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»Wie sollen wir das denn vermarkten?«
1996 steht Reinhold Heil vor den Büros von Sony Music in Frankfurt, in der Hand eine DAT-Kassette seines ersten Soloalbums „The Electric Heidiland“. Gleich wird er es erstmals einer A&R Managerin vorspielen, die er aus der Zeit kennt, als Sony Music noch CBS hieß und Heil einer der erfolgreichsten Musiker und Produzenten des Labels war. Doch inzwischen sind fast zehn Jahre vergangen, in denen er keine eigene Musik mehr veröffentlicht hat. Was zählt es, dass er mal Teil der Nina Hagen Band war, mit Spliff drei Top Ten Alben eingespielt, mit „Carbonara“ einen der größten Hits der NDW geschrieben und Nenas weltweiten Hit „99 Luftballons“ produziert hat? Mit weichen Knien legt er das Album auf. Elf unterschiedliche Stücke, englischsprachig, elektronisch, laid back, ein Lied nutzt ein Ping Pong Spiel als Rhythmusbasis, es wird gesprochen, gerappt, es ist funky, experimentell, doch auch poppig – eine musikalische Wundertüte. Die A&R Managerin dreht sich zu Heil um und stellt die Frage, die das Projekt für die nächsten dreißig Jahre für beendet erklärt: »Wie sollen wir das denn vermarkten?«
Der erste Impuls damals war: Dafür seid ihr doch da! »Doch das war die falsche Antwort«, sagt Reinhold Heil heute: »ein Künstler muss sich selbst vermarkten, seine eigene Haut, seine Identität – oder er muss eine neue Identität erfinden, eine Persona. Das ist ein ganz wichtiges Marketingmittel für Erfolg im Musikgeschäft. Und wenn sich einer noch keine Gedanken darüber gemacht hat, wer er ist oder wer er sein möchte, dann hat die Plattenfirma damit Schwierigkeiten.« Zum Nachdenken über eine Strategie, ein Image kam Heil damals jedoch gar nicht mehr. Ein anderes Leben hatte ihn inzwischen eingeholt, eine amerikanische Freundin, die ihn heiraten, die mit ihm nach Amerika wollte, sein Freund Johnny Klimek, der ihn dem Regisseur Tom Tykwer vorstellte, und mit denen er schon bald am Soundtrack eines der erfolgreichsten deutschen Filme der Neunziger Jahre saß: „Lola rennt“. »Und somit war das Thema mehr oder weniger vom Tisch.«
Doch nochmal zurück ins Jahr 1991, als Heil beginnt, die ersten Ideen zu seinem ersten Soloalbum zu skizzieren. Seine Freundin Rosa Precht ist gerade mit 38 Jahren viel zu früh an Krebs verstorben, und Heil steuert in der nun viel zu stillen Schöneberger Dachwohnung in eine Phase, in der er mit Regisseuren und Schauspielern abhängt, am Schiller-Theater Musik für Katharina Thalbach macht, schließlich mit den Spliffern das gemeinsame Studio in Moabit verkauft und fast nur noch in seinem Homestudio, dem Electric Heidiland aufnimmt. Rosa Precht hatte er bereits Mitte der Siebziger kennen- und lieben gelernt und mit ihr parallel zu Spliff die Band Cosa Rosa gegründet, mit der sie drei Alben veröffentlichten. Seine Art mit der plötzlichen Leere umzugehen ist es, sich ausgiebig mit der Produktion der neuen Songs zu befassen, jedes Detail immer wieder zu perfektionieren. »Andere nehmen Drogen in so einer Situation, ich habe mich fünf Jahre in diesem Album versteckt.« Herausgekommen ist dabei kein Traueralbum, weil genau die Trauer kein Thema sein sollte. Es ist ein abenteuerlustiges Album geworden, Musique Concrète, wie die schon erwähnten Ping Pong Sounds, hatte es so im Popsong noch nicht oft gegeben. »Man hört mein Bedürfnis, etwas nie Dagewesenes zu erzeugen und doch bei den typisch melodiösen Neigungen der Popmusik zu bleiben.« Und wie soll man das nun dreißig Jahre später vermarkten? Der Künstler grinst.

Reinhold Heil
The Electric Heidiland
Label: Künstlerhafen
VÖ: 03.07.2026
Genre: Electropop
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