
Von Wegen Lisbeth in Mannheim: Alltagspoesie im Reitstadion
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Von Wegen Lisbeth in Mannheim, ein warmer Spätsommerabend, ein ungewohnt bestuhltes MVV-Reitstadion und endlich wieder dieses Gefühl, dass gleich eine Band auf die Bühne kommt. Am 26. August 2021 ging das 5. Zeltfestival Rhein-Neckar in seine zweite Runde. Nach Mighty Oaks am Vorabend gehörte der Donnerstag zunächst BLOND aus Chemnitz und später den fünf Berlinern von Von Wegen Lisbeth.
Das Festival sah in diesem Jahr anders aus. Kein Palastzelt, kein dicht gedrängtes Publikum. Stattdessen Open Air, feste Sitzplätze und deutlich mehr Abstand, als man es von einem Indie-Konzert gewohnt war.
Aber sobald die ersten Töne über das Reitstadion gingen, rückte das ziemlich schnell in den Hintergrund.
BLOND bringen das Reitstadion auf Temperatur
Den Anfang machten BLOND. Nina und Lotta Kummer sowie Johann Bonitz brauchten nicht lange, um klarzustellen, dass sie nicht als höfliche Hintergrundmusik für den frühen Abend angereist waren.
Die Chemnitzer spielten direkt, laut und mit genau jener Mischung aus Indie-Pop, Selbstironie und kontrolliertem Chaos, die zu ihnen gehört. Lotta Kummer arbeitete hinter dem Schlagzeug, Nina Kummer stand vorne mit Gitarre und Mikrofon, Johann Bonitz lieferte Bass und Synthesizer. Das Publikum, anfangs noch etwas verteilt und abwartend, wurde zunehmend lockerer.
BLOND passten hierher.
Die Band hatte Von Wegen Lisbeth schon zuvor auf Tour begleitet. Entsprechend wirkte dieser Supportslot weniger wie eine zufällige Zusammenstellung und mehr wie der erste Teil eines gemeinsamen Indie-Abends. Songs vom Debütalbum „Martini Sprite“ trafen auf trockene Ansagen und eine Band, die sichtbar Spaß daran hatte, wieder vor Menschen zu spielen.
Nach den langen Monaten ohne normale Konzerte war genau das spürbar. Auf der Bühne. Und davor.
Von Wegen Lisbeth brauchen nur wenige Minuten
Als Von Wegen Lisbeth schließlich übernehmen, verändert sich die Stimmung noch einmal.
Matthias Rohde steht am Mikrofon, die Band setzt ein und plötzlich ist da dieser typische Lisbeth-Sound: ein bisschen schräg, sofort eingängig und immer gerade weit genug vom gewöhnlichen Deutschpop entfernt. Die ersten Köpfe wippen. Menschen stehen von ihren Plätzen auf. Texte werden mitgesungen.
Das bestuhlte Reitstadion fühlt sich für ein paar Minuten deutlich weniger bestuhlt an.
Von Wegen Lisbeth erzählen in ihren Songs von Dingen, an denen andere achtlos vorbeigehen. Lieferdienste. WLAN. Bahnhöfe. Kneipen. Dating-Apps. Irgendwelche kleinen Situationen, die zunächst vollkommen belanglos wirken und dann doch ziemlich genau beschreiben, wie sich Alltag anfühlt.
Das funktioniert auf Platte. Live funktioniert es noch besser.
Denn plötzlich singen Hunderte Menschen gemeinsam über Dinge, die eigentlich viel zu banal für einen großen Konzertrefrain sein müssten.
Zwischen Synthesizern, Gitarren und ziemlich viel Alltag
Musikalisch passiert dabei ständig etwas.
Ein Synthesizer schiebt sich nach vorne, Gitarren setzen ein, Percussion klappert irgendwo dazwischen. Von Wegen Lisbeth bauen ihren Indie-Pop nicht nach einem sauberen Lehrbuch. Gerade deshalb bleibt man hängen.
Und Matthias Rohde?
Der wirkt auf der Bühne angenehm uneitel. Keine großen Rockstar-Posen, kein künstlich aufgepumpter Pathos zwischen den Songs. Stattdessen diese leicht trockene Art, die perfekt zu den Texten passt.
Wenn bekannte Stücke wie „Wieso“ oder „Lieferandomann“ ihren Weg ins Publikum finden, braucht es ohnehin keine langen Ansagen. Die Reaktionen kommen sofort. Hier wird mitgesungen, dort getanzt, ein paar Reihen weiter sitzen Besucher noch immer in ihren Stühlen und bewegen wenigstens die Füße.
Mehr und mehr wird aus dem ungewöhnlichen Festivalaufbau ein richtiges Konzert.
Neue Songs treffen auf bekannte Lisbeth-Momente
Die Band war im Sommer 2021 längst nicht mehr nur mit Material ihrer ersten beiden Alben unterwegs. Mit „L.OST“ und „Portugal (Autoteile auf der Fahrbahn)“ waren bereits neue Songs erschienen. Am Tag nach dem Mannheimer Konzert sollte mit „Momo“ gleich der nächste folgen.
Das hört man diesem Abend an.
Von Wegen Lisbeth wirken nicht wie eine Band, die ihre bekannten Nummern einfach noch einmal abspult. Neues Material steht neben Songs aus „Grande“ und dem herrlich sperrig betitelten zweiten Album „sweetlilly93@hotmail.com“. Manche Stücke zünden sofort, andere schleichen sich eher an.
Dann wieder diese Texte.
Mal lustig. Mal böse. Manchmal hört man erst einen halben Song lang scheinbar harmlose Beobachtungen und merkt plötzlich, dass da gerade ziemlich präzise über Beziehungen, Konsum oder digitale Gewohnheiten gesprochen wird.
Genau darin liegt die Stärke dieser Band.
Das Zeltfestival ist plötzlich wieder ein Festival
Draußen auf dem Maimarktgelände ist längst Abend geworden. Die Bühne leuchtet über dem Reitstadion, die Musik trägt weit über die Sitzreihen und von der anfänglichen Zurückhaltung ist nicht mehr besonders viel übrig.
Es wird geklatscht. Gesungen. Getanzt, soweit es das damalige Konzept eben zulässt.
Von Wegen Lisbeth brauchen dafür weder Feuerfontänen noch eine Show, die alle drei Minuten nach dem nächsten Effekt schreit. Ein paar seltsame Instrumente, gute Melodien und ein Text über vermeintlich vollkommen unwichtige Dinge reichen ihnen meistens.
Das 5. Zeltfestival Rhein-Neckar hatte erst am Vorabend begonnen. Mit Von Wegen Lisbeth fühlte es sich nun endgültig wieder nach Festival an.
Auch ohne Zelt.
Text & Foto © Boris Korpak | bokopictures













