Hans Zimmer am 16. April 2016 mit Orchester und Band bei seiner ersten großen Europatour in der SAP Arena Mannheim

Hans Zimmer in Mannheim: Hollywood ohne Leinwand

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Keine Leinwand. Kein Batman, kein Jack Sparrow und kein Maximus. Und trotzdem entstehen die Bilder praktisch von selbst. Als Hans Zimmer in Mannheim am 16. April 2016 vor seinem riesigen Ensemble Platz nimmt, reichen wenige Töne, um die SAP Arena gedanklich in vollkommen andere Welten zu schicken. Rund 9.000 Besucher erleben die ausverkaufte Show, auf der Bühne stehen etwa 70 Musiker aus Zimmers Studioband, Orchester und Chor. Es ist einer der ersten Termine seiner ersten großen Europatournee überhaupt.

Zimmer versteckt sich dabei keineswegs hinter seinem Orchester. Mal sitzt er am Keyboard oder Klavier, dann hängt die Gitarre um seinen Hals, später greift er sogar zum Banjo. Dazwischen erzählt der gebürtige Frankfurter Geschichten aus seinem Leben und von der Entstehung seiner Filmmusiken. Große Hollywood-Produktion trifft auf erstaunlich persönliche Moderationen. Und genau diese Mischung macht aus dem Abend mehr als ein orchestrales Best-of.

Von Miss Daisy direkt nach Hollywood

Der erste Konzertteil beginnt vergleichsweise leicht. Musik aus „Driving Miss Daisy“, „Sherlock Holmes“ und „Madagascar“ führt durch völlig unterschiedliche Klangwelten, bevor „Crimson Tide“ und „Angels & Demons“ das Orchester deutlich größer werden lassen. Zimmer sortiert seine Karriere nicht chronologisch. Er springt. Von Humor zu Pathos, von kleinen Motiven zu mächtigen Chorpassagen.

Dann kommt „Gladiator“.

„The Wheat“, „The Battle“, „Elysium“ und „Now We Are Free“ bauen sich zu einer kompletten Suite auf. Streicher und Percussion treiben die Musik, Stimmen schweben darüber und die SAP Arena wird für einige Minuten zum antiken Rom. Es ist einer dieser Momente, in denen deutlich wird, wie stark Zimmers Musik auch ohne Filmszenen funktioniert. Die Bilder sind längst im Kopf gespeichert.

Lebo M bringt den „König der Löwen“ nach Mannheim

Bei „The Lion King“ steht plötzlich jene Stimme im Mittelpunkt, die seit 1994 untrennbar mit dem Film verbunden ist. Lebo M gehört auf dieser Tour zum Ensemble und bringt die markanten afrikanischen Vocals von „Circle of Life“ live nach Mannheim. Der Chor setzt ein, die Bühne füllt sich klanglich bis in die letzten Winkel und aus einem bekannten Disney-Thema entsteht einer der emotionalsten Momente des ersten Teils. Auch Gitarrist Mike Einziger von Incubus gehört bei dieser Tour zu Zimmers prominenten musikalischen Mitstreitern.

Direkt danach geht es auf hohe See. Die Musik aus „Pirates of the Caribbean“ verändert die Stimmung vollständig. Streicher werden hektischer, Percussion treibt nach vorne und spätestens bei „He’s a Pirate“ wirkt die SAP Arena eher wie ein Rockkonzert mit Sinfonieorchester als wie ein klassischer Filmmusikabend.

Standing Ovations gibt es bereits vor der Pause.

E-Gitarren treffen auf Orchester und Elektronik

Im zweiten Teil wird die Produktion dunkler. „True Romance“ und „Rain Man“ erinnern zunächst an frühere Stationen seiner Karriere, danach rückt der moderne Zimmer-Sound stärker nach vorne. „Man of Steel“, „The Thin Red Line“ und Musik aus „The Amazing Spider-Man 2“ verbinden elektronische Flächen mit massiven Gitarren und Orchester.

Besonders die Welt von „The Dark Knight“ zeigt, wie weit Zimmer klassische Filmmusik geöffnet hat. Tiefe Klangflächen, harte Rhythmen und verzerrte Gitarren erzeugen eine bedrohliche Atmosphäre, die mit einem traditionellen Sinfoniekonzert kaum noch etwas gemein hat. Zimmer dirigiert nicht im klassischen Sinn von einem Podest. Er sitzt bei seinen Musikern, steht wieder auf, greift selbst zum Instrument und wirkt eher wie Bandleader einer ziemlich ungewöhnlichen Rockformation.

„Interstellar“ lässt die SAP Arena erzittern

Dann steht eine riesige Orgel im Mittelpunkt.

Mit der Suite aus „Interstellar“ erreicht der Abend seinen vielleicht eindrucksvollsten Abschnitt. „Day One“, „Cornfield Chase“, „Where We’re Going“, „No Time for Caution“ und „Stay“ wachsen aus leisen Motiven zu gewaltigen Klangflächen. Zimmer spielt selbst an der Orgel, während Streicher, Chor, Percussion und Band den Sound immer weiter verdichten. Der körperliche Druck dieser tiefen Töne ist in der Arena fast genauso präsent wie die Melodie.

Gerade hier funktioniert das Konzept vollkommen ohne Film. Kein Raumschiff muss über eine Leinwand fliegen. Die Musik übernimmt das selbst.

„Time“ braucht am Ende nur ein Klavier

Für die Zugabe führt Zimmer Mannheim noch einmal zurück zu „Inception“. „Dream Is Collapsing“ und „Mombasa“ bauen zunächst Druck auf, bevor die Show am Ende radikal kleiner wird.

„Time“.

Das Stück beginnt zurückhaltend, wächst langsam und nimmt das gesamte Ensemble mit. Doch ganz am Schluss bleibt davon fast nichts mehr übrig. Hans Zimmer sitzt allein am Klavier und spielt nur noch einzelne Töne. Nach all den Gitarren, dem Chor, der gewaltigen Orgel und rund 70 Musikern wirkt gerade diese Reduktion am stärksten. Die ausverkaufte SAP Arena antwortet mit Standing Ovations.

Hollywood war an diesem Abend weit weg.

Seine Bilder waren trotzdem überall.

Text & Foto © Boris Korpak | bokopictures
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