Santiano in Gießen beim Kultursommer 2024 auf dem Schiffenberg.

Santiano auf dem Schiffenberg: Feuer, Schaum und volle Kraft voraus

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Schon vor dem Eingang zieht sich eine lange Schlange über den Schiffenberg. Die Sicherheitskontrollen dauern an diesem Samstagabend länger als üblich, der Konzertbeginn wird deshalb um rund 15 Minuten verschoben. Drinnen warten bereits die historischen Klostermauern, Getränkestände und ein Stand der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger. Am 31. August 2024 machen Santiano in Gießen zum zweiten Mal beim Gießener Kultursommer fest. Eine Vorband gibt es nicht. Um 20.15 Uhr gehört die Bühne direkt den Männern aus dem hohen Norden.

Und die kommen nicht leise.

Ein Knall, Pyro, dann „Es klingt nach Freiheit“. Noch während sich die ersten Rauchschwaden über der Bühne verziehen, setzen Santiano mit „Gott muss ein Seemann sein“ nach. Flamejets schießen vor den Musikern in die Höhe, am Ende rieseln Funken nach unten. Wer weiter vorne steht, spürt die Hitze im Gesicht. Von beschaulicher Shanty-Romantik ist zu diesem Zeitpunkt wenig übrig.

„Doggerland“ trifft auf die großen Santiano-Klassiker

Das damals aktuelle Album bekommt früh seinen Platz. Nach „Salz auf unserer Haut“ folgt der Titelsong „Doggerland“, anschließend „Zu alt um jung zu sterben“. Das Album war im Oktober 2023 direkt auf Platz eins der deutschen Albumcharts eingestiegen. Für Santiano bedeutete das damals das achte Nummer-eins-Album in Folge.

Auf dem Schiffenberg interessiert an diesem Abend allerdings weniger die Statistik als das, was vor der Bühne passiert.

Viele Refrains sitzen sofort. Arme gehen hoch, hier und da wird geschunkelt, bei den schnelleren Nummern deutlich energischer getanzt. Das Publikum ist generationsübergreifend. Zwischen Kutten und Santiano-Shirts stehen Familien, ältere Fans neben Jugendlichen. Genau diese Mischung gehört inzwischen zum Bild bei der Band.

„Land of Green“, „Nichts als Horizonte“ und „Kinder des Kolumbus“ halten das Tempo hoch. Die Bühne bleibt dabei vergleichsweise geradlinig aufgebaut, doch Licht, Feuer und die großen mehrstimmigen Refrains geben den Songs genügend Größe.

Bei „Wenn die Kälte kommt“ schneit es im August

Dann wird es mitten im Hochsommer plötzlich winterlich.

Vor „Wenn die Kälte kommt“ erinnert die Band an den Polarforscher und Abenteurer Arved Fuchs. Kurz darauf feuern große Schaumkanonen in Richtung Publikum. Weiße Flocken schweben durch die Luft, bleiben in Haaren und auf Shirts hängen. Ende August. Auf dem Schiffenberg. Ein ziemlich absurdes Bild, aber eines, das hängen bleibt.

Santiano nutzen die Ansage zugleich für ein Thema, das ihnen seit Jahren wichtig ist: den Schutz der Meere. Später wird der Abend noch politischer. „Am Ende des Tages“ verbinden die Musiker mit einem Bekenntnis zur Demokratie, „Angekommen“ widmen sie den anwesenden Seenotrettern. Santiano engagieren sich als ehrenamtliche Botschafter für die DGzRS.

Das wirkt nicht wie ein langer Vortrag zwischen zwei Songs. Ein paar klare Worte, Beifall aus dem Publikum, weiter.

Zwischen Balladen, Shantys und hochgereckten Armen

Fast zwei Stunden lang wechseln die Stimmungen erstaunlich schnell. „Lieder der Freiheit“ und „Könnt ihr mich hören“ funktionieren als große Mitsingnummern, „Seine Geschichte“ nimmt etwas Druck heraus. Danach sorgen „Hooray for Whiskey“ und „Sieben Jahre“ wieder für Bewegung.

Gerade darin liegt live die Stärke von Santiano. Die Band kann im einen Moment beinahe melancholisch klingen und wenige Minuten später einen Refrain anwerfen, der mehr nach Hafenkneipe als nach stiller Konzertandacht klingt.

Bei „Es gibt nur Wasser“ ist das Mitsingen ohnehin Pflicht. Man hört den Refrain aus allen Richtungen. Einige Zuschauer haben längst die Arme umeinandergelegt, andere halten den Bierbecher hoch. Vorne leuchten immer wieder Smartphones auf, hinter der Bühne zeichnen sich die Mauern des alten Klosters dunkel gegen den Nachthimmel ab.

„Santiano“ und „Hoch im Norden“ für die letzten Seemeilen

Für den letzten Abschnitt bleiben noch einige sichere Treffer.

„Bully in the Alley“ bringt Material von „Doggerland“ zurück, danach folgen „Mädchen von Haithabu“, der namensgebende Song „Santiano“ und „Diggy Liggy Lo“. Die komplette Gießener Setlist umfasste 25 Titel und mischte das aktuelle Album konsequent mit älteren Stücken.

Der letzte Song heißt schließlich „Hoch im Norden“.

Noch einmal gehen die Hände hoch. Noch einmal diese kräftigen Chöre, mit denen Santiano selbst einen mittelhessischen Klosterhof für ein paar Minuten irgendwo an die Küste versetzen können. Dann ist Feierabend.

Der Schaum ist längst verschwunden, der Geruch der Pyrotechnik hängt noch leicht über dem Gelände. Vor den Ständen sammeln sich die ersten Besucher für den Weg zum Shuttlebus, andere bleiben vor der Bühne stehen. Meer gibt es auf dem Schiffenberg keines.

Text & Foto © Jan Heesch

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