
Nena begeistert beim Gießener Kultursommer
Beitrag teilen
Der Schiffenberg war voll, lange bevor der erste große Nena-Hit erklang. Am Montagabend, 24. August 2026, trafen vor der historischen Kulisse des Klosters mehrere Generationen aufeinander: Fans, die schon in den Achtzigern dabei waren, standen neben deutlich jüngeren Konzertbesuchern. Das Open-Air-Konzert im Rahmen des Gießener Kultursommers war ausverkauft.
Und genau diese Mischung bestimmte den Abend. Erinnerungen spielten natürlich eine große Rolle, doch Nena lebte nicht von Nostalgie allein. Mit einer spielfreudigen Band, reichlich Bewegung auf der Bühne und einer Setlist zwischen Klassikern und jüngeren Songs entwickelte sich auf dem Schiffenberg ein Konzert, das immer wieder zwischen großen Mitsingmomenten und ruhigeren Passagen wechselte.
Maiva stimmt den Schiffenberg auf Nena ein
Den Auftakt übernahm Maiva. Während sich das Gelände weiter füllte und die letzten Besucher ihre Plätze suchten, lag über dem Schiffenberg zunächst noch jene entspannte Stimmung, die Open-Air-Abende an warmen Sommertagen so angenehm macht.
Maiva nutzte ihre Spielzeit, um das Publikum auf den Hauptact einzustimmen. Noch wurde nicht jede Zeile mitgesungen, noch war Luft vor der Bühne. Doch die Spannung wuchs spürbar. Jeder wusste, auf wen dieser Abend hinauslief.

Nena startet mit voller Energie
Als Nena schließlich mit ihrer Band die Bühne betrat, war die Zurückhaltung vorbei. Schon mit „Da Da Dam (Ich geb Dir mein Ja)“ und „Zurück in die Zukunft“ nahm das Konzert Fahrt auf. „Willst du mit mir gehn“ setzte anschließend einen ersten dieser Momente, bei denen der Text aus vielen Kehlen zurück zur Bühne kam.
Dann ging es tief hinein in die eigene Popgeschichte. „Haus der drei Sonnen“, „Nur geträumt“ und „Fragezeichen“ brauchten keine große Erklärung. Die ersten Takte genügten.
Gerade „Nur geträumt“ zeigte, wie wenig manche Songs gealtert sind. Kein musealer Achtziger-Rückblick, sondern ein Stück, das live noch immer erstaunlich direkt funktioniert. Vor der Kulisse des Klosters bekam diese Reise durch mehr als vier Jahrzehnte Nena eine ganz eigene Atmosphäre.

Klassiker treffen auf jüngere Nena-Songs
Bei einem solchen Konzert könnten die großen Hits problemlos alles überstrahlen. Nena ließ es gar nicht erst so weit kommen. „Liebe ist“, „Weißes Schiff“, „Lichtarbeiter“, „Alles ist gut“ und „In meinem Leben“ verschoben den Blick immer wieder weg von den Achtzigern und hinein in andere Phasen ihrer Karriere.
Das tat dem Set gut. Statt Hit auf Hit abzuhaken, bekam der Abend Luft. Ruhigere Passagen standen neben druckvolleren Nummern, persönliche Songs neben Stücken, deren Refrains längst deutsches Pop-Allgemeingut geworden sind.
Mit „Du kennst die Liebe nicht“, „Rette mich“ und „Ich häng an dir“ rückte das Publikum wieder stärker in den Mittelpunkt. Viele sangen praktisch jede Zeile mit. Vorne wurde getanzt, weiter hinten gingen immer wieder Arme nach oben.
Wunder geschehen auf dem Schiffenberg
„Auf einmal warst du da“ führte in einen besonders emotionalen Teil des Abends. Kurz darauf folgte „Wunder geschehen“. Ein Song, der live kaum große Effekte braucht.
Die Stimmen vor der Bühne übernahmen einen Teil der Arbeit. Für einige Minuten wurde es auf dem ausverkauften Gelände beinahe feierlich, bevor „Leuchtturm“ die Stimmung wieder öffnete. Nena bewegte sich dabei mit einer Selbstverständlichkeit über die Bühne, die wenig mit einem routinierten Abspielen alter Erfolge zu tun hatte.
Das war einer der stärksten Punkte dieses Abends: Die bekannten Songs wirkten nicht wie Pflichtprogramm.
99 Luftballons werden zum riesigen Chor
Dann kamen diese Töne.
Bei „99 Luftballons“ musste niemand erst erkennen, was gespielt wurde. Der Song war sofort da und mit ihm tausende Erinnerungen. Vor der Bühne sangen Menschen mit, die den Titel 1983 auf Schallplatte erlebt haben dürften, neben Konzertbesuchern, die Jahrzehnte später geboren wurden.
Genau darin liegt bis heute die Wucht dieses Liedes. „99 Luftballons“ funktioniert als Pop-Hit, als gemeinsamer Erinnerungsmoment und durch seine Geschichte weiterhin als Song über Eskalation, Krieg und die Absurdität militärischer Logik. Auf dem Schiffenberg wurde daraus vor allem eines: ein gewaltiger Chor.
Die Zugabe bringt noch einmal die großen Songs
Nach dem regulären Set war an Aufbruch nicht zu denken. Das Publikum forderte mehr, Nena und ihre Band kamen zurück.
Mit „Zimmer“ begann die Zugabe zunächst etwas zurückhaltender, bevor „Irgendwie, irgendwo, irgendwann“ praktisch das gesamte Gelände wieder in Bewegung setzte. Ein Refrain, bei dem kaum noch unterschieden werden konnte, was von der Bühne und was aus dem Publikum kam.
Auch „Es wird schon weitergehen“ gehörte zum letzten Abschnitt des Abends. Und mit „Alles neu“ rückte noch einmal ein jüngerer Titel in den Mittelpunkt. Gerade solche Momente verhinderten, dass das Konzert zu einer reinen Greatest-Hits-Show wurde.
Mehrere Generationen feiern gemeinsam Nena
Wer sich während des Konzerts auf dem Schiffenberg umsah, bekam ein ziemlich klares Bild davon, wie weit diese Musik mittlerweile reicht. Da standen Eltern mit erwachsenen Kindern, langjährige Nena-Fans neben Besuchern, die viele der frühen Songs vermutlich erst Jahre nach ihrer Veröffentlichung kennengelernt haben.
Natürlich dominieren am Ende die Klassiker die Erinnerung. „Nur geträumt“, „Leuchtturm“, „Wunder geschehen“, „99 Luftballons“ und „Irgendwie, irgendwo, irgendwann“ besitzen live eine Wucht, die sich kaum umgehen lässt. Aber gerade weil Nena dazwischen andere Kapitel ihrer Karriere setzte, blieb der Abend lebendig.
Keine reine Achtziger-Party. Das wäre zu einfach gewesen.

Gießener Kultursommer nach schwierigem Auftakt wieder im Takt
Für den Gießener Kultursommer hatte dieser Abend noch eine zweite Ebene. Nur fünf Tage zuvor mussten die Schiffenberg Classics wegen eines Unwetters nach rund 50 Minuten abgebrochen werden. Inzwischen steht der Nachholtermin fest: Das Konzert soll am 1. September vollständig wiederholt werden.
Bei Nena konnte dagegen bis zum letzten Song gefeiert werden. Historisches Gemäuer, ein volles Gelände und eine Künstlerin, deren Songs längst mit den Biografien mehrerer Generationen verbunden sind: Viel mehr brauchte dieser Montagabend nicht.
Als die letzten Töne verklungen waren, blieb auf dem Schiffenberg vor allem dieses Bild hängen. Tausende Stimmen. Viele Erinnerungen. Und irgendwann, irgendwo, irgendwann eben doch wieder ein Nena-Song.
Setlist Nena
Da Da Dam (Ich geb Dir mein Ja) · Zurück in die Zukunft · Willst du mit mir gehn · Haus der drei Sonnen · Nur geträumt · Fragezeichen · Liebe ist · Weißes Schiff · Lichtarbeiter · Alles ist gut · In meinem Leben · Du kennst die Liebe nicht · Rette mich · Ich häng an dir · Auf einmal warst du da · Wunder geschehen · Leuchtturm · 99 Luftballons
Zugabe: Zimmer · Irgendwie, irgendwo, irgendwann · Es wird schon weitergehen · Alles neu
Text & Foto © by Jan Heesch













