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Das Schlagzeug kam von oben. Bertram Engel wurde samt Drumkit von der Hallendecke heruntergelassen, während sich unten eine Bühne durch die Mitte der komplett gefüllten SAP Arena zog. Schon dieses Bild machte am 23. Januar 2015 klar, dass Peter Maffay in Mannheim keine gewöhnliche Tourproduktion aufgebaut hatte. Dank des 360-Grad-Konzepts saßen und standen die 11.000 Besucher tatsächlich rund um die Bühne, selbst hinter der eigentlichen Spielfläche. Und irgendwo mittendrin Peter Maffay, damals 65 Jahre alt und an diesem Abend permanent unterwegs.
Für mich war das mit der Kamera zunächst fast ungewohnt. Maffay konnte links auftauchen, Sekunden später auf dem Catwalk verschwinden und an einer völlig anderen Stelle wieder vor den Fans stehen. Große Screens halfen den hinteren Rängen, vorne brauchte man sie kaum. Dort sah man sein Grinsen, die Gitarre, die Schweißperlen und diese erstaunliche Energie direkt vor sich. Drei Stunden später sollte davon kaum weniger übrig sein.
Mit „Niemals war es besser“ ging es los, und damit stellte Maffay gleich zu Beginn klar, dass seine aktuelle Platte kein kurzer Pflichtblock zwischen alten Hits werden würde. „Wenn das so ist“ war 2014 sein bereits 16. Nummer-eins-Album in Deutschland geworden. In Mannheim nahm sich die Band deshalb zunächst ausgiebig Zeit für das neue Material. „Wenn der Himmel weint“, „Wer liebt“, „Wildnis“, „Schwarze Linien“, „Sie bleibt“, „Gelobtes Land“ und der Titelsong gehörten zu diesem ersten großen Teil des Abends.
Das hätte bei einem Künstler mit mehr als vier Jahrzehnten Karriere riskant sein können. 11.000 Menschen kennen schließlich genügend alte Songs, auf die sie warten. Aber die Stimmung sackte nicht ab. Maffay lief über den weit in die Arena reichenden Bühnenaufbau, suchte immer wieder die Nähe zu den Fans und ließ seiner Band reichlich Platz. Carl Carlton und Peter Keller an den Gitarren, Pascal Kravetz, Ken Taylor und Bertram Engel spielten so druckvoll, dass das neue Material live deutlich mehr Kante bekam.
Nach all dem Rock’n’Roll kam ein Moment, der die Arena für ein paar Minuten in eine andere Stimmung versetzte. Während „Halleluja“ lief, erschien auf den großen Bildschirmen der Schriftzug „Je suis Charlie“. Die Anschläge von Paris lagen gerade einmal gut zwei Wochen zurück. Maffay sprach über religiösen und politischen Extremismus und machte deutlich, dass er diese Bühne auch nach Jahrzehnten nicht ausschließlich für Unterhaltung nutzen wollte.
Das wirkte nicht wie ein hastig eingebautes Statement. Politik und gesellschaftliche Haltung gehören seit Langem zu Maffays öffentlichem Auftreten. Im Anschluss übernahm Saxofonist Everette Harp, dessen Solo dem ohnehin langen Stück einen starken Abschluss gab. Danach brauchte die SAP Arena einen Augenblick, bevor der Abend wieder Fahrt aufnahm.
Und die kam. Sogar auf zwei Rädern.
Zu Motorengeräuschen rollte Maffay mit einem BMX-Rad über die Bühne und leitete damit einen völlig anderen Konzertteil ein. Jetzt ging es um die musikalischen Wurzeln der Band. Die Musiker verteilten sich im Rund und spielten Songs, die sie selbst geprägt hatten. The Beatles, Elvis Presley, The Rolling Stones, Neil Young und Route 66 tauchten zwischen Maffays eigenem Material auf, teilweise akustisch und bewusst reduziert.
Gerade dieser Abschnitt gefiel mir, weil die riesige Produktion plötzlich kleiner wurde. Mehrere Musiker saßen oder standen zusammen, spielten miteinander und ließen für einen Moment vergessen, dass rundherum 11.000 Menschen zusahen. „Here Comes the Sun“, „Love Me Tender“, „Angie“ oder „Heart of Gold“ wurden nicht als originalgetreue Cover behandelt, sondern in den Sound dieses Abends gezogen. Dazwischen kamen eigene Stücke wie „Alter Mann“, „Leben so wie ich es mag“ und das in Mannheim besonders laut gefeierte „Weil es dich gibt“.
Im letzten Teil bekam das Publikum schließlich jene Songs, bei denen schon wenige Töne genügten. „Josie“ sang Maffay gemeinsam mit Linda Teodosiu, danach rückten die großen Klassiker immer näher. Besonders schön: Für einen Teil der Setlist konnten die Fans der jeweiligen Stadt mitbestimmen. In Mannheim landete „Und es war Sommer“erstmals in dieser Auswahl, gefolgt vom ebenfalls eher überraschenden „Tiefer“.
Spätestens jetzt stand kaum noch jemand emotionslos herum. Diese Songs tragen für viele Menschen Jahrzehnte an Erinnerungen mit sich. Maffay musste bei „Und es war Sommer“ manche Zeilen kaum allein stemmen, der Chor aus der Arena kam zuverlässig zurück. Beim Blick durch die Kamera sah ich nicht nur Fans, die mitsangen. Da standen Menschen, die mit dieser Musik offensichtlich einen beträchtlichen Teil ihres Lebens verbinden.
Nach fast drei Stunden kam „Über sieben Brücken mußt Du gehn“. Einer dieser Songs, bei denen sich die Frage erledigt, wer auf der Bühne eigentlich gerade lauter ist. Maffay sang, die Arena antwortete und aus dem 360-Grad-Aufbau wurde genau das, wofür er gedacht war: Überall Menschen, überall Hände, überall Stimmen. Als Zugabe setzte „Sonne in der Nacht“ noch einmal den kräftigen Schlusspunkt.
Dann blieb Maffay noch auf den Laufstegen, ging einmal durch sein Rund und bedankte sich bei den Fans. Kein schneller Abgang. Nach rund drei Stunden wirkte er immer noch erstaunlich präsent, fast so, als könnte problemlos noch ein Song kommen.
Es sollte sogar noch ein ganzes Konzert kommen. Die Nachfrage war so groß, dass Peter Maffay bereits am 29. Mai 2015 für eine Zusatzshow in die SAP Arena zurückkehrte.
An diesem Januarabend wusste man ziemlich genau, warum.
Text & Foto © Boris Korpak | bokopicturesSie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von Facebook. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.
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