
Corvus Corax in Mannheim: Dudelsäcke, Trommeln und pure Wucht
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Corvus Corax in Mannheim war am 6. März 2014 eines dieser Konzerte, bei denen man schon nach wenigen Augenblicken wusste, dass es an diesem Abend nicht leise werden würde. Die Berliner „Könige der Spielleute“ eröffneten in der Alten Seilerei Mannheim den nächsten Abschnitt ihrer „Gimlie“-Tour, nachdem die Konzertreise zuvor rund zwei Monate pausiert hatte. Einen Tag später ging es bereits nach Ingolstadt, anschließend weiter nach Duisburg, Magdeburg und Bischofswerda.
Für mich war das aber erst einmal ziemlich nebensächlich. Vor der Bühne zählten andere Dinge. Dudelsäcke, gewaltige Trommeln, Schalmeien und diese enorme körperliche Präsenz einer Band, die ihre Musik nicht einfach nur spielt, sondern regelrecht in den Raum schleudert. Gerade in der überschaubaren Alten Seilerei bekam man das ungefiltert ab. Beim Fotografieren stand ich nah genug dran, um die Anstrengung in den Gesichtern zu sehen, wenn die großen Säcke mit Luft gefüllt wurden und wenige Augenblicke später der nächste Klangstoß durch den Club ging.
Corvus Corax verwandeln die Alte Seilerei
Ein normales Rockkonzert war das ohnehin nicht. Gitarrenwände brauchte hier niemand. Stattdessen bestimmten Dudelsäcke, Schalmeien und wuchtiges Schlagwerk den Sound, und gerade die tiefen Trommeln hatten in der Alten Seilerei eine physische Wirkung. Der Bass kam nicht irgendwo aus einer riesigen PA-Anlage in einer Arena, sondern stand gefühlt direkt vor einem. Wenn mehrere Musiker gleichzeitig einsetzten, wurde aus dem vergleichsweise kleinen Club für einige Minuten eine ganz eigene Welt.
Das Spannende an Corvus Corax war dabei schon damals diese Mischung aus Ernsthaftigkeit und Spielfreude. Die Instrumente wirkten archaisch, die Musik griff jahrhundertealte Stoffe und Sprachen auf, trotzdem hatte das Ganze nichts von einer steifen historischen Vorführung. Im Gegenteil. Die Rhythmen drängten nach vorne, die Musiker bewegten sich ständig über die Bühne und zwischen den einzelnen Passagen entstand immer wieder diese raue, fast ausgelassene Energie, die bei Corvus Corax genauso wichtig ist wie die historischen Bezüge.
„Gimlie“ bringt nordische Mythen nach Mannheim
Im Mittelpunkt stand das damals aktuelle Album „Gimlie“, das am 14. November 2013 erschienen war. Nach „Sverker“ führte die Band ihre Beschäftigung mit nordischen Sagen weiter, diesmal allerdings mit einem anderen Blickwinkel: „Gimlie“ bezeichnet in der nordischen Mythologie das goldene Zeitalter nach Ragnarök. Geschichten um Beowulf und Grendel, die irische Prinzessin Deirdre sowie alte keltische und nordische Texte wurden dafür mit der typischen Corvus-Corax-Instrumentierung verbunden.
Genau diese Musik wirkte live wesentlich körperlicher als auf Platte. Bei „Gimlie“, „Derdriu“, „Grendel“, „Béowulf is mín nama“ oder „Crenaid Brain“ steckt viel in Melodien und vielschichtigen Arrangements, doch auf einer Bühne kommen die Trommeln dazu wie ein zweiter Herzschlag. Dazu diese Dudelsäcke. Laut, schneidend und manchmal fast brutal. Man konnte sich dem Klang in der Alten Seilerei kaum entziehen, und genau das machte für mich den Reiz aus.
Eine besondere Nummer auf dem Album war „Twilight of the Thunder God“. Zum ersten Mal hatten Corvus Corax einen Song einer Metalband gecovert und den Amon-Amarth-Klassiker komplett in ihre eigene Klangsprache übersetzt. Gitarren wurden durch Dudelsäcke ersetzt, aus Melodic Death Metal wurde eine archaische Mittelalter-Version mit mächtigem Schlagwerk. Die Livepremiere hatte die Band bereits 2013 beim Wacken Open Air gespielt.
Große Instrumente, kleine Distanz
Was mir bei diesem Abend besonders gefiel, war die fehlende Distanz. Corvus Corax sind visuell ohnehin eine dankbare Band: große Instrumente, markante Kleidung, ständig wechselnde Positionen und Musiker, die nicht einfach an einem festen Punkt stehen bleiben. In der Alten Seilerei war all das wenige Meter entfernt. Als Fotograf musste ich nicht auf eine Videowand schauen, um einen Gesichtsausdruck zu erkennen. Ich hatte ihn direkt vor der Kamera.
Und dann waren da die Trommler. Wenn das Schlagwerk gemeinsam einsetzte, änderte sich sofort die Atmosphäre im Raum. Diese Musik funktioniert eben nicht allein über Melodien. Sie lebt von Rhythmus, Wiederholung und Druck. Man merkt irgendwann, dass im Publikum längst nicht mehr nur aufmerksam zugeschaut wird. Die Musik setzt sich körperlich durch.
Gerade deshalb passte Corvus Corax so gut in diesen Club. Eine größere Halle hätte mehr Platz geboten, vielleicht auch mehr Showmöglichkeiten. Aber hier war alles enger. Unmittelbarer. Die Bühne wirkte zeitweise fast zu klein für all die Dudelsäcke, Trommeln und Musiker, und genau daraus entstand eine besondere Energie.
Zwischen Beowulf, alten Sprachen und Tanzlust
„Gimlie“ war kein leichtes Popalbum mit simplen Refrains. Corvus Corax sangen weiterhin in alten und teilweise längst nicht mehr gebräuchlichen Sprachen, griffen historische Texte auf und bauten ganze Geschichten über mehrere Stücke hinweg auf. Gleichzeitig konnte die Musik erstaunlich direkt sein. Songs wie „Unicornis“ oder „Crenaid Brain“ besitzen einen Rhythmus, der keine Übersetzung braucht.
Das war für mich auch der entscheidende Punkt dieses Abends. Man musste nicht jede sprachliche oder mythologische Ebene verstehen, um das Konzert zu fühlen. Wenn mehrere Dudelsäcke gleichzeitig loslegten und das Schlagwerk darunter immer weiter Druck machte, erledigte sich jede theoretische Diskussion ohnehin ziemlich schnell.
Am 6. März 2014 brachten Corvus Corax keine mittelalterliche Dekoration nach Mannheim. Sie brachten ihren eigenen Kosmos mit. Für ein paar Stunden standen in der Alten Seilerei keine klassischen Rockinstrumente im Mittelpunkt, sondern Luft, Holz, Felle, Metall und sieben Musiker, die daraus einen erstaunlichen Lärm machten.
Und verdammt, das hatte Wucht.
Text & Foto © Boris Korpak | bokopictures













