Michelle bereits begleiten. Manche Textzeilen kommen schneller aus dem Publikum zurück, als Michelle selbst sie singen könnte.
Dazu braucht es keine große Inszenierung.
Ein Mikrofon. Die ersten Takte. Fertig.
Songs wie „Wer Liebe lebt“, „Paris“ und „Idiot“ gehören fest zu ihrem bekannten Live-Repertoire und waren bereits auf ihrer 2015 veröffentlichten Live-Best-of vertreten.
Zwischen den Songs wird der Abend persönlicher.
Michelle spricht mit dem Publikum, reagiert auf Zurufe und nimmt sich Zeit, bevor die Band den nächsten Titel beginnt. Dadurch bekommt das Konzert im Mozartsaal eine Nähe, die in größeren Arenen schnell verloren gehen kann.
Und ihre Fans nutzen das.
Aus den ersten Reihen kommen immer wieder Reaktionen, Namen werden gerufen, einzelne Besucher versuchen einen kurzen Moment Aufmerksamkeit zu bekommen. Michelle geht darauf ein, lacht und treibt den Abend danach wieder weiter.
Auf der Bühne wirkt sie dabei deutlich energiegeladener, als es manche ihrer großen Balladen vermuten lassen. Still am Mikrofon stehen ist nur eine Variante. Bei den schnelleren Nummern ist Bewegung angesagt.
Der Kontrast funktioniert.
Gerade weil die Texte häufig von Beziehungen, Trennung, Sehnsucht und Neuanfängen handeln, braucht es zwischendurch diese Momente, in denen nicht jedes Wort schwer aufgeladen wird.
Michelle steht inzwischen seit rund 25 Jahren auf der Bühne. Das hört man den Songs an, vor allem aber merkt man es daran, wie selbstverständlich sie einen Abend trägt.
Da muss niemand krampfhaft beweisen, dass er noch da ist.
Ihre Karriere verlief ohnehin nie geradlinig. Erfolge und Rückzüge wechselten sich ab, private Geschichten standen immer wieder genauso stark in der Öffentlichkeit wie die Musik. Im Rosengarten interessiert davon vor allem, was jetzt auf der Bühne passiert.
Und das ist ziemlich eindeutig.
Michelle ist präsent.
Sie singt die neuen Stücke nicht wie notwendige Einschübe zwischen den erwarteten Klassikern. Das aktuelle Material steht selbstbewusst daneben. Genau dadurch wirkt „Ich würd’ es wieder tun“ nicht wie eine reine Rückschau auf vergangene Erfolge.
Je näher der Abend seinem Ende kommt, desto schwerer wird es, das Publikum wieder auf die Sitze zu bekommen.
Die bekannten Refrains sitzen. Vorne wird getanzt, weiter hinten mitgeklatscht. Ruhigere Passagen sorgen noch einmal für einen Gegenpol, bevor die Stimmung wieder nach oben geht.
Ein solcher Abend lebt nicht von überraschenden Wendungen. Die Menschen im Rosengarten wollen Michelle hören. Ihre Stimme, ihre neuen Songs, ihre alten Hits.
Genau das bekommen sie.
Und als im Mozartsaal schließlich der letzte Applaus läuft, wirken einige Besucher so, als könnten sie problemlos noch eine Stunde dranhängen.
Text & Foto © Boris Korpak | bokopictures
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