Sascha Grammel am 4. September 2014 mit seinen Puppen bei „Keine Anhung!“ im Rosengarten Mannheim

Sascha Grammel in Mannheim: Wenn Puppen das Kommando übernehmen

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Man schaut auf Sascha Grammel. Zumindest am Anfang. Irgendwann erwischt man sich dann dabei, wie der Blick ausschließlich an einem Geier, einer Schildkröte oder einem Hamburger mit Gurkenaugenbrauen hängt und man für ein paar Sekunden tatsächlich vergisst, dass hinter allen Stimmen derselbe Mann steckt. Genau das passierte am 4. September 2014 im Mozartsaal des Rosengartens, wo Sascha Grammel in Mannheim mit seinem zweiten großen Bühnenprogramm „Keine Anhung!“ Station machte. Der Termin gehörte zu einer ausgedehnten Tour mit fast 70 Shows allein im Jahr 2014; einen Abend zuvor spielte Grammel in Saarbrücken, am nächsten Tag ging es nach Offenburg weiter.

Für mich war das fotografisch ein völlig anderer Abend als ein Konzert. Kein Sänger, der plötzlich über die Bühne sprintet, keine Gitarrensoli, bei denen man auf den richtigen Moment wartet. Stattdessen musste ich auf Gesichter achten. Auf Saschas Gesicht, auf die Puppen und vor allem auf diese Sekunden, in denen er selbst scheinbar überrascht auf das reagierte, was Frederic oder Josie ihm gerade an den Kopf warfen. Natürlich wusste man, wer hier sämtliche Fäden in der Hand hielt. Trotzdem funktionierte die Illusion erstaunlich schnell.

Frederic Freiherr von Furchensumpf übernimmt das Kommando

Einer durfte selbstverständlich nicht fehlen: Frederic Freiherr von Furchensumpf. Der freche Vogel gehörte längst zu Grammels bekanntesten Figuren und bekam in „Keine Anhung!“ reichlich Gelegenheit, seinen menschlichen Partner vorzuführen. Grammel selbst spielte dabei oft den leicht überforderten Gegenpart, während Frederic scheinbar immer einen Spruch schneller war. Das Zusammenspiel war präzise, fühlte sich aber selten so an, als würde hier einfach ein auswendig gelerntes Programm heruntergespielt.

Genau darin liegt Grammels Stärke. Er versteckt die Technik nicht krampfhaft. Man sieht seine Hand, man sieht natürlich auch ihn selbst und weiß genau, woher die Stimme kommt. Nach wenigen Minuten ist das trotzdem nebensächlich. Frederic bekommt einen eigenen Charakter, eine Haltung und ein Timing, das ihn im Kopf vom Puppenspieler trennt. Im Mozartsaal funktionierte dieser Effekt bestens, denn die Reaktionen kamen schnell und laut zurück.

Josie sorgt zwischen den Gags für einen leisen Moment

Ganz anders Josie. Die Schildkrötendame war schon aus „Hetz mich nicht!“ bekannt, bekam in „Keine Anhung!“ aber eine deutlich emotionalere Seite. Liebeskummer, Einsamkeit und ihr Wunsch nach einem Freund sorgten dafür, dass die Show plötzlich einen Gang zurückschaltete. Mit „Willst du mein Freund sein?“ bekam Josie sogar ihren eigenen Song. Diese Mischung aus Albernheit und überraschend viel Gefühl gehörte bewusst zum Konzept des Programms.

Mir gefielen gerade diese Wechsel. Grammel musste nicht pausenlos die nächste Pointe hinterherschieben. Zwischen all den schrägen Stimmen und Figuren gab es Momente, in denen der Saal deutlich ruhiger wurde. Dann ein Blick von Josie, eine kleine Bemerkung, und wenige Sekunden später wurde wieder gelacht. Kitschig hätte das leicht werden können. Wurde es aber nicht.

Herr Schröder, Außer Rüdiger und ein ziemlich seltsames Huhn

Mit dem zweiten Programm war die Grammel-Familie deutlich gewachsen. Neben den bekannten Figuren tauchten Herr Schröder und Ursula aus dem Weltall auf, dazu die glubschäugige Sockenfigur Außer Rüdiger und ein türkisfarbenes Huhn, das schon optisch wenig Vertrauen erweckte. Auch Professor Doktor Peter Hacke, der Wissenschaftler mit Hamburger-Kopf, war wieder dabei und durfte seine ganz eigene Sicht auf wissenschaftliche Erkenntnisse präsentieren.

Gerade bei diesen Szenen zeigte sich, wie viel mehr Grammel macht als klassisches Bauchreden. Puppenspiel, Comedy, kleine Zaubertricks, Jonglage und kurze Filme griffen ineinander. Das Bühnenbild war bunt und bewusst verspielt, jede Figur bekam ihre eigene kleine Welt. Aber Grammel selbst blieb der ruhende Mittelpunkt. Mit seinem etwas verlegenen Grinsen wirkte er oft so, als habe er mit dem ganzen Chaos überhaupt nichts zu tun. Was natürlich Teil des Witzes war.

„Keine Anhung!“ funktioniert für mehrere Generationen

Im Publikum saßen nicht ausschließlich klassische Comedyfans. Kinder kamen mit Eltern oder Großeltern, daneben Paare und Erwachsene, die Grammel längst aus dem Fernsehen kannten. Genau diese ungewöhnlich breite Mischung wurde auch bei anderen Shows der damaligen Tour beobachtet. „Keine Anhung!“ setzte kaum auf politische Spitzen oder böse Provokation. Der Humor funktionierte über Figuren, Wortspiele, Situationskomik und die Beziehung zwischen Grammel und seinen Puppen.

Das klingt auf dem Papier harmloser, als es live wirkte. Denn Grammel hat ein ziemlich gutes Gefühl für Pausen. Manchmal reicht ein Blick zur Puppe, ein kurzes Schweigen und der Saal weiß längst, dass gleich etwas kommt. Diese Sekunden sind beim Fotografieren Gold wert. Das Gesicht verändert sich, Frederic dreht den Kopf, Sascha schaut irritiert zurück. Klick.

Dass „Keine Anhung!“ zu diesem Zeitpunkt längst ein enormer Erfolg war, überraschte deshalb kaum. Bereits wenige Monate nach Veröffentlichung hatte die DVD Platin erreicht, die Tour wurde wegen der großen Nachfrage verlängert. Am 4. September 2014 brauchte es im Rosengarten aber keine Verkaufszahlen, um zu sehen, warum das funktionierte. Nach einer Weile sprach Sascha Grammel eigentlich nur noch die Hälfte der Zeit.

Den Rest erledigten Frederic, Josie, Peter Hacke und diese ziemlich verrückte Puppenfamilie.

Text & Foto © Boris Korpak | bokopictures
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