
Vom Geist der Weihnacht in Mannheim: Dickens wird lebendig
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Schon im Foyer fühlte sich die SAP Arena an diesem Freitagabend anders an als sonst. Statt Eishockey, Rockkonzert oder großer Popshow lag Weihnachtsstimmung in der Luft, kleine Stände erinnerten an einen Weihnachtsmarkt und sogar Lebkuchenduft gehörte zur Inszenierung. Am 19. Dezember 2014 feierte „Vom Geist der Weihnacht“ seine erste von fünf Mannheimer Vorstellungen und verwandelte die große Arena für wenige Tage in ein Theater. Rund 2.000 Besucher erlebten den Auftakt mit Jeanette Biedermann, Felix Martin und Mathias Schlung.
Auch für mich war das hinter der Kamera ein völlig anderer Termin. Wo sonst große Bühnen, breite Laufstege oder Konzertlicht bestimmen, welches Motiv als Nächstes kommt, erzählten hier Gesichter und Kostüme die Geschichte. Felix Martin als Ebenezer Scrooge, Jeanette Biedermann als Engel der Weihnacht und Mathias Schlung als Jacob Marley boten drei vollkommen unterschiedliche Figuren. Gerade diese Kontraste waren spannend: der verhärtete Scrooge, der schräge Geist Marley und dazwischen der fast schwerelos wirkende Engel.
Die SAP Arena wird für drei Tage zum Theater
Von ihrer üblichen Größe war im Innenraum überraschend wenig zu spüren. Für die Produktion wurde die Bühne weit nach vorne versetzt, große Vorhänge trennten Teile der Arena ab und aus der Mehrzweckhalle entstand ein deutlich kompakterer Theaterraum. Riesige LED-Flächen erweiterten das Bühnenbild und ließen das London des 19. Jahrhunderts entstehen. Häuserfassaden, Straßen, winterliche Bilder und Schnee wechselten sich ab, ohne dass für jede Szene eine komplette Kulisse über die Bühne geschoben werden musste.
Das funktionierte. Gerade durch die verkleinerte Arena rückten Darsteller und Publikum näher zusammen, was der Geschichte guttat. „Vom Geist der Weihnacht“ braucht keine Distanz. Charles Dickens erzählt schließlich keine spektakuläre Heldengeschichte, sondern die Wandlung eines verbitterten Mannes, der sich selbst und die Menschen um ihn herum längst aus den Augen verloren hat.
Und genau dieser Mann betrat bald die Bühne.
Felix Martin gibt einen herrlich unangenehmen Scrooge
Felix Martin als Ebenezer Scrooge machte es einem zunächst ziemlich leicht, seine Figur nicht zu mögen. Zylinder, dunkler Mantel, abweisende Haltung und dieses Gesicht, das schon beim Betreten einer Szene signalisierte: Weihnachten kann ihm gestohlen bleiben. Martin spielte Scrooge nicht als niedlichen alten Grantler, sondern als Mann, dessen Geiz und Kälte längst sein komplettes Leben bestimmen.
Dann tauchte Mathias Schlung als Jacob Marley auf. Weißes Gesicht, heruntergekommene Kleidung, Fesseln und eine ordentliche Portion Humor machten aus dem verstorbenen Geschäftspartner keine reine Schreckfigur. Marley soll Scrooge vor jenem Schicksal bewahren, das ihn selbst nach seinem Tod nicht zur Ruhe kommen lässt. Gerade Schlung brachte immer wieder Leichtigkeit in die Geschichte und setzte einen schönen Gegenpol zu Martins finsterem Scrooge. Die drei Hauptrollen waren für die erste Arena-Tour des Musicals 2014 mit Martin, Schlung und Jeanette Biedermann besetzt.
Beim Fotografieren waren solche Szenen dankbar. Scrooge steht steif und verschlossen, Marley kommt wesentlich größer und verspielter daher. Zwei Bilder, zwei völlig verschiedene Energien. Und dann erschien der Engel.
Jeanette Biedermann wird zum Engel der Weihnacht
Jeanette Biedermann war 2014 erstmals Teil dieser Produktion und übernahm die Rolle des Engels der Weihnacht. Weißes Kostüm, große Flügel und eine Figur, die Scrooge durch Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft führt. Visuell war ihr Auftritt natürlich einer der auffälligsten Momente des Abends. Wenn sie im Licht auf der Bühne stand, bekam die ohnehin märchenhafte Produktion noch einmal eine andere Farbe.
Für Biedermann war die Rolle zugleich ihre erste große Musicalaufgabe dieser Art. Bereits Ende November hatte sie beim Mannheimer Weihnachtsmarkt einen Vorgeschmack auf die Produktion gegeben, nun stand sie mit dem gesamten Ensemble in der SAP Arena. Gesang und Schauspiel mussten dabei zusammenpassen, denn der Engel ist keine bloße Dekoration der Geschichte. Er zwingt Scrooge dazu, hinzusehen.
Und genau darin steckt bis heute die Stärke von Dickens’ Geschichte. Scrooge bekommt keine einfache Moralpredigt. Er sieht, was aus ihm geworden ist. Er begegnet seiner Vergangenheit, erlebt die Gegenwart anderer Menschen und muss schließlich erkennen, wohin sein eigener Weg führt, wenn er nichts verändert.
Weihnachten zwischen großen Bildern und kleinen Momenten
Die Produktion setzte auf große visuelle Bilder, doch besonders hängen blieben mir die kleineren Szenen. Kinder auf der Bühne, die Begegnungen innerhalb der Familie Cratchit, Scrooges Reaktionen und jene Momente, in denen aus dem kalten Geschäftsmann langsam ein anderer Mensch wurde. Da musste keine LED-Wand beweisen, wie groß die SAP Arena ist. Ein Blick reichte manchmal.
Natürlich durfte am Ende auch das große Weihnachtsbild nicht fehlen. Aus dem düsteren London wurde eine wärmere Welt, die Figuren rückten zusammen und Scrooge begriff endlich, was ihm sein Geld nie geben konnte. Das klingt kitschig. Ist es stellenweise auch. Aber wenige Tage vor Heiligabend darf eine Weihnachtsgeschichte genau das sein.
Für Mannheim war der 19. Dezember erst der Anfang. Bis zum 21. Dezember standen insgesamt fünf Vorstellungenauf dem Programm, bevor die Arena-Tour zum Abschluss nach Köln weiterzog. Am Samstagabend feierte die SAP Arena mit einer dieser Aufführungen zugleich ihre 1.000. Veranstaltung seit der Eröffnung.
An diesem ersten Abend interessierten mich solche Zahlen noch wenig. Vor meiner Kamera standen Scrooge, Marley, der Engel und ein Ensemble, das aus einer Eishockeyarena für ein paar Stunden das London von Charles Dickens machte.
Draußen Mannheim. Drinnen Weihnachten.
Text & Foto © Boris Korpak | bokopictures













